
Herr Kolev, wir wollen über Auswanderung sprechen. Ist Deutschland nicht eines der besten Länder, in dem man überhaupt leben kann?
Früher gab es gute Gründe, das so zu sehen: beste Infrastruktur, beste Bildung, ein starker Mittelstand. Die Krisen der vergangenen Jahre und unsere hausgemachten Probleme haben viel davon beschädigt. Das sieht man bei jeder Bahnfahrt – dass diese Liebe zur Qualität des Standortes so nachgelassen hat, dass man Angst haben muss, ob die Bürger dem Land überhaupt noch Reformen zutrauen.
Der Bahn geht es nicht gut. Aber wir haben viele Ärzte, viel Freizeit, und die allermeisten können sich leisten, was sie zum Leben brauchen. So schlecht geht es uns doch nicht.
Das Niveau ist immer noch gut. Aber ich bin jetzt seit 26 Jahren in Deutschland …
… und habe selten so eine verängstigte und gereizte Gesellschaft gesehen wie heute. Allein das Deindustrialisierungs-Narrativ stiftet so viel Unsicherheit, dass das Vertrauensbändchen immer dünner wird.
Die Beziehung, die jeder von uns zur Ordnung von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft hat: Traue ich dieser Ordnung mit all ihren Problemen zu, dass sie sich selbst korrigieren und reformieren kann? Solange das Bändchen hält, traue ich der politischen Mitte die Erneuerung zu. Wenn es gerissen ist, suche ich mir Angebote, die eine ganz neue Ordnung versprechen.
Und was hat das mit Auswanderung zu tun?
Auswanderung ist die Handlung derjenigen, deren Bändchen gerissen ist. Man hat dann zwei Möglichkeiten: Entweder man bleibt, macht Dienst nach Vorschrift und wählt extreme Parteien. Oder man sagt: Ich will, dass meine Zukunft und die meiner Kinder woanders aufgebaut wird. Dann verlässt man das Land.
Ist das wirklich so schlimm?
Meine Studenten in Zwickau sind meistens die ersten Akademiker in der Familie, lokal tief verwurzelt in Westsachsen oder Thüringen. Wenn sie nach dem Abschluss nach Süddeutschland gingen, dann mussten sie sich dafür schon überwinden. Mit Corona aber hat eine Debatte begonnen, die mich zunächst verwundert hat: Bleibe ich, oder gehe ich? Wir haben dann gemeinsam im Seminar herausgearbeitet: Die jungen Leute finden das Preis-Leistungs-Verhältnis des Staates schlecht. Ich zahle viel Steuern, und der Staat schafft es nicht einmal, im ländlichen Raum eine digitale Infrastruktur hinzustellen, damit ich am Unterricht teilnehmen kann. Die Studenten in der Zwickauer Heimat des Trabis sagen, dass sie für einen Daimler-artigen Staat zahlen sollen und zunehmend einen Trabi bekommen, etwa beim Gesundheitssystem.
Darüber ärgern sich nicht nur die Studenten.
Ja, aber heute frage ich im Seminar: In wessen Freundeskreis ist Auswandern ein Thema? Und fast alle Hände gehen hoch. Das sind keine Elitestudenten. Es zieht sie nicht nach Amerika, sondern eher in die Schweiz – oder nach Osteuropa. Ein ehemaliger Student rief mich an und fragte, wie kompliziert es sei, Polnisch zu lernen. Tschechien und Polen werden von rechts inzwischen in höchsten Tönen gelobt. Das weckt Phantasien.
Dass die Deutschen das Vertrauen verloren haben und auswandern, höre ich seit zehn Jahren. In Zahlen ist das schwer zu finden.
Es gab in den vergangenen zwei Jahren viele Umfragen, die sagen: Bis zur Hälfte der jungen Leute kann sich eine Auswanderung vorstellen, und bei der Hälfte davon sind die Planungen konkret. Das würde ich sehr ernst nehmen. Wenn man tiefer nachfragt, sind oft die wirtschaftlichen Gründe prominent.
