Mit einem Kursverlust von fast sieben Prozent hat der Börsenwert wenig begeistert auf die Zukunftsstrategie des Stellantis-Konzerns für die Jahre bis 2030 reagiert. Der vor einem Jahr als neuer Konzernchef eingesetzte Italiener Antonio Filosa hatte damit erstmals in einem Konzept zusammengefasst, wohin er den Konzern steuern will, der 2021 durch die Fusion von Fiat-Chrysler (einschließlich Marken wie Alfa Romeo oder Maserati) einerseits und Peugeot (mit Citroën und Opel) andererseits entstanden war. Stellantis verkaufte 2025 global rund 5,6 Millionen Autos, davon 2,5 Millionen in Europa, 1,5 Millionen in Nordamerika und eine Million in Südamerika. Der Absatz lag damit um acht Prozent niedriger als im bisher erfolgreichsten Jahr 2023, zudem ein Drittel niedriger als der des Volkswagen-Konzerns. Der neue Fünf-Jahres-Plan soll Stellantis bis 2030 wieder auf einen Umsatz von 190 Milliarden Euro bringen – dorthin, wo man 2023 schon einmal gewesen war.
Stellantis muss sich in einem schwierigen Umfeld aus einer tiefen Krise befreien. Wertberichtigungen von 25,4 Milliarden Euro, auch wegen des langsameren Hochlaufs der Märkte für Elektroautos, führten 2025 zu einem Nettoverlust von 22,3 Milliarden Euro. Der Börsenkurs verlor seit März 2024 fast drei viertel an Wert. Abschreckende Preissteigerungen in den USA und eine harte Elektrifizierungsstrategie, die teilweise an den Kunden vorbeiging, verschlimmerten den Abschwung. „Wir erlebten zwei bis drei Jahre voller Schmerzen; wir glauben, sie liegen nun hinter uns, doch wir müssen das beweisen“, sagte der Konzernchef Antonio Filosa auf der Pressekonferenz im amerikanischen Auburn Hills.
Weltweit hat das Unternehmen zwischen 2020 und 2024 fast 51.000 Stellen oder 17 Prozent seiner Belegschaft abgebaut. Im vergangenen Jahr wuchs das Personal wieder um vier Prozent, doch nicht in Europa, einem Sorgenkind des Konzerns. Hier verkauft Stellantis zwar die meisten Autos, doch zuletzt mit einem operativen Verlust. Nun soll die europäische Produktionskapazität um 800.000 auf 3,85 Millionen Fahrzeuge sinken.
Die „Ente“ wird elektrisch
Die Gewerkschaften sind höchst beunruhigt über die Zukunftsperspektiven für den Konzern. Doch nach der Strategiepräsentation gab es auch hoffnungsvolle Reaktionen. Begrüßt wurden die geplante Modelloffensive und eine höhere Auslastung der Werke durch chinesische Partner. Denn ansonsten drohten Werksschließungen. Ferdinando Uliano von der italienischen Gewerkschaft Fim-Cisl spricht von „einem Schritt nach vorne“; allerdings müssten noch etliche Maßnahmen konkretisiert werden. In Frankreich forderte der Gewerkschaftsbund CFDT Garantien und detaillierte Auskünfte. Immerhin freut man sich dort über eine vollelektrische „Ente“ – Citroën soll schon in diesem Herbst den „2CV“ neu herausbringen. In Italien ist man erleichtert, dass die Problemmarke Maserati weitergeführt werden und Fiat zu einer globalen Marke ausgebaut werden soll. Das wichtigste italienische Stellantis-Werk in Pomigliano bei Neapel erhält nach den Plänen einen vollelektrischen billigen Kleinwagen, der verschiedenen Marken dienen werde.

Als ungewiss gilt freilich weiterhin die Zukunft von Alfa Romeo und verschiedener Werke. Die Auslastung der italienischen Fabriken liegt nach Gewerkschaftsangaben durchschnittlich nur noch bei 23 Prozent. Der Standort Cassino, wo Maserati und Alfa Romeo gebaut werden, hat in diesem Jahr nur an 19 Tagen gearbeitet. Stellantis-Chef Filosa vertröstet auf die Bekanntgabe eines Maserati-Planes später im Jahr. Das Traditionswerk in Mirafiori bei Turin profitiere von einem Hochlauf des Fiat 500 Hybrid, fügte er hinzu.
