Vor ein paar Tagen wurde Susan Sarandon wieder einmal festgenommen. Bei einer Demonstration jüdisch-amerikanischer Aktivisten gegen die Rede von Israels Premier Netanyahu vor der UN-Vollversammlung legte die Polizei ihr Handschellen an. Schon 2018 war sie bei einer Kundgebung gegen Donald Trumps Ausländerpolitik in Polizeigewahrsam gekommen. Seither hat sie nicht nur lautstark gegen die Regierung Trump und die Waffenlobby, sondern auch gegen die israelische Kriegsführung in Gaza protestiert. Für eine Rede nach dem 7. Oktober, in der sie ihren jüdischen Mitbürgern zurief, sie verstünden jetzt, wie es sich anfühle, ein Moslem in Amerika zu sein, musste sie sich entschuldigen. Auch das Wort „Genozid“ ist schon über ihre Lippen gekommen, ebenso wie die Klage über die „Zionisten“ in Hollywood, denen sie die Schuld an ihrem Karriereknick in den letzten Jahren gibt.
Über all dem Tohuwabohu vergisst man leicht, was für eine großartige Schauspielerin Susan Sarandon ein halbes Jahrhundert lang gewesen ist. Seit ihren ersten Rollen neben Jack Lemmon und Walter Matthau (in Billy Wilders „Front Page“) und neben Robert Redford (in „Tollkühne Flieger“ von George Roy Hill) hat sie das amerikanische Kino mitgeprägt, und wenn sie seit Tom Tykwers „Cloud Atlas“ von 2012 keine wirklich großen Angebote mehr bekommen hat, dann steckt darin auch eine Wahrheit über die Filmindustrie, die mit der wilden Energie, mit der Sarandon vor die Kamera tritt, nicht mehr viel anzufangen weiß.
Von der Kellnerin mit Schürze zur Rächerin in Jeans
Denn das ist ihr Markenzeichen: der kraftvolle Auftritt. Die Präsenz, die Unmittelbarkeit, die Raumbeherrschung durch bloße Gegenwart. Unvergesslich die Szene, in der sie in „Der Klient“ den versammelten Gesetzeshütern (angeführt von Tommy Lee Jones) erklärt, dass sie als Anwältin des elfjährigen Mark den Herren ab sofort auf die Finger schauen wird. Oder der Augenblick, in dem sie in „Thelma und Louise“ gemeinsam mit Geena Davis den Tankwagen des Macho-Truckers in Brand schießt. Nicht selten, so auch hier, wird diese Kraftentfaltung als Entwicklungsgeschichte erzählt: von der Kellnerin mit Schürze und Häubchen zur Rächerin in Jeans und Sonnenbrille oder, wie in Louis Malles „Atlantic City, USA“, zum weiblichen Croupier am Roulettetisch. Aber eigentlich ist die Energie immer schon da, und man sieht sie bei Malle mit dem Blick von Burt Lancaster in den Bewegungen, mit denen sich Sally alias Susan den nackten Oberkörper mit Zitronensaft einreibt, um den Geruch des Fischrestaurants zu vertreiben, in einem der bleibenden Momente der Filmgeschichte.

Susan Sarandon war Anfang dreißig, als sie den Film drehte, eines von neun Kindern eines Fernsehproduzenten aus Queens, New York, das von einer katholischen Privatuniversität zum Theater und von dort zum Kino gekommen war. Malle, der Franzose in Amerika, hatte sie als vom Eros entfesseltes Blondchen in der „Rocky Horror Picture Show“ entdeckt und für sein Bordelldrama „Pretty Baby“ gecastet, und der Frankophilie blieb sie treu, bis sie, ihr zweiter unsterblicher Moment, in Tony Scotts „Begierde“ von Catherine Deneuve verführt und zur Vampirin transformiert wurde. Von da an spielte sie Familienmütter („Little Women“) ebenso wie Drogenhändlerinnen (in Paul Schraders „Light Sleeper“), Zauberinnen („Die Hexen von Eastwick“) und sogar Schauspielerinnen (in Robert Bentons wunderbarem Neo-Noir „Zwielicht“), und es gab kaum ein Jahr, in dem sie nicht in einer Rolle glänzte, die man von ihr nicht erwartet hätte.
Ihren Oscar, den einzigen, bekam sie für ihren Auftritt als Schwester Helen Prejean in „Dead Man Walking“, dem Film ihres langjährigen Ehemanns Tim Robbins. Es ist die Figur, die ihr am unähnlichsten ist, weil sich in ihr alle Kraft, die sie besitzt, nach innen wendet, in die Augen, die Mimik, die leise, eindringliche Stimme, mit der sie den Mörder Sean Penn dazu bringt, sich in der Todeszelle zu seiner Tat zu bekennen. Mehr Kino geht nicht in einem Gesicht. Dreißig Jahre ist das her. Jetzt wird Susan Sarandon, die Unverwechselbare, achtzig Jahre alt.
