
„Hörst du, wie das Volk erklingt? Von uns’rer Wut erzählt der Wind. Das ist die Symphonie von Menschen, die nicht länger Sklaven sind“, singt das unterdrückte Volk in dem Musical „Les Misérables“.
Victor Hugos Geschichte ist zwar fiktiv, ihre Botschaft aber zeitlos: Bildung bedeutet Verantwortung und Macht. Studenten verfügen über Wissen, sie sollen es nutzen, um Missstände sichtbar zu machen und jenen eine Stimme zu geben, die selbst kaum Gehör fanden. Doch heute scheinen Hochschüler vor allem mit sich selbst beschäftigt zu sein. Zwischen Vorlesungen, Nebenjobs und dem Streben nach einem möglichst perfekten Lebenslauf bleibt scheinbar wenig Raum für Rebellion. Zumindest in Deutschland. Doch ist ihnen die Lust auf Revolte wirklich ausgetrieben worden – oder wird ihren Protesten nur weniger Aufmerksamkeit zuteil?
Die Gesellschaft hat sich verändert
Immer wieder höre ich als Studentin diesen Satz: „Was ist nur aus der heutigen Jugend geworden?“ Früher, heißt es, habe man für seine Überzeugungen gekämpft. Wir Studenten haben nun bei der älteren Generation einen anderen Ruf: Wir setzten uns für unnötige Ideale wie das Gendern ein. Seien „Gutmenschen“ und „Dauerstudenten“, die sich vor dem Berufsleben drückten. Über Studenten gibt es viele Klischees, und meiner Meinung nach wird kaum eines davon der Realität gerecht.
Mit der Gesellschaft haben sich auch die Studenten verändert. Genauer gesagt: die Formen ihres Protests. Wer behauptet, Studenten seien heute unpolitisch, übersieht, dass sie sich weiterhin engagieren – nur für andere Themen und mit anderen Mitteln. Ob Klimaschutz, Hochschulfinanzierung, Migration oder der Kampf gegen Rechtsextremismus: ASten, Fachschaften, Hochschulgruppen und Initiativen organisieren regelmäßig Demonstrationen und Aktionen. Die Gewerkschaft Verdi berichtete im vergangenen Jahr von Tausenden Studenten aus 40 Universitäten, die auf den Straßen gegen den Rechtsruck demonstriert hätten.
Straßenschlachten wie 1968 gibt es allerdings heute kaum noch – zum Glück. Meistens wird Unmut friedlich artikuliert, mit Petitionen, Kundgebungen und Social-Media-Kampagnen. Rebellisch sind Studenten also schon noch, sie zeigen es nur auf andere Art.
Täglicher Kampf für das eigene Fortkommen
Studenten kämpfen aber vor allem für eines, und das jeden Tag: für ihr eigenes Fortkommen. Ein Arbeitsmarkt, der Praktika, Auslandssemester und Bestnoten erwartet, setzt viele unter ständigen Leistungsdruck. Dabei sind viele Studenten nach ihrem Masterabschluss erst einmal arbeitslos oder bekommen nur eine befristete Kurzzeitstelle. Wer längere Zeit auf dem Campus verbringt, findet vor allem eins vor: Zukunftsangst. Hinzu kommen politische Unsicherheiten: Themen wie Wehrpflicht, Hochschulfinanzierung oder die wirtschaftliche Entwicklung beschäftigen viele Studenten ebenso wie die Frage, wie sie ihren Alltag bezahlen sollen.
Allein mein Semesterbeitrag liegt inzwischen bei rund 400 Euro. Hinzu kommen Ausgaben für Miete, Lebensmittel, Versicherungen und Lernmaterialien. Und das alles wird mit einem Job finanziert, in dem ich nur 20 Stunden in der Woche arbeiten darf. Sonst verliere ich meinen Studentenstatus. Dabei habe ich eine Tätigkeit, die ich liebe und bei der ich viel lernen kann. Was ist mit Menschen, die dieses Glück nicht haben?
Bundesforschungsministerin Dorothee Bär (CSU) sagte in der Debatte über das Bafög, es sei „kein Drama, wenn Studierende neben dem Studium jobben. Viele sammeln dabei sogar wichtige Erfahrungen fürs Leben und den Beruf.“ Das mag stimmen. Ein Nebenjob kann Erfahrungen vermitteln. Doch man verliert auch Zeit. Zeit zum Lernen, für Engagement und für politische Diskussionen. Ganz zu schweigen von Hobbys, Familie und Freunden. Wer morgens studiert und abends kellnert, um die Miete zahlen zu können, hat weniger Zeit zu protestieren.
Die Frage lautet deshalb nicht: Was ist aus den Studenten geworden? Sondern: Was ist aus einer Gesellschaft geworden, in der junge Menschen so sehr mit ihrer eigenen Zukunft beschäftigt sind, dass ihnen kaum noch Zeit bleibt, wie die Revolutionäre in „Les Misérables“ für die Zukunft aller zu kämpfen?