Über die Zukunft von Opel war vor der Strategiepräsentation viel spekuliert worden. Nun wurde Opel offiziell als regionale Marke einsortiert. Einen globalen Auftritt hat die Stellantis-Marke mit Sitz in Rüsselsheim aber nie gehabt. Demgegenüber freuen sich die Italiener darüber, dass Fiat zur globalen Marke aufgestiegen ist – trotz schwindender Marktanteile in Italien, aber wegen der großen Präsenz in Südamerika. Praktisch hat sich für Opel aber nicht viel geändert: Opel bringt vier neue Modelle. Dabei wird auch der in Rüsselsheim gebaute Astra neu aufgelegt. Zusätzlich soll durch Zusammenarbeit mit dem chinesischen Hersteller Leapmotor die Produktpalette erweitert werden, um ein kompaktes SUV, das von der Länge auf das bisher unbesetzte Segment des Bestsellers Volkswagen T-Roc zielt.
Standardisierung der Technik
Die Modellpalette ist eine der großen Baustellen des Konzerns. Jahrelang wurden einfach Modelle aussortiert, die keinen Ertrag mehr brachten, doch zugleich wurde zu wenig ausgegeben für die Entwicklung neuer Produkte. So blieben immer mehr Marktsegmente unbesetzt.
Die Präsentation des Europa-Chefs Emanuele Cappellano enthielt daher das Zugeständnis, dass das Produktangebot der sieben europäischen Massenmarken nur 65 Prozent der aktuellen Marktnachfrage abdeckt. Für Europa sollen nun 25 neue Modelle und 25 Facelifts in der aktuellen Modellpalette die Voraussetzung dafür schaffen, dass man 90 Prozent der Kunden ein Angebot machen kann. Dabei will sich Stellantis künftig auf keinen Fall verzetteln, sondern sein Angebot weiterhin auf die Marktsegmente vom Kleinstwagen bis zur Mittelklasse konzentrieren. Keine der Marken soll dabei Vollsortimenter werden wie in vergangenen Jahrzehnten. Opel soll die Marktabdeckung von bisher 50 auf 60 Prozent steigern, Citroën von 50 auf 65 Prozent, Fiat von 50 auf 75 Prozent und Peugeot von 60 auf 85 Prozent. „Die Marken sind dabei komplementär“, erklärte Emanuele Cappellano dazu. „Zusammen ergeben sie 90 Prozent Marktabdeckung, mit einem emotionellen und wettbewerbsfähigen Modellangebot.“
Mit Standardisierung der Technik auf eine einzige Plattform namens „STLA One“, einheitlicher Software, einheitlichen Bedienungseinheiten und Assistenzsystemen sowie billigerem Einkauf auch mithilfe von chinesischen Partnern und zudem mit schnellerer Entwicklungsarbeit soll am Ende der Umsatz in Europa bis 2030 um 15 Prozent steigen. Einsparungen von drei Milliarden Euro sollen dann eine operative Marge von drei bis fünf Prozent bringen.
Die bei Weitem größten Investitionen, 60 Prozent aller Investitionen für die Modellpalette, will Antonio Filosa aber nach Nordamerika richten. Dort war Filosa zuletzt als Sanierer hingeschickt worden. Gerade auf dem Markt der USA, dem nach China zweitgrößten der Welt, wo Geländewagen und SUV dominieren, gibt es im veralteten Modellangebot viele Lücken. Stellantis deckt dort nach eigenen Angaben nur noch 60 Prozent des Marktangebotes ab, der Marktanteil ist auf 7,6 Prozent geschrumpft. Mit neuen Modellen vor allem in kompakteren Marktsegmenten soll der Absatz von zuletzt 1,4 Millionen Fahrzeugen bis 2030 um 35 Prozent auf 1,9 Millionen gesteigert werden. Ziel ist ein Umsatzplus von 25 Prozent und eine operative Rendite zwischen 8 und 10 Prozent.
Während der frühere Stellantis-Chef Tavares für die Zukunft nur auf den Elektroantrieb setzen wollte, stellt sich Stellantis für die nächsten Jahre so flexibel wie möglich auf. Die Kunden sollen das erhalten, was sie wollen, lautet der Leitspruch. Das bedeutet einerseits, dass Elektroantriebe mit günstigeren LFP-Batterien billiger werden sollen, mit 800-Volt-Technik aber auch attraktiver. Zugleich wurde aber angekündigt, dass man neue Optionen von Vollhybridmotoren und Elektroautos mit benzingetriebenen Range-Extendern schaffen will.
