
Der Chemiekonzern BASF hat im ersten Halbjahr 2026 mehr Stellen abgebaut als in den beiden Vorjahren zusammen. Und in diesem Tempo wird es nach Einschätzung des Vorstandes „noch eine Weile weitergehen.“ Zwischen 300 und 350 Stellen im Monat fielen derzeit allein am Stammsitz Ludwigshafen weg.
Den gesamten Arbeitsplatzabbau im Konzern seit Anfang 2024 beziffert Vorstandschef Markus Kamieth auf 7000. Die Zahl der Vollzeitstellen in Ludwigshafen sei erstmals seit 1954 auf unter 30.000 gefallen, sagte er bei der Vorlage der Halbzeitbilanz. Das Stammwerk gilt als größtes zusammenhängendes Chemieareal der Welt, es erwirtschaftet allerdings schon seit einiger Zeit teils erhebliche Verluste.
Produktivität steigt
Zwei Drittel des Stellenabbaus entfallen nach Darstellung des Konzerns auf Europa. Detaillierter äußert sich die Führung nicht. Es ist aber kein Geheimnis, dass das Stammwerk die größte Last davon tragen muss. Die Rentabilität des Großstandortes ist nach Worten von Finanzchef Dirk Elvermann zwar gestiegen, Geld verdient BASF in Ludwigshafen aber immer noch nicht. Die Produktivität komme aber „stark voran.“
Nach Darstellung des Vorstands sind nur noch zwölf Prozent der Anlagen dort nicht wettbewerbsfähig, der Rest sei „hoch wettbewerbsfähig.“ Der Umbau zeigt also positive Folgen. Bei der ersten Bestandsaufnahme vor zwei Jahren hatte die Konzernleitung die Quote von Anlagen, die wegen hoher Energiepreise oder dauerhaft schwacher Nachfrage einem Risiko unterliegen, noch auf mehr als 20 Prozent taxiert.
Die Sparprogramme laufen nach Einschätzung des Vorstands nach Plan. In Summe will BASF bis Jahresende die Kosten um 2,3 Milliarden Euro senken. Den einmaligen Aufwand dafür beziffert Elvermann auf 1,9 Milliarden Euro. Ein Großteil des Geldes dürfte in die freiwilligen Abfindungsprogramme und Frühverrentungen vor allem in Deutschland fließen. Nach Information der F.A.Z. kann beispielsweise ein lang gedienter Beschäftigter mit Ende fünfzig in Ruhestand gehen und bekommt bis zu einem Eintritt in die gesetzliche Rente noch 70 Prozent seines Gehaltes weitergezahlt.
„Da können wir nicht raus“
Auf die Nachfrage, wie solche Abfindungsprogramme zu den Hilferufen der Branche in Berlin und Brüssel passen, verwies Kamieth auf die rechtlichen Rahmenbedingungen. „Da können wir nicht raus.“ Zudem habe der Konzern in seiner Standortvereinbarung betriebsbedingte Kündigungen ausgeschlossen. Das Programm rechne sich für das Unternehmen trotzdem, weil es weniger koste, als es bringe. Zugleich befürwortete Kamieth eine neue Debatte über den Kündigungsschutz. In der Vergangenheit seien die Rahmenbedingungen berechtigt gewesen und hätten dem Standort gutgetan. Heute sei eine Restrukturierung im Vergleich zu anderen Ländern allerdings „extrem teuer“. Das sei vor allem ein Risiko für junge Unternehmen.
Neben der steigenden Produktivität hat dem Konzern auch das Umfeld zu einem deutlichen Umsatz- und Gewinnschub im zweiten Quartal verholfen. Wie BASF schon vor einigen Tagen vorab mitgeteilt hat, sind die Erlöse im zweiten Quartal um 16,4 Prozent auf 17,2 Milliarden Euro gestiegen. Der Betriebsgewinn (EBITDA), Sondereffekte herausgerechnet, wuchs um gut die Hälfte auf 2,4 Milliarden Euro.
Der Konzern profitierte konkret von der kriegsbedingt lange geschlossenen Straße von Hormus am Persischen Golf, einem wichtigen Nadelöhr für Öl- und Gaslieferungen. BASF sei dank der globalen Aufstellung immer lieferfähig geblieben und habe deshalb von den steigenden Preisen für Chemikalien profitiert. Elvermann sagte, die Preissetzungsmacht gerade in Europa habe zugenommen. Zudem haben die steigenden Ölpreise die Importe aus Asien verteuert. Der Finanzvorstand geht davon aus, dass sich „dieses Muster“, wie er sagte, auch im dritten Quartal fortsetzen wird. BASF hatte deshalb schon Mitte Juli die Gewinnprognose für das laufende Jahr von 6,2 bis sieben Milliarden Euro auf 6,9 bis 7,7 Milliarden erhöht.
Der Vorstand sieht sich damit in seiner Strategie bestätigt. Vor rund anderthalb Jahren hat das neue Team unter Kamieth dem Traditionsunternehmen eine Radikalkur verordnet. Demnach soll sich der Konzern auf seine Kerngeschäfte rund um Chemie konzentrieren. Große Geschäfte, die weniger in die Verbundproduktion eingebunden sind, wie die Agrarchemie, Autolacke oder die ehemalige Öl- und Gastochtergesellschaft Wintershall, hat der Konzern schon verkauft, will sie noch verkaufen oder zumindest Teile davon – wie das Pflanzenschutzgeschäft – eigenständig an die Börse bringen.
Nach Kamieths Einschätzung hat der Konzern jedes dieser Segmente auf einen eigenen Weg gebracht. Die neuen Kerngeschäfte will der Vorstand nun besser harmonisieren, um weitere Synergien zu heben. Kamieth sprach von einem neuen „maßgeschneiderten Betriebsmodell“, in dem die Kerngeschäfte näher zusammenrücken, Forschung und Entwicklung, Service und Zentralfunktionen harmonisiert werden sollen. Die Fixkosten will der Konzern so um weitere 20 Prozent bis 2029 senken.
Zu möglichen Folgen für die Aufstellung und die Beschäftigten äußerte sich Kamieth nicht, der Prozess laufe gerade. Dass die BASF-Führung dabei im Zweifel nicht zimperlich vorgeht, zeigen die umstrittenen Pläne für ihren Service-Standort in Berlin. Teile davon sollen bis Ende 2028 in einen neuen globalen „Hub“ nach Indien verlagert werden.
Der Vorstand kündigte am Mittwoch zudem eine aktive Rolle in der erwarteten Konsolidierung der Branche an. Im aktuellen Marktumfeld hätten Zukäufe gegenüber organischem Wachstum an Attraktivität gewonnen. Zugleich betonte Kamieth, der Konzern sei nicht getrieben, werde nicht einfach Unternehmensteile kaufen, die andere jetzt zum Verkauf stellten. Mögliche Käufe müssten Synergien zu den Kerngeschäften bilden.
Wegen der schleichenden Deindustrialisierung und der verschlechterten Kostenposition steht die Produktion von Grundchemikalien in Europa unter Druck. BASF will aus dem Ausleseprozess erklärtermaßen als Sieger hervorgehen. Tatsächlich hat die Konsolidierung bereits an Fahrt gewonnen. Große Hersteller von Grundchemikalien wie Lyondell-Basell und Sabic haben größere Unternehmensteile zum Verkauf gestellt.
