So klingen Welthits auf Hessisch, in diesem Fall „Umbrella“ von Rihanna: „Isch hoff du hast nix dagesche, stell disch unner meinen Reschescherm.“ Und besagter „Reschescherm“ hat bei der Eröffnung des Kulturfestivals Stoffel am Donnerstagabend Hochkonjunktur. Am Nachmittag dient er noch als Schutz gegen die Sonne, als Kabarettist Johannes Scherer mit einem Gefrierbeutel im Nacken das Fest eröffnet – das Handy zeigt dabei mitunter 40 Grad an. Als dann am Abend einige Regenschauer über den Günthersburgpark ziehen, gehen die Schirme abermals auf. Aber auch das tut dem Besucherstrom keinen Abbruch. Die Botschaft des Stalburgtheaters bewahrheitet sich: Egal wie widrig die Umstände – egal ob Hitze oder Regen – es wird gestoffelt.
„Waren überhaupt schon einmal so viele Zuschauer auf dem Stoffel?“, fragen die festivalerfahrenen hessischen Welthits-Sänger Tilman Birr und Elis Bihn die begeisterte Menge. Die etwa 1000 Sitzplätze unter dem Sonnendach sind besetzt. Zahlreiche Besucher sitzen auch davor und dahinter auf der gelb gebrannten Wiese. „Eine Dependance der Wüste Gobi“, so beschreibt Moderator Matthias Keller auf der Bühne den Anblick des gut gefüllten Parks. Das Publikum scheint das nur bedingt zu stören. Viele haben Decken dabei, sitzen verteilt im Park und genießen die Musik und die nach den Schauern erträgliche Abendsonne. Eine Gruppe spielt Volleyball. Vor der Bühne wird ausgelassen getanzt.

„Seit ich in Frankfurt wohne, ist der Stoffel gesetzt“, sagt Claudia Weber. Mit Partner, Freunden und Bembel hat sie noch einen Platz an einer der Bierzeltgarnituren ergattern können. Der Stoffel ist für sie ein Ort der Begegnung. Man treffe immer wieder dieselben, aber auch jedes Mal neue Menschen. Lokale Künstler bekommen die Möglichkeit, sich vor einem größeren Publikum zu präsentieren. Der Open-Air-Charakter und dass es nicht kommerziell sei, macht für Weber den Stoffel aus.
Nicht kommerziell heißt, dass der Stoffel keinen Eintritt kostet. Aber: Der Stoffel ist nicht umsonst, er kostet das Stalburg Theater jedes Jahr viel Geld. Deswegen gehen nach jedem Auftritt Mitarbeiter des Theaters mit den vielen Besuchern schon vertrauten roten Eimern durch das Publikum und sammeln Spenden. „Geben Sie, was Ihnen der Abend wert ist“, sagt Michael Herl, der Gründer und Leiter des Theaters.
Die finanzielle Situation des Stoffels beschreibt er als „ein bisschen mau“. Das Festival habe einen Etat von 200.000 Euro, der hauptsächlich über die Spenden gedeckt werde. Sonst müsse das Theater draufzahlen, was vor zwei Jahren schon einmal der Fall war. „Es hat sich lange getragen, seit ein paar Jahren ist es nicht mehr so. Die Grundeinstellung der Leute hat sich verändert“, sagt Herl, von Solidarität hin zu Konsum. Für den Stoffel Eintritt zu verlangen, sei jedoch keine Option: „Wir wollen den vielen Leuten, die kein Geld haben, um in den Urlaub zu fahren, eine sommerliche Unterhaltung bieten.“
