
Von den Hunderttausenden Syrern, die in den Bürgerkriegsjahren Schutz in Deutschland ersucht haben, sind seit dem Sturz von Langzeitdiktator Baschar al-Assad Ende 2024 nur wenige Tausend freiwillig zurück nach Syrien gezogen. Es ist also unwahrscheinlich, dass in den kommenden drei Jahren 80 Prozent der in Deutschland lebenden Syrer wieder heimkehren. Dieses Ziel hatte angeblich der syrische Präsident Ahmed al-Scharaa kürzlich während seines Besuchs in Berlin ausgegeben, so Bundeskanzler Friedrich Merz – wobei al-Scharaa dies im Nachgang bestritt.
Die Bundesregierung selbst hat offiziell keine Größenordnung als Ziel gesetzt. Dass aber bislang nur wenige Syrer Deutschland wieder verlassen, stimmt zumindest die Union unzufrieden. Müsste Deutschland Rückkehrwilligen mehr entgegenkommen?
„Flüchtlingsschutz ist ein Schutz auf Zeit. Mit dem Sturz Assads entfällt für die meisten hier lebenden Syrer der Schutzgrund“, sagt der innenpolitische Sprecher der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag, Alexander Throm (CDU), der F.A.Z. „Wer kein anderweitiges Aufenthaltsrecht hat, muss in seine Heimat zurückkehren. Die freiwillige Rückkehr ist dabei immer die bessere Lösung als eine Abschiebung – für alle Beteiligten.“
Sollte Deutschland mehr Starthilfe zahlen?
Deutschland bietet Rückkehrwilligen 200 Euro für die Reise, 1000 Euro für den Neustart in ihrer Heimat und medizinische Hilfe. Offenbar ist das Angebot nicht attraktiv genug. Zum Vergleich: Dänemark gibt syrischen Familien mehrere Zehntausend Euro für die freiwillige Heimkehr. Ein Vorbild für Deutschland? CDU-Politiker Throm nennt keine Zahl, sagt aber: „Ich befürworte ein spezielles Syrien-Programm mit umfassenden Starthilfen und gezielter Unterstützung vor Ort, etwa beim Wohnungsbau.“ Es sei wichtig, dass die Bundesregierung zügig tätig werde. „Bei der Diskussion um die Höhe von Starthilfen muss man sich immer ins Bewusstsein rufen, dass für den Betroffenen und auch für den Steuerzahler alles besser ist als dauerhafte Sozialleistungen.“
Nicht nur die Höhe der Starthilfe wird in der Rückkehrdebatte immer wieder thematisiert. Umstritten ist auch eine Regel, die Heimatbesuche auf Probe untersagt. Flüchtlinge, die in ihren Herkunftsstaat reisen, riskieren, ihren Schutztitel in Deutschland zu verlieren. Ausnahmen gibt es nur in wenigen Fällen, etwa bei Beerdigungen. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) teilte der F.A.Z. mit, im Jahr 2025 seien 2593 Widerrufsprüfverfahren für das Herkunftsland Syrien aufgrund von temporären Heimreisen angelegt worden, im ersten Quartal dieses Jahres 708. Bei wie vielen Syrern aufgrund von Heimatbesuchen die Schutzgewährung aufgehoben wurde, wurde nicht erfasst.
In seinem jüngsten Länderreport hatte das BAMF Erfahrungen von syrischen Rückkehrern zusammengetragen. Diese berichten von „teils ausgeplünderten“ oder „entkernten Gebäuden, aus denen neben den persönlichen Gegenständen und Möbeln auch Wasserhähne, Rohre, Stromkabel, Fliesen, Türen oder Wände entfernt wurden“. Zudem seien oft die Eigentumsverhältnisse ungeklärt.
Union widerspricht ihrem Koalitionspartner
Auch aus diesen Gründen fordern die fachpolitischen Sprecher der Bundestagsfraktionen der SPD, der Grünen und der Linken, syrischen Flüchtlingen Erkundungsreisen in ihre Heimat zu erlauben. „So können sich die Menschen vor Ort selbst ein Bild davon machen, ob sich für sie eine dauerhafte Rückkehrmöglichkeit eröffnet“, sagt der innenpolitische Sprecher der SPD, Sebastian Fiedler, der F.A.Z. „Das würde sicherlich auch bei allen Fragen rund um das Engagement der Menschen beim Wiederaufbau Syriens helfen.“ Auch die Parlamentarische Geschäftsführerin der Grünen, Filiz Polat, spricht sich für Heimatbesuche auf Probe aus. „Die Bundesregierung sollte diese Reisen ermöglichen – unabhängig vom jeweiligen Aufenthaltstitel – und gewährleisten, dass den Betroffenen daraus keine Nachteile entstehen“, sagt Polat der F.A.Z.
Die Linke stimmt dem zu. „Ich habe schon kurz nach dem Sturz von Assad gefordert, dass ‚Go-and-see-Besuche‘ für Syrerinnen und Syrer mit Schutzstatus ermöglicht werden müssen“, sagt die Sprecherin der Linken-Fraktion für Fluchtpolitik, Clara Bünger. „Die Bundesregierung weigert sich aber, solche Reisen zu erlauben, während Merz gleichzeitig die rassistische Forderung ausgegeben hat, dass 80 Prozent der Geflüchteten aus Syrien zurückkehren müssten.“
Im Gegensatz zu ihrem Koalitionspartner SPD sieht die Union Erkundungsreisen kritisch. „Sogenannte Erkundungsreisen nach Syrien sind mit den Grundgedanken unseres Schutzsystems nicht vereinbar“, sagt CDU-Innenpolitiker Throm. „Wer so weit ist, dass er über die bestehenden Möglichkeiten der modernen Kommunikation hinaus hin- und herreist, der befindet sich offensichtlich nicht in einer Verfolgungssituation. Das Entfallen des Schutzstatus ist dann die logische Konsequenz.“
Ähnlich argumentiert Gottfried Curio, innenpolitischer Sprecher der AfD-Fraktion. „Wer nach Syrien fährt, beweist damit, dass keine Schutznotwendigkeit mehr besteht“. Überhaupt müssten alle Syrer ihren Schutztitel verlieren, da es nach dem Ende des Bürgerkriegs und dem Sturz von Assad keinen Schutzgrund mehr gebe.
