
Wir reden aneinander vorbei. Immer öfter. Ein echter Diskurs wird dadurch massiv erschwert. Und warum? Weil eine gemeinsame Informationsgrundlage fehlt. Eine repräsentative Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung zeigt, dass ausgerechnet viele jener Medien, über die Menschen sich politisch informieren, diese gemeinsame Informationsbasis zunichtemachen.
Für die Studie haben Jochen Roose und sein Team 4000 Menschen befragt, wie sie sich über das politische Geschehen informieren. Demnach ist die Bedeutung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks nach wie vor groß: Gut die Hälfte der Befragten nutzt die Angebote im linearen Fernsehen oder in den Mediatheken der Rundfunkanstalten. 39 Prozent lesen Zeitung. Jeder Vierte bevorzugt das Programm der öffentlich-rechtlichen Radiosender. Genauso viele informieren sich in den sozialen Medien über das politische Geschehen in Deutschland.
Trennlinie entlang der Generationsgrenze
Ein Problem hebt die Studie jedoch deutlich hervor: Politische Information wird durch die unterschiedliche Mediennutzung in getrennte Räume verlagert. Die entscheidende Frage sei, ob die wichtigen gesellschaftlichen Fragen gemeinsam diskutiert werden, sagt Jochen Roose im Gespräch mit der F.A.Z. „Wenn in der einen Medienwelt ganz andere Themen und Argumente ausgetauscht werden als in der anderen, kommt es nicht mehr zu einer gemeinsamen Diskussion.“ Warum politische Entscheidungen getroffen werden, sei für viele dann unverständlich.
Die Autoren der Studie haben untersucht, wie sich das Mediennutzungsverhalten unterscheidet und welche Gemeinsamkeiten es gibt. Dabei fällt auf: Es gibt eine klare Trennung im Medienkonsum entlang der Generationsgrenze zwischen den Menschen über und unter 40 Jahren. Menschen über 40 Jahren schauen vorwiegend öffentlich-rechtliches Fernsehen oder lesen Zeitung, um sich politisch zu informieren. Die stärkste Gruppe der Untersuchung sind die Personen über 70. Von ihnen schauen 74 Prozent öffentlich-rechtliches Fernsehen, um sich zu informieren, jeder Zweite liest Zeitung. Bei den Befragten zwischen 40 und 50 Jahren schaut nur noch jeder Zweite fern, ein Drittel liest Zeitung. Soziale Medien spielen für diese Altersgruppe eine untergeordnete Rolle.
Kluft durch Parteipräferenz
Plattformen wie Instagram, Youtube, Tiktok und X sind für Menschen unter 40 Jahren wesentlich wichtiger. Die Befragten bis 30 führen die sozialen Netzwerke als Hauptquelle an: Jeder Zweite informiert sich dort über Politik. Die Zeitung oder das öffentlich-rechtliche Fernsehen nutzt dafür nur etwa ein Drittel. Dieser Wandel hat der Studie zufolge gravierende Auswirkungen: Während klassische Medien Informationen mit einem geringen Grad von Interaktivität vermitteln, können Nutzer in sozialen Netzwerken Inhalte konsumieren, bewerten, weiterleiten und selbst als Sender auftreten. Die politische Kommunikation verändere sich dadurch grundlegend.
Neben dem Alter gibt es noch eine weitere Trennlinie bei der politischen Ausrichtung der Wahlberechtigten. Eine zentrale Rolle spielt dabei das Vertrauen in den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Zwar hält mehr als die Hälfte der Befragten die politische Berichterstattung der Rundfunkanstalten für glaubwürdig (67 Prozent). Im Jahr 2019 lag der Anteil jedoch noch bei 78 Prozent. „Dieser Trend hat sich noch einmal fortgesetzt“, sagt Roose.
Polarisierung durch unterschiedlichen Medienkonsum
Diese Entfremdung spiegelt sich in der Parteipräferenz: Nur etwa ein Viertel der AfD-Anhänger hält den öffentlich-rechtlichen Rundfunk für glaubwürdig. Im krassen Gegensatz dazu steht der Anteil der Grünen-Wähler (93 Prozent), der SPD (85 Prozent), der CDU/CSU (80 Prozent) und auch der Linken mit 82 Prozent. Wähler von AfD und BSW bevorzugen die sozialen Medien als Informationsquelle.
Zwei von fünf Wahlberechtigten gaben an, dass sie ihre Meinung nicht durch die öffentlich-rechtlichen Sender vertreten sehen. „Diesen hohen Anteil finde ich alarmierend“, sagt Roose. Das Gefühl, im Programm unterrepräsentiert zu sein, betrifft laut den Ergebnissen Menschen, die Wirtschaftswachstum wichtiger als Klimaschutz finden, Immigration einschränken wollen und Steuersenkungen bei geringeren Sozialleistungen fordern.
Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass die Nutzung unterschiedlicher Medien zur Polarisierung in der Gesellschaft beiträgt. Dem müsse man, gerade im Hinblick auf die Reformdebatten im Bundestag, entgegenwirken: „Wir brauchen eine Debatte über das Pro und Kontra von politischen Entscheidungen. Die Gründe für Reformentscheidungen müssen den Menschen klar werden“, sagt Roose.
Um diese Entscheidungen vermitteln zu können, müsse politische Kommunikation an das Mediennutzungsverhalten der unterschiedlichen Gruppen angepasst werden, so die Empfehlung der Studie: ein stärkerer inhaltlicher Fokus auf die Zielgruppe unter 40 Jahren, mehr Sichtbarkeit der Parteien der Mitte in den sozialen Netzwerken. Wer politische Ziele vermitteln will, muss verstehen, wie potentielle Wähler an ihre Informationen kommen. Die Parteien an den Rändern haben das längst verstanden.
