
Zwar stellten Investoren mit knapp 5,3 Milliarden Euro bundesweit knapp 700 Millionen Euro oder 14 Prozent mehr Risikokapital zur Verfügung als im ersten Halbjahr 2025. Davon gingen aber mehr als vier Milliarden Euro an Start-ups aus drei Bundesländern: Berliner Jungunternehmen sammelten knapp 1,7 Milliarden Euro ein, baden-württembergische rund 1,6 Milliarden (nach nur 278 Milliarden im Vorjahreszeitraum) und bayerische rund 1,1 Milliarden (nach rund zwei Milliarden zuvor). Hessen kommt mit 239 Millionen Euro (nach nur 99 Millionen im Vorjahr) auf Rang vier.
Die deutliche Steigerung der Investitionen in Hessen geht vor allem auf ein Unternehmen zurück: auf das Darmstädter Laserfusions-Start-up Focused Energy, das in diesem Jahr rund 240 Millionen US-Dollar (rund 206 Millionen Euro) eingesammelt hat.
Technologiesektor bleibt zentraler Wachstumstreiber
Der Leiter Start-up Deutschland bei EY, Thomas Prüver, wertet die Zahlen positiv: „Der deutliche Anstieg des investierten Kapitals ist grundsätzlich ein positives Signal für das Start-up-Ökosystem in Deutschland.“ Allerdings kristallisiere sich bundesweit, wie auch in Hessen, der Trend heraus, dass Investoren in weniger Finanzierungsrunden zunehmend auf wenige große Start-ups setzten, weil sie diese als vermeintlich sichere Wetten auf gute Renditen betrachten. Gut zwei Drittel des investierten Kapitals waren Großinvestitionen jenseits von 50 Millionen Euro je Runde.
Den größten Deal des bisherigen Jahres sicherte sich das Robotic-Start-up Neura Robotics aus Metzingen, das im Juni knapp 1,2 Milliarden Euro einsammeln konnte. 500 Millionen gingen an das Defence-Tech-Start-up Stark aus Berlin. Focused Energy konnte die fünftgrößte Finanzierungsrunde des ersten Halbjahres 2026 abschließen. In den vergangenen Jahren war in dieser Rangliste der größten Deals jeweils kein Jungunternehmen aus Hessen zu finden.
Diese neue Logik von Finanzierungsrunden birgt laut EY-Manager Prüver allerdings ein Risiko. Durch den Fokus von Investoren auf große Start-ups hätten junge und kleinere im Wettstreit um Risikokapital oft das Nachsehen. Innovation entstehe aber nicht nur durch einzelne Leuchtturm-Unternehmen, „sondern vor allem durch eine breite und lebendige Gründerszene“.
Als wichtigste Branche der Start-up-Szene hat das Segment Hardware (1,6 Milliarden Euro flossen hierher) den Sektor Software und Analytics nach langer Zeit an der Spitze überholt (1,2 Milliarden Euro), was an den 1,2 Milliarden Euro des bisherigen Topdeals des Jahres liegt. Defence-Tech folgt mit 579 Millionen Euro auf Platz drei, dahinter kommen Start-ups aus der Gesundheitsbranche und dem Energiesektor.
Für Prüver setzt sich damit ein Trend fort: „Der Technologiesektor bleibt mittel- und langfristig der zentrale Wachstumstreiber der deutschen Start-up-Landschaft. Insbesondere die Themen Künstliche Intelligenz, Defence, Energy und Health-Tech ziehen weiterhin einen Großteil des Kapitals auf sich.“
Innerhalb der Hardware flossen die meisten Gelder in die Robotik (1,4 Milliarden Euro), gefolgt von den Segmenten Production (111 Millionen Euro) und Quantencomputing (94 Millionen Euro). Beim alten Branchenspitzenreiter, dem Sektor Software und Analytics, ist Künstliche Intelligenz für Investoren nach wie vor am interessantesten. Nach rund 1,7 Milliarden Euro in 79 Finanzierungsrunden im Jahr 2025, mit denen der Sektor erstmals auf dem Spitzenrang der Branche gelegen hatte, folgten im ersten Halbjahr 753 Millionen Euro, die in KI investiert wurden.
Trotz der Steigerungen beim eingesammelten Risikokapital in Deutschland zeigt der Blick ins Ausland, vor allem in die Vereinigten Staaten und nach Asien, dass die Kapitalverfügbarkeit in Deutschland und Europa eine strukturelle Schwäche bleibt. „Verschärft wird die Situation durch die derzeit weltweit schwierige konjunkturelle Lage, hohe Energiekosten und komplexe regulatorische Anforderungen in Deutschland“, sagt Prüver. Umso wichtiger sei es, Standortbedingungen zu verbessern, um aus der aktuellen Gründungsdynamik dauerhaft international wettbewerbsfähige Unternehmen zu formen.
