
Der amerikanische Präsident Donald Trump empfiehlt in einem Dekret, die Zahl der Standardimpfungen für Kinder von 18 auf elf zu senken. Auch rät er zu größeren Impfabständen und zur Aufteilung von Kombinationspräparaten wie gegen Masern, Mumps und Röteln. Was das bedeuten kann, auch für Deutschland, schätzt Reinhard Berner ein, seit 2024 Vorsitzender der Ständigen Impfkommission STIKO. Als Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Uniklinikum Dresden kennt sich der 62 Jahre alte gebürtige Karlsruher mit dem Thema besonders gut aus.
Herr Professor Berner, US-Präsident Trump will die Zahl der Kinderimpfungen verringern. Wie sinnvoll ist das?
Trump schreibt nicht konkret vor, weniger zu impfen, aber er schürt die Verunsicherung. Es werden Zweifel an der Sicherheit und Wirksamkeit von Impfungen gesät, sie werden in die Nähe von etwas Gefährlichem und Unseriösem gerückt. Kinderärzte dürfen weiterhin impfen und Eltern sich dafür entscheiden. Aber faktisch wird das nicht mehr so oft passieren wie bisher, wo die Impfungen für alle gleichermaßen empfohlen wurden. Das Riskante liegt darin, ein in Amerika äußerst erfolgreiches Impfprogramm für alle zu untergraben und letztlich die Bevölkerung zu gefährden.
Gesundheitsminister Kennedy stellt Masernimpfungen in einen Zusammenhang mit Autismus.
Kennedy sagt, seine eigenen Kinder würde er impfen, aber Impfungen könnten psychische Leiden wie Autismus oder Aufmerksamkeitsstörungen verursachen. Begleitstoffe seien für Kinder möglicherweise ebenfalls schädlich. Das sind doppelte Botschaften, die Zweifel säen. All diese Zusammenhänge sind nicht belegt, im Gegenteil: Alles, was sich wissenschaftlich dazu finden lässt, beweist das Gegenteil von dem, was Trump und Kennedy sagen.
Trump verweist auf andere Industrieländer wie Deutschland und Dänemark, wo weniger geimpft werde.
Das ist eine perfide Strategie. Nehmen wir Hepatitis B. Tatsächlich impfen wir in Deutschland einen kleineren Anteil der Neugeborenen als in den USA. Nämlich nur solche, bei deren Müttern das Virus aktiv nachgewiesen wurde. Der Status wird in der Schwangerschaftsvorsorge bei allen Frauen getestet. In Amerika nicht, weil oft die Krankenversicherung fehlt. Viele Infektionen werden daher gar nicht erkannt. Wenn man sich damit vermeintlich rein formal an Deutschland orientiert, ist das mit erheblichen Risiken für die Neugeborenen verbunden. Das trifft nicht die Enkel von Kennedy oder Trump, sondern solche Familien, die keine Versicherung und kein Geld für die Screenings in der Schwangerschaft haben.
Trump empfiehlt, Impftermine voneinander zu trennen und die kombinierte Masern-Mumps-Rötel-Impfung aufzuteilen.
Auch dafür, dass die armen Kinder lieber drei statt einen Pikser erhalten sollen, existiert keine wissenschaftliche Begründung. Es gab vor Jahren in England die Kampagne eines Mediziners, dass Kombinationsimpfstoffe schädlich seien. Der Fall ist sehr genau aufgearbeitet worden, es gibt keinerlei Evidenz dafür. Im Gegenteil: Wenn ich drei Termine habe, steigt das Risiko, einen oder mehrere davon nicht wahrzunehmen und den Impfschutz zu gefährden.
Wird die US-Debatte zu uns schwappen?
Bestimmt. Vielleicht nicht konkret, aber die damit verbundene Verunsicherung, denn gerade die USA waren beim Impfen immer vorbildlich. Die Verunsicherung ist in Deutschland jetzt schon ein Problem, das könnte sich verschärfen. Man muss es ganz klar sagen: Zweifel sind Gift fürs Impfen, ob in Amerika oder bei uns. Auch unsere Pharmaindustrie und damit mittelbar auch wir als Verbraucher könnten dies zu spüren bekommen, die USA sind der wichtigste Markt. Möglicherweise steigen die Preise, und die Forschung nimmt ab. Schlimm ist zudem, dass die USA ihre Finanzierung für viele internationalen Impfprogramme wie etwa die Impfallianz Gavi eingefroren haben, die Entwicklungsländer unterstützt. Die zuständige Behörde USAID wurde 2025 einfach aufgelöst. Für die betroffenen Länder hat das tödliche Konsequenzen.
Wie ist die Impfsituation hierzulande?
Sie ist grundsätzlich gut, aber sie könnte viel besser sein. Die Durchimpfungsquoten bei Kindern werden zu spät erreicht. Irgendwie ist es verrückt: Deutschland hat einen segensreichen Corona-Impfstoff entwickelt und wahnsinnig schnell auf den Markt gebracht, der vielen von uns das Leben gerettet hat. Man hätte erwarten können, dass nach diesem Erfolg die Impfbereitschaft wächst, zum Beispiel gegen die ebenfalls gefährliche Grippe. Das ist aber nicht passiert.
Eher das Gegenteil. Die Gruppe, die Impfungen kategorisch ablehnt, ist zwar nicht wesentlich gewachsen. Die gab es schon in der Bismarckzeit gegen Pockenimpfungen. Aber die Zahl der Unentschiedenen und Verunsicherten hat zugenommen. Die müssen wir erreichen. Sie brauchen mehr Gespräche, Aufklärung und Beratung darüber, wie essenziell die Immunisierung ist, vor allem für Kinder, Alte und Kranke.
