
In den vergangenen zwei Jahrzehnten zeigte die Bildungspolitik gefühlt nur in eine Richtung. Die Zahl der Studenten wuchs von einer auf drei Millionen, im gleichen Zug stieg die Studiendauer, immer mehr Abiturienten strömten an die Universitäten, die sich darüber fortschreitend in Schulen verwandelten. Wer einen Handwerker suchte, musste Geduld aufbringen. Termine wurden in Zeitfenstern vergeben, die sich ins Unendliche dehnten.
Daran änderte auch der Deutschlandbesuch der amerikanischen Präsidententochter Ivanka nichts, die das Interesse an der dualen Ausbildung, wie sie sagte, über den Atlantik zog. Das im Ausland bewunderte duale Modell wurde im Inland verschmäht. Die Hebammenausbildung wandelte sich in ein Hebammenstudium und die Fachhochschulen wurden zu Universitäten für angewandte Wissenschaften. Der Sozialdemokrat Julian Nida-Rümelin, der dafür den Begriff Akademisierungswahn prägte, bekam heftigen Gegenwind.
Laut einer neuen Bertelsmann-Studie neigt sich diese Zeit dem Ende zu. 76 Prozent der mehr als 1700 befragten jungen Menschen können sich heute eine Ausbildung vorstellen und nur 67 Prozent ein Studium. Fast alle bewerten die Ausbildung als gute Basis für die berufliche Karriere, jeder siebte meint, man könne damit gut verdienen. Die 1300 zusätzlich befragten Ausgebildeten sind mit ihrer Wahl in der Regel sehr zufrieden und würden sie wieder so treffen.
Mangel an Ausbildungsplätzen
Nun liegt zwischen Meinen und Handeln oft ein Unterschied. Die Trendumkehr hat aber auch eine Faktenbasis. Schon vor drei Jahren kam eine Studie des Forschungsinstituts für Bildungs- und Sozialökonomie zu dem Ergebnis, dass der Anteil der Abiturienten, die eine Ausbildung tatsächlich beginnen, zwischen 2011 und 2021 um vierzehn Prozent gestiegen ist. Das Problem ist nicht das fehlende Interesse, sondern der Mangel an Ausbildungsplätzen. Besonders trifft dies Hauptschüler, die sich oft vergeblich darum bemühen, und noch mehr die dramatisch wachsende Zahl der Jugendlichen ohne Schulabschluss, die im Niedriglohnsektor oder in der Arbeitslosigkeit landen.
Vom Ende des Studienbooms zu sprechen, wäre trotzdem übertrieben. Die Zahl der Studienanfänger erreichte vor fünfzehn Jahren den Spitzenwert, als die Wehrpflicht ausgesetzt wurde und die doppelten Abiturjahrgänge an die Hochschulen kamen. Seither ist sie nur leicht gesunken. Konstant hoch ist die Abbrecherquote, was darauf hindeutet, dass manche Studenten in einer Berufsausbildung besser aufgehoben wären.
Es bleibt das Paradox, dass vergangenes Jahr mehr als fünfzigtausend Stellen unbesetzt blieben und mehr als achtzigtausend Bewerber trotzdem keinen Ausbildungsplatz fanden. Angebot und Nachfrage passen oft nicht zusammen. Laut der Studie sind die Unternehmen zu wählerisch. Zu viel werde auf Schulnoten und zu wenig auf die Motivation geachtet. Jugendliche mit niedrigem Schulabschluss würden sich oft gar nicht erst bewerben, weil sie meinten, keine Chance zu haben. Man kann es aber wohl nicht allein darauf zurückführen.
Die gesetzlich verankerte Ausbildungsgarantie, die in eng umgrenzten Fällen außerbetriebliche Ausbildungen anbietet und ansonsten mit Mobilitätszuschüssen und anderen Begleitmaßnahmen beim Berufseinstieg hilft, wird die Lücke allein nicht schließen. Mehr vorbereitende Praktika und assistierte Ausbildungen, wie die Studie fordert, würden sicher nicht schaden.
Einen Mentalitätswandel wird aber wohl erst der Strukturwandel durch die Künstliche Intelligenz bewirken, der besonders die akademischen Berufe trifft. Eine Stelle als Pflegekraft oder Mechatroniker könnte attraktiver werden als der Job eines Übersetzers oder Softwareentwicklers. Das Argument, man brauche mehr Hochschulabsolventen für eine komplexe Arbeitswelt, verliert damit an Überzeugungskraft. Es wurde oft vorgeschoben, um ein Anerkennungsproblem zu lösen. Die Kritik an der Überakademisierung richtete sich in Wahrheit nie gegen das Studium, sondern nur gegen die Vorstellung, ein Hochschulabschluss sei der einzig erfolgreiche Bildungsweg. Es ist zwar schade, wenn erst der technische Fortschritt zu der Einsicht verhilft, dass das nicht ganz stimmt. Aber wenn sie sich jetzt unter jungen Menschen durchsetzt, ist das kein schlechtes Signal.