Das sind Pläne. Denken nicht viele Leute darüber nach, mal ins Ausland zu gehen und anderswo Erfahrungen zu sammeln?
Wenn es um ein Erasmus-Semester oder ein Gap Year geht, ist das für Deutschland wunderbar. Aber wenn junge Leute nicht aus Neugier gehen, sondern weil sie sagen, hier bieten Staat und Wirtschaft nicht das, worauf ich meine Zukunft aufbauen will – dann sind sie erst einmal weg. Ob sie in fünf oder zehn Jahren zurückkommen, das hängt davon ab, ob wir bis dahin unsere Hausaufgaben gemacht haben.
Das weiß das Statistische Bundesamt. Jedes Jahr wandern gut eine Million Menschen aus, darunter 200.000 bis 300.000 Deutsche und 800.000 bis 900.000 Ausländer. Wir brauchen aber netto eine Zuwanderung von 400.000 Menschen pro Jahr für den Arbeitsmarkt – und das heißt: Jedes Jahr müssen 1,4 oder 1,6 Millionen Menschen ins Land kommen. Die Ausländer, die gehen, waren wenigstens zum Teil integriert. All diejenigen, die jedes Jahr neu kommen, müssen von null auf integriert werden. Das kostet sehr viel Empathie, Energie und Ressourcen. Ich bin mir nicht sicher, ob das Land das kann.
Man hat immer gesagt: Flüchtlinge bleiben eine Zeit, bis es zu Hause wieder besser wird. Dass viele wieder gehen, war eingeplant.
Aber es gehen nicht die Flüchtlinge. Es gehen die, die hier gearbeitet haben, etwa als EU-Bürger. Egal, ob Polen, Rumänien oder Bulgarien: Inzwischen ziehen mehr Menschen von hier nach Osteuropa als umgekehrt.
Bulgarien ist immer noch viel ärmer als Deutschland. Geht man da wirklich aus wirtschaftlichen Gründen hin?
Genau deshalb muss uns diese Auswanderung zu denken geben. Dass wir Leute an die Schweiz verlieren, ist bei dem starken Wohlstandsgefälle normal. Aber hier gehen Menschen in Länder zurück, deren Wohlstand noch deutlich unterhalb des deutschen liegt. Das heißt: Sie nehmen einen Verzicht in Kauf, weil sie Deutschland die Dynamik nicht mehr zutrauen.
Dafür wäre das Leben hier bequemer.
Das ist nicht der wichtigste Punkt. Hier kommt die osteuropäische Resilienz ins Spiel. Die Leute gehen zurück wegen der wirtschaftlichen Dynamik. Aber diese Dynamik ist auch ein Ergebnis der Resilienz: Man ist seit 1989 unglaublich anpassungsfähig geworden und steckt Corona, den Ukrainekrieg und alles andere besser weg als der Westen. Genau diese Resilienz nehmen die Osteuropäer Deutschland nicht mehr ab. Und wenn sie gehen, geht ihre Krisenerfahrung mit. Das ist für uns als Gesellschaft nicht gut. Außer der Wirtschaft spielt übrigens auch das Sicherheitsgefühl eine Rolle.
Sicherheit in welchem Sinn?
Ob meine Tochter am Hauptbahnhof sicher ist. Und dann ist es in der Migrationsforschung oft so, dass die vorletzte Kohorte von Migranten ein Problem mit der jüngsten hat. Sie stören sich etwa daran, dass Lehrer mit der unglaublichen Diversität von Nationalitäten und Konflikten in den Klassen nicht mehr klarkommen. Ich stamme aus Bulgarien – wenn Bulgaren heute über Deutschland reden, sagen sie oft: Das ist nicht mehr das Land, das ich vor 20 Jahren betreten habe. Das hat viel mit der Migration der letzten zehn Jahre zu tun. Aber ein besser funktionierendes Land hätte auch mehr Integrationskraft.
