
Die verzweifelten Rufe aus dem Einzelhandel sind seit langer Zeit nicht zu überhören. Die Paketflut aus China ausgehend von den Billigshops Shein und Temu bringt zahlreiche Läden und Händler in Existenznöte. Ob mangelnde Produktsicherheit, mutmaßliche Zoll- und Steuertricks sowie manipulative Designs im Onlineshop: Die Liste der Kritik ist üppig und allseits bekannt.
Nun hat die EU-Kommission eine Geldbuße in Höhe von 200 Millionen Euro gegen Temu verhängt. Die Gefahr, mit illegalen Artikeln in Kontakt zu kommen, sei zu hoch. Der Onlinemarktplatz hat nun bis Ende August Zeit, einen Aktionsplan vorzulegen, um die Probleme zu beheben. Der Schritt ist zu begrüßen. Wer EU-Regeln bricht, hat die volle Härte des Gesetzes zu spüren. Gleiche Regeln für alle sind die Voraussetzungen für fairen Wettbewerb und damit für das Funktionieren der Marktwirtschaft. Aufatmen kann die Branche deswegen aber nicht.
Angriff auf die Rechtsstaatlichkeit
Die zusätzlichen Gebühren auf Pakete allein schaffen keinen fairen Wettbewerb. Und die Zollreform der EU lässt noch auf sich warten. Die EU-Kommission muss das Tempo und die Effizienz erhöhen, um wirksame Kontrollmechanismen zu etablieren.
Derweil zeigen die aktuellen Geschäftsergebnisse des größten deutschen Onlinehändlers Otto, dass der Kampf gegen Temu und Co. nicht aussichtslos ist. Das Traditionsunternehmen, bekannt für sein soziales und nachhaltiges Gewissen, konnte seinen Gewinn deutlich steigern. Zur Wahrheit gehört aber auch: Ohne eine härtere Gangart gegen bisherige Partner und Stellenabbau ist das nicht zu schaffen.
Amazon und die chinesischen Shops haben den Konkurrenzdruck im Einzelhandel auf eine Art und Weise verschärft, wie es sich vor 30 Jahren kaum jemand hätte vorstellen können. Es besteht allerdings keine Bestandsgarantie für ineffiziente Geschäftsmodelle. In Deutschland gibt es neben Otto viele Beispiele, die vormachen, wie es geht.
Zur Digitalisierung gehört auch der intelligente Einsatz von Künstlicher Intelligenz. Die Deutschen sind schon jetzt bereit, sich von KI-Agenten beim Shopping helfen zu lassen. Die Voraussetzung dafür ist, sichere Einkaufsbedingungen zu schaffen. Hier liegt eine große Chance für den deutschen Einzelhandel.
