Die Fassade lässt wenig Rückschlüsse zu. Die Gebäude in einem Gewerbegebiet im Münchner Umland zieren keine Logos oder Banner. Nur die im Vergleich mit benachbarten Gebäudekomplexen hohen Sicherheitsvorkehrungen lassen darauf schließen, dass hier keine Autoteile, Nahrungsmittel oder Möbel produziert werden. Der hohe Stacheldrahtzaun und die strengen Eingangskontrollen sollen ungebetene Besucher fernhalten. Denn hier läuft gerade die Produktion hoch für eines der wichtigsten, aber auch umstrittensten neuen Waffensysteme für die Bundeswehr: „loitering Munition“ lautet der Fachbegriff. In der Öffentlichkeit haben sich die Namen Kampf- oder Kamikazedrohnen eingebürgert. Flugkörper, die den Krieg in der Ukraine geprägt und verändert haben, die auch im Iran zum Einsatz kommen. Es sind Einwegwaffen, die einen Gefechtskopf ins Ziel bringen und feindliche Panzer oder Gefechtsstände ausschalten sollen.
Ende Februar wurden die beiden jungen deutschen Unternehmen Helsing und Stark Defence damit beauftragt, für die Bundeswehr Tausende solcher Systeme von Drohnen und Bodenstationen zu liefern. Später wurde der Kreis um den Branchenprimus Rheinmetall erweitert. Besonders bei den beiden Start-ups gab es Zweifel, ob aus interessanten Prototypen wirklich in kurzer Zeit eine Serienproduktion erwachsen kann. Deshalb hat der Haushaltsausschuss des Bundestages bei der Bewilligung der Mittel innerhalb milliardenschwerer Rahmenverträge sehr genau hingeschaut. In die Verträge wurden Innovationsklauseln eingebaut, wonach die Lieferanten der Bundeswehr stets die neuesten Produkte liefern müssen, was angesichts des hohen Innovationstempos als kluger Schachzug erscheint. Die ersten Tickets für Stark und Helsing haben jeweils ein Volumen von 270 Millionen Euro, Rheinmetall liegt wohl ein bisschen drüber. Folgeaufträge müssen jeweils neu bewilligt werden.
Drohnen für die Brigade Litauen
Helsing wurde 2021 gegründet und ist heute mit einer Bewertung von 18 Milliarden Dollar Europas wertvollstes Jungunternehmen im Verteidigungssektor. Stark entstand sogar erst 2024 auf Initiative von Florian Seibel. Der Ex-Pilot ist Gründer und Chef von Quantum Systems, einem Unternehmen, das mit zivilen Aufklärungsdrohnen begann, mittlerweile aber selbst im Rüstungsgeschäft aktiv ist und sich zum strategischen Akteur aufschwingt. Weil Quantum mit seiner damaligen Eigentümerstruktur aber keine Angriffswaffen entwickeln durfte, entstand Stark. Beide Unternehmen werden heute ebenfalls mit Milliardensummen bewertet.

Zwei Jahre später hat sich aus Stark ein schnell wachsendes Unternehmen mit derzeit rund 650 Mitarbeitern entwickelt, das seinen Hauptsitz in Berlin hat, aber auch in München, London und Kiew niedergelassen ist. In der Ukraine wird auch entwickelt und produziert. Seit vergangenem Jahr bietet Stark unbemannte Boote der Vanta-Reihe an, zudem wird an verschiedenen anderen Projekten gearbeitet wie einer Langstreckendrohne für Distanzen um die 500 Kilometer und mehr. Im Fokus steht jedoch „Virtus“, jene gut 1,80 Meter hohe und mehr als 30 Kilogramm schwere, kameragesteuerte Kampfdrohne, die im Showroom der bayerischen Produktion aufgebaut ist.
Zwischen 80.000 und 100.000 Euro kostet eine davon, je nach Gefechtskopf, der bis zu 15 Prozent der Gesamtkosten ausmachen kann. Die Reichweite liegt bei rund 130 Kilometern, die Nutzlast beträgt fünf Kilogramm. Die HX-2-Drohne von Helsing wird nur mit rund der Hälfte der Kosten angegeben, weshalb es zu öffentlichen Debatten rund um die Vergabe kam. Allerdings ist sie auch kleiner und hat eine kürzere Reichweite. Zudem weisen Stark-Vertreter gern darauf hin, dass Virtus als einzige Drohne keine Starthilfe brauche und auch wieder landen könne, was Trainingsflüge günstig mache und damit die Gesamtkalkulation verändere.