Das große Problem in Deutschland ist, dass viele Impfungen und Folgeimpfungen nicht zeitgerecht erfolgen. Wir sprachen schon darüber: Wird eine Impfung unnötig aufgeteilt oder ein Termin verschoben, wird möglicherweise der nächste versäumt. Das führt zu gefährlich niedrigen Immunisierungsquoten in besonders vulnerablen Altersgruppen gegen gefährliche Krankheiten wie zum Beispiel die Kinderlähmung.
Ja. Vor einigen Jahren fand man im Abwasser impfstoffabgeleitete Polioviren und hat untersucht, wie hoch die Impfquote in der größten Risikogruppe der Drei- und Vierjährigen war. Das erschreckende Ergebnis: Je nach Region hatten 25 bis 40 Prozent keine ausreichende Immunisierung. Es gibt derzeit keine Poliofälle in Deutschland. Aber käme das Virus zurück, wäre das brandgefährlich.
Gilt das nur für Kinderlähmung?
Nein. Der Schutz gegen Polio ist Teil der Sechsfachimpfung. Das Beispiel zeigt, dass die Immunisierung zwar begonnen, aber eben nicht vollständig abgeschlossen wurde. Wir müssen uns also ebenso auch über Keuchhusten, Diphtherie, Wundstarrkrampf oder Pneumokokken-Infektionen Gedanken machen. Es sind drei Dosen im Alter von zwei, vier und elf Monaten nötig, wobei der richtige Abstand wichtig ist. Die Verzögerung in ein späteres Lebensalter lässt eine Gruppe ungeschützter Kinder entstehen, obgleich deren Eltern keine Impfgegner und deren Ärzte keine Impfverweigerer sind.
Wäre eine Impfpflicht der richtige Weg?
Ich bin kein Freund der Impfpflicht. Sie kann mit einem gewissen Nachdruck daran erinnern, dass eine Impfung ansteht. Aber das muss sich auch anders erreichen lassen. Wichtig ist, mehr in die Aufklärung zu investieren und auch die schlechter erreichbaren Zielgruppen über alle verfügbaren Medien anzusprechen. Den Ärzten gilt es stärker zu vermitteln, wie wichtig das zeitgerechte Impfen ist. Gesundheitserziehung sollte in den Schulen beginnen.
Ist auch die Masernimpfpflicht seit 2020 unnötig?
Mich persönlich überzeugen die Ergebnisse der Masernimpfpflicht nicht. Die Impfquote ist leicht gestiegen, aber niemand weiß, ob das wirklich an der Pflicht liegt. Impfgegner kann man von dem Schutz ohnehin nicht überzeugen, die fälschen im Zweifelsfall eher Impfpässe. Wir müssen auf Freiwilligkeit setzen und zugleich Erwachsene und Kinder viel besser informieren und ihnen mehr niederschwellig anbieten.
In einem eigenen Schulfach?
Nicht zwingend in einem eigenen Schulfach, entscheidend sind verlässliche Konzepte der Vermittlung im Unterricht, vielleicht auch in unterschiedlichen Fächern. Mädchen und Jungen müssen vor dem ersten Sexualkontakt eine HPV-Impfung gegen die Verursachung von Gebärmutterhalskrebs erhalten. Sechzehnjährige Schülerinnen sind die werdenden Mütter von morgen und sollten daher rechtzeitig über Vorsorge und Säuglingsimpfungen Bescheid wissen. Das Klassenzimmer erreicht Kinder unabhängig von Bildungsstand und sozialem Status. Darin liegt eine große Chance für die Impfaufklärung.
Was lehrt die Corona-Pandemie?
Da lief in Sachen Impfung sehr viel richtig, aber auch manches falsch. Die Impfpflicht im Gesundheitswesen und in anderen Berufen war nicht hilfreich. Auch hätte man Mythen stärker und geschlossener entgegentreten müssen, die sich bis heute halten. So wird der mRNA-Impfstoff mit Impftoten und Genschäden über mehrere Generationen hinweg in Verbindung gebracht. Belege dafür hat es nie gegeben. Aber das steht im Raum und verunsichert. Hinzu kommt, dass viele Menschen nicht mehr wissen, was Diphtherie, Masern oder Kinderlähmung sind und welche verheerenden Folgen diese Leiden haben. Impfungen verhindern Erkrankungen, die man dann nicht mehr kennt. Das macht es so schwer, ihre Wichtigkeit zu vermitteln.
Wie unabhängig ist die neue STIKO vom Gesundheitsministerium?
Wir genießen sozusagen die Gnade der späten Geburt, weil wir berufen wurden, als die Pandemie vorbei und das Interesse der Öffentlichkeit abgeebbt war. Damit sank auch die Versuchung der Politik, Einfluss nehmen zu wollen. Für mich und für unsere STIKO kann ich sagen, dass wir eine völlig unabhängige Kommission sind. Das ist die STIKO aber zu allen Zeiten gewesen. Wir spüren keinen Einfluss des Ministeriums und sind ebenso unabhängig von der Industrie und anderen Interessengruppen. Unsere Arbeit ist komplett ehrenamtlich, ich erhalte keinen Pfennig dafür. Das ist vielleicht nicht schön, aber macht unabhängig. Wenn wir am Abend einer STIKO-Sitzung zusammen essen gehen, bezahlt jeder von uns selbst. Auch das ist vielleicht nicht schön, aber völlig richtig so.
