„Oh nein, nicht die Taucher“, sagt der Mann, der für den Shuttleservice vom Lido zur venezianischen Hauptinsel verantwortlich ist. Gerade hat ein Polizeiboot am Pier des Luxushotels Excelsior angelegt. Zwei Männer schnallen sich Sauerstoffflaschen auf den Rücken. Während wir Presseleute noch fasziniert den professionellen Handgriffen der Polizisten zusehen, wedelt der Shuttleverantwortliche uns hektisch ins Wassertaxi: „Wenn die erst mal im Wasser sind, darf hier niemand mehr ablegen. Dann könnt ihr euren Interviewslots Lebewohl sagen.“
Auf die Frage, was die Taucher am Tag der Eröffnung des Filmfestivals auf dem Lido denn in den trüben Wassern um die Anlegestelle des Luxushotels suchten, reißt der Mann die Augen weit auf: „Ich werde es jetzt nicht sagen, weil hier alle heute schon nervös genug sind, aber das Wort fängt mit B an.“ Während sich der letzte Polizist die Taucherbrille auf der Nase zurechtrückt, nimmt eine ältere Kollegin mit großer Mühe die Stufe zwischen Pier und Wassertaxi. Es herrscht grade Flut, die Wellen heben das Boot, vergrößern die Lücke zwischen Steg und dem polierten Holz des Wassertaxis. Als alle sitzen, legt der Fahrer ab – und der Taucher springt in die Wellen.
Natürlich dreht sich das Gespräch auf der kurzen Überfahrt von einem Traditionshotel zum anderen um die Sicherheitsmaßnahmen des Filmfestivals. Wie viele Taucher wir wohl gesehen hätten, wenn Venedig es geschafft hätte, die heiß erwarteten Herbstblockbuster doch ins Programm zu bekommen, scherzt ein britischer Kollege. Es stimmt, dass die großen US-Studios dem Lido in diesem Jahr fernbleiben. Das taten sie bereits in Cannes. Die Kritiker auf den europäischen Festivals seien in den vergangenen Jahren mit Filmen wie „Joker – Folie à Deux“ zu hart umgegangen. Die Marketingabteilungen der großen US-Produktionen bevorzugen also einen Filmstart, bei dem sie das Medienecho besser konzertieren können.
Steve Buscemi, John Malkovich und Parker Posey sprechen über „Wild Horse Nine“
Die Stars kommen trotzdem, nur mit kleineren Produktionen (gemessen etwa am Budget des Blockbusterlevels eines Disneyfilms) – oder weil sie einen Ehrenlöwen bekommen wie George Clooney. Doch dazu gleich.
Erst einmal sind wir auf dem Weg zu Steve Buscemi, John Malkovich und Parker Posey, die allesamt bereits seit dem Morgen Interviews zu Martin McDonaghs Politikdrama „Wild Horse Nine“ geben, der im Wettbewerb Premiere feiern wird. Malkovich spielt darin einen alten CIA-Agenten, der 1973 den Militärputsch in Chile vorbereitet; Buscemi gibt seinen Chef.
Noch bevor das Interview losgeht, erinnert sich der gebürtige New Yorker an die Zeit, als er mit John Carpenters „Flucht aus L.A.“ von 1996 auf Pressetour war. „Da musste ich mehr als 70 Interviews hintereinander geben – da gerät man irgendwie in Trance. Dagegen ist das hier doch ganz entspannt“, sagt er mit Blick auf die helle Suite, durch die Ko-Star Parker Posey nun hindurchläuft. Mit der Eleganz ihrer Figur aus „White Lotus“ hat sie einen plüschigen Hotelbademantel über ihr plissiertes pinkfarbenes Seidenkleid gegürtet. Die Klimaanlage läuft. Posey brüht in der kleinen Zimmerbar einen Tee – immerhin will sie bis zur Filmpremiere am nächsten Tag trotz Interviewmarathon nicht krank werden.

Draußen knallt die Nachmittagssonne auf die Riva degli Schiavoni, heizt die Stadt auf über 30 Grad auf. Touristen halten sich schwitzend elektrische Miniventilatoren ins Gesicht. Nur die größten Stars schwitzen hier nicht. George Clooney beweist das. Auf jedem Schnappschuss, den irgendein Paparazzo seit der Ankunft der Hollywoodikone mit Ehefrau Amal geschossen hat, sieht dieser Mann makellos aus. So auch am Donnerstagnachmittag, als er für eine sogenannte Masterclass eine Stunde lang die Fragen von angehenden Filmschaffenden beantwortet. Clooney trägt einen leichten Anzug in hellem Marmorgrau, lächelt und plaudert gut gelaunt mit den Anwesenden.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Am Abend zuvor hat der Fünfundsechzigjährige bei der Festivaleröffnung den Goldenen Löwen für sein Lebenswerk erhalten. Auf dem roten Teppich nahm er sich Zeit, um jeden Fan persönlich zu begrüßen, schüttelte Hände, posierte für Fotos. Von einem Pressefotografen schnappte er sich eine Kamera und knipste eigene Bilder. Er weiß, was die Leute von ihm erwarten. Vor allem, wenn sie vom Nimbus des Hollywoodstars wie erstarrt scheinen.
Er selbst, so erzählt er also in der Masterclass, kenne das Gefühl, auch er hat Stars getroffen, von denen er höchst beeindruckt war. „Ich hatte das Glück, gut mit Gregory Peck und Paul Newman befreundet zu sein“, sagt Clooney. „Zwei großartigen Menschen, die beide überlebensgroß waren.“ Sich selbst will er überhaupt nicht in ihre Nähe gerückt sehen, ja macht viel mehr so etwas wie einen Höhenunterschied zwischen jenen und den heutigen Berühmtheiten aus: „Kein Star reicht heutzutage an deren Größe heran.“
Clooney mag einer der Letzten sein, die noch hell genug leuchten, um an die Vorbilder zu erinnern. Fürs eigene Leben habe er sich vorgenommen, ein paar mächtige Leute immerhin wütend zu machen. Den Rat, sich so zu verhalten, habe ihm sein Vater gegeben, verrät er: „Er sagte zu mir: Es ist mir egal, welchen Beruf du wählst, solange du daran denkst, die Leute, die mehr Macht haben als du, herauszufordern, und jene, die weniger Macht haben, zu verteidigen.“ Clooney tut das, mit seiner Kunst, seinem sozialen Engagement und einer offenen Kritik an Trumps Politik. „Wir werden gerade von den am wenigsten qualifizierten Personen regiert“, sagt er am Lido. Vielleicht sind solche Äußerungen der wirklich explosive Stoff, den man auf Filmfestivals findet.