Und wie würde das Land besser funktionieren?
Indem wir zu einer längerfristig ausgerichteten Politik kommen, kurzfristige Strohfeuer sind für die Bleibeentscheidung unwichtig. Natürlich muss die Politik die Wirtschaft wieder entfesseln und das Preis-Leistungs-Verhältnis des Staates verbessern: mehr und produktiver arbeiten, Investitionen anziehen, innovativer werden. Aber das kann die Regierung nicht allein. Wir brauchen einen kulturellen Wandel.
Die Bundesregierung kann sich auf den Kopf stellen und die beste Wirtschaftspolitik machen – das nützt nur, wenn wir als Gesellschaft den Kapitalismus wieder mehr zu schätzen lernen. Wir müssen jungen Menschen deutlich positiver begegnen, wenn sie wirtschaftlich aufstreben.
Wenn jemand sich richtig reinhängt, dann sollten wir nicht denken: Der arbeitet viel zu viel. Sondern wir müssen sagen: Danke, dass du doppelt so viel arbeitest wie ich. Danke, dass du innovativ bist, weil das Land so kein Museum wird, sondern ein Standort, in dem meine Kinder von deinen Innovationen profitieren können.
Und wenn dabei nur Innovationen herauskommen wie Social Media, das wir am liebsten gar nicht auf dem Handy hätten, und KI, die unsere Arbeitsplätze gefährdet?
Ich glaube nach wie vor, dass wir mündige Bürger sind. Innovationen sind zunächst eine große Chance und erst dann eine Gefahr, die man reguliert, sobald man die Chance verstanden hat. Die Innovationen kommen übrigens so oder so. Die Frage ist nur, ob sie von hier kommen oder aus dem Silicon Valley. Wenn sie von hier kommen, dann verdienen wir daran – und wir können sie besser regulieren, weil bei uns die Menschen sind, die diese Technologien geschaffen haben und verstehen.
Wenn Ihre These stimmt, haben wir ein doppeltes Problem: Die Bevölkerung denkt nicht nur nicht so – sie denkt immer weniger so, weil diejenigen weggehen, die so denken.
Das ist richtig. Deshalb ist es so wichtig, diese mutigen, unternehmerischen und resilienten Menschen nicht einfach gehen zu lassen. Mein Buch richtet sich an die Älteren: Es wäre ein Riesenverlust, wenn die Generation der Kinder und Enkel geht – rein menschlich, von allem Wirtschaftlichen abgesehen.
Es gehen ja nicht die Enkel der älteren Deutschen. Es gehen die eingewanderten Leute.
Es wandern ja Deutsche wie Migranten aus. Es geht mir vor allem um die Generation der Enkel als solche – unabhängig davon, ob man selbst Kinder und Enkel hat. Das sind die, die in der Freiwilligen Feuerwehr und im Pflegeheim die Arbeit machen.
Kann sich die Kultur des Landes so schnell ändern?
In Sachen Verteidigung haben wir seit 2022 ziemlich schnell umgedacht. Diese Frage entscheidet sich in den nächsten zweieinhalb Jahren, bis zur nächsten Bundestagswahl. Wenn diese Bundesregierung alle sechs Monate ein Paket schnürt wie das vom Sommer, kann sie die Wende schaffen. Entscheidend ist, dass die Mitte ihre Handlungsfähigkeit beweist. Die Krankheit dieses Landes ist heilbar. Man muss nur morgen anfangen.
Die bisherigen Reformen sind schon nicht besonders beliebt.
Das war schon das Problem der Schröder-Reformen: Es ging nur um die Schmerzen, nie um ihren Sinn. Ich finde es ermutigend, dass der Kanzler sagt: Wohlstand für alle ist Wohlstand für die Jugend. Das ist der Grund, warum wir die Schmerzen der nächsten fünf Jahre auf uns nehmen – damit die jungen Leute auch in zehn Jahren in diesem Land ihre Zukunft aufbauen wollen.
