Das Jahr 2018 war ein besonders trockenes Jahr. Von da an wurde Deutschland im allgemeinen Bewusstsein von einem Land mit Wasser im Überfluss zu einem Land, dem Wassermangel droht: In den Frühjahren bleibt der Regen aus, Böden enthalten zu wenig Feuchtigkeit, Grundwasserspiegel und Pegelstände von Flüssen und Seen sinken. Ein verregneter Sommer reicht nicht mehr aus, um trockene Jahre auszugleichen. Die Ursache: der Klimawandel.
Der Hydrologe Kaveh Madani hat dafür einen anderen Begriff geprägt: „Wasserbankrott“. Denn er sieht neben dem Klima eine weitere Ursache für Wasserknappheit: Wie ein insolventes Unternehmen, das dauerhaft mehr Geld ausgegeben hat als eingenommen, verbrauchen wir mehr Wasser, als die Natur nachliefern kann, und zwar global. Er fürchtet, dass der Klimawandel zu einer Ausrede wird, um von Misswirtschaft abzulenken. Der Klimawandel verschärfe die Unwucht nur, in die der Wasserkreislauf geraten ist. Zu hoffen, dass sich die Situation eines Tages von selbst wieder bessern wird, hält er für eine gefährliche Illusion. Und auch dort, wo genug Wasser vorhanden ist, entstehe Wassermangel, und zwar durch Verschmutzung mit Abwässern, Salz, Bergbau- und Industrieabfällen, Dünger oder Pestiziden.
Für diese Beschreibung wird der Wasserexperte, der am City College of New York lehrt und am Institut für Wasser, Umwelt und Gesundheit der UN-Universität im kanadischen Richmond Hill forscht, im August den Stockholm Water Prize erhalten. Die Auszeichnung, die auch als Wassernobelpreis bezeichnet wird, würdigt seine Beiträge zum Schutz der Wasserressourcen. Madani ist der jüngste Preisträger in der 35-jährigen Geschichte dieses Preises.
Rückkehr nach Iran
Das Jahr 2018 bedeutet auch für ihn einen Einschnitt: Von einem gefragten Wissenschaftler wurde er zu einem Verfolgten. In seinem Heimatland als Verbrecher diffamiert, geriet er in Lebensgefahr. 1981 in Iran geboren, studierte Kaveh Madani in Täbris Bauingenieurwesen, bevor ihn ein Masterstudium in Wassermanagement an die Universität Lund führte. „Wie viele andere junge Iraner suchte ich eine bessere Ausbildung und ein besseres Leben.“ An der University of California in Davis promovierte er und fand danach eine Anstellung am Imperial College in London. Dort etablierte er sich als Forscher, der mathematische Modelle unter anderem aus der Spieltheorie nutzt, um Konflikte bei der Wassernutzung zu analysieren.
Im Jahr 2017 erhielt Madani das Angebot, als stellvertretender Umweltminister nach Iran zurückzukehren. Warum er annahm? „Ich glaube, jeder Wissenschaftler kommt irgendwann in seiner Karriere an den Punkt“, sagt Madani, „an dem er sich fragt: Was kann ich in der Welt bewirken?“ Preise, Titel und Publikationen anzuhäufen, reichte ihm nicht mehr. Madani hatte sich bereits wissenschaftlich mit Bewässerung, Dürre, Flüssen und Seen in Iran befasst. Nun wollte er direkt etwas ändern: Er sah die Chance, das Wassermanagement in seiner Heimat zu verbessern und damit etwa für Menschen und Umwelt zu tun. Ihm war klar, was für ein Regime in Iran herrscht und dass seine Rückkehr riskant ist. „Ich bin nicht naiv“, sagt er. Aber er hatte die Hoffnung, dass sich die Islamische Republik geändert habe. Er stellte nur eine Bedingung: „Ich wollte nicht im Gefängnis landen.“ Aber selbst das war zu viel verlangt – die entsprechende Zusicherung der Regierung erwies sich als wertlos.
Festnahmen, Beschuldigungen, Verhöre
Bereits bei der Einreise am Flughafen wurde Madani festgenommen. Anders als der Regierung erschien er den Sicherheitsbehörden verdächtig: Jemand, der eine angesehene Position in London verlässt, um eine schlecht bezahlte in einem Land wie Iran anzunehmen, der könne nur ein Spion sein. Noch immer glauben dies Teile des Apparats: „Heute wird verbreitet, ich hätte Ziele für die Raketenangriffe ausgespäht.“
Die Arbeit im Umweltministerium konnte er dann doch antreten, lange bleiben konnte er nicht. Er leitete 2017 noch die Delegation Irans bei den Klimaverhandlungen in Bonn und kritisierte das Pariser Abkommen dafür, der Wasserknappheit zu wenig Aufmerksamkeit zu widmen. In seinem Land versuchte er Transparenz bei der Verteilung des Wassers durchzusetzen.
Im Januar 2018 gerieten iranische Umweltaktivisten ins Fadenkreuz der Revolutionsgarden. Einer von ihnen, Madanis Weggefährte Kavous Seyed-Emami, starb im Gefängnis – unter ungeklärten Umständen. Auch Kaveh Madani wurde verhaftet und verhört. Die Justiz warf ihm vor, mit der Aussage, das Wasser sei knapp, der Landwirtschaft zu schaden, die vollständig auf künstliche Bewässerung angewiesen ist. Er vermutet, dass er zu viel Lärm gemacht habe. „Ich galt als Nestbeschmutzer, als vom Westen beeinflusst, wenn ich über die Umweltprobleme redete.“ Ob das wissenschaftlich belegt war oder nicht, interessierte die Machthaber nicht. „Sie nannten mich einen Wasserterroristen.“ Er kam nach einem Tag wieder frei und floh. In den USA tauchte er wieder auf, an der Universität Yale setzte er seine wissenschaftliche Arbeit fort.
Aktivismus durch Fakten
Ob er sich heute eher als Aktivist oder als Wissenschaftler versteht? Madani betont, dass er immer zu dem gestanden habe, was wissenschaftlicher Konsens ist, selbst als er in der Politik war. „Wir Wissenschaftler sollten dafür kämpfen, dass wir sagen dürfen, was wahr ist.“ Wenn Aktivismus bedeute, Emotionen zu verbreiten statt Fakten, dann sei er kein Aktivist. „Aber Wissenschaftler können auch Aktivisten sein. Denn Aktivismus braucht Wissenschaftler.“
Im vergangenen Dezember saß Teheran auf dem Trockenen. Nach jahrelanger Dürre waren die Speicherseen zu Pfützen geschrumpft, aus den Wasserhähnen der Zehn-Millionen-Einwohner-Stadt kam immer häufiger nichts mehr. Die britische Zeitung „Guardian“ zitierte Präsident Massud Peseschkian: Wenn es nicht regne, müsse die Hauptstadt evakuiert werden. Eine solche Situation hatte Madani vorhergesehen, und das Jahre bevor er sich mit der Warnung davor in Iran Feinde gemacht hatte. „Als Wissenschaftler möchten wir eigentlich, dass unsere Vorhersagen eintreffen“, sagt er. „Aber ich wünschte mir nicht, dass meine Landsleute leiden.“

Als es zu Beginn des Frühjahrs endlich regnete, wurde die Wasserknappheit nicht wirklich besser. Krieg war ausgebrochen, Ölförderanlagen und Raffinerien brannten, der Regen spülte den Ruß in Böden und Wasserspeicher. „Wenn ein Land bombardiert wird, wen kümmern dann die Vögel und der Zustand der Böden?“, fragt Madani, „Wer interessiert sich dann für einen nachhaltigen Umgang mit Wasser und Umwelt?“ Wenn ein Land es schon in Friedenszeiten nicht schaffe, seine Wasserreserven zu managen – im Krieg werde es erst recht nicht gelingen. „Und die Welt schweigt zu dem, was in Iran mit der Umwelt passiert.“ Die Zerstörung der Wasserinfrastruktur und von Meerwasserentsalzungsanlagen am Persischen Golf schade den Menschen in der gesamten Region.
Daher sei beim Wassermanagement multilaterale Zusammenarbeit erforderlich, sagt Madani. „Denn bei dem Thema lassen sich nationale wie internationale Interessen in Einklang bringen.“ Der Begriff „Wasserbankrott“ soll nicht zu Resignation führen, schreibt er im Report „Global Water Bankruptcy“. Der Begriff solle klarmachen: Es ist jetzt die Zeit, einen wissenschaftsbasierten Umgang mit einer Ressource zu finden, von der alle Gesellschaften abhängen.