Nun läuft die Zeit. Denn die Drohnen müssen bis 2027 geliefert sein, sollen sie doch die deutsche Brigade in Litauen stärken. Für das junge Unternehmen gilt es, eine verlässliche Produktion aufzubauen. Martin Rost ist vor der Aufgabe nicht bange. Seit Jahresbeginn ist er als Chief Operating Officer von Stark für das operative Geschäft zuständig. Zuvor war er 16 Jahre lang für den Versandhändler Zalando im Einsatz. Nun konzentriert sich sein Schaffen auf die 3000 Quadratmeter große Produktion in Bayern. Die Bestandsimmobilie wurde von einem insolventen Vorbesitzer übernommen und umgerüstet auf Sicherheitsstandards. Vier Linien habe man aufgebaut, sagt Rost und zeigt in den Raum hinein. „Sobald die Zertifizierung erfolgt ist, können wir mit der Auslieferung beginnen.“ 300 Mitarbeiter sind am Standort tätig, ein gutes Drittel der Technikspezialisten kommt aus der Automobilindustrie, die derzeit Stellen in großem Maß abbaut. Stark werde die Kapazitäten sogar noch verdreifachen, sagt Rost, sodass am Ende eine hohe dreistellige Zahl an Drohnen im Monat hergestellt werden kann. Neben dem Bundeswehrauftrag sollen auch Bestellungen aus anderen NATO-Staaten bedient werden. Aus welchen, das sagt Rost nicht.
In 48 Stunden verladen und wieder aufgebaut
Die Zertifizierung nach NATO-Standards durch die öffentlichen Stellen ist ein wichtiger Meilenstein. Erst danach kann wie geplant im dritten Quartal die Auslieferung beginnen. Ohne Zertifizierung steht der ganze Auftrag infrage. Bis Ende September soll das Thema durch sein. Auch beim Wettbewerber Helsing zeigt man sich zuversichtlich: „Die Produktionskapazitäten sind bei Helsing bereits vorhanden, die Investitionen in die Lieferkette getätigt“, heißt es auf F.A.Z.-Anfrage. Helsing arbeite eng mit dem öffentlichen Auftraggeber zusammen, mit dem Ziel einer vertragsgemäßen Lieferung. Auch die Nutzer seien schon eingebunden. Alle weiteren Details unterlägen der Vertraulichkeit. Ähnliche Töne kommen auch von Rheinmetall: „Es bestehen die benötigten Kapazitäten für Qualifizierung und Zertifizierung. Eine automatisierte Fertigung ist derzeit in Neuss im Aufbau“, heißt es. Man befinde sich im Zeitrahmen, darüber hinaus keine Auskunft. Hier soll die Auslieferung in der ersten Jahreshälfte 2027 starten.

In den Hallen von Stark verläuft vieles in Handarbeit. Warum gibt es keine Roboter, werde er oft gefragt, sagt Vorstandsmitglied Rost. „Wir entwickeln das hier ständig weiter und wollen flexibel bleiben“, sagt der Manager. In ein paar Monaten könnten die Abläufe schon anders aussehen. Automatisierung rechne sich mit zunehmender Skalierung. Außerdem denkt man in der Branche viel an Resilienz: Im Ernstfall könne man alles auf zwei Trucks verlagern und innerhalb von 48 Stunden anderswo wieder aufbauen. Von der Ukraine lässt sich einiges lernen.
Zu der Produktionsanlage gehören unter anderem eine Windtestmaschine, wo die Flügel hohen Belastungen wie extremer Hitze ausgesetzt werden. Alle fertigen Drohnen werden in einer großen Kabine final geprüft. Hier wird ein Testflug simuliert, der Lärmpegel ist selbst bei geschlossenen Türen hoch. Die vier Propeller an den Enden der Flügel drehen sich in Höchstgeschwindigkeit, jeder Motor arbeitet mit 1,6 Kilowattstunden. Schließlich will das 30 Kilogramm schwere Gerät in die Luft befördert werden.
Irgendwann kommt das Gespräch zwangsläufig auf Peter Thiel, jenen US-Investor, der nicht nur wegen seiner demokratiefeindlichen Äußerungen in Deutschland umstritten ist und der eine Beteiligung an Stark hält. Rost verweist auf den bekannten Fakt, dass Thiel mit einem Anteil von mittlerweile weniger als fünf Prozent ein ganz normaler Finanzinvestor sei, ohne irgendwelche Sonderrechte. Außerdem sei er damals bereit gewesen, in ein junges deutsches Unternehmen ohne echte Substanz zu investieren, als es in Europa an Geldgebern gemangelt hat. Das dürfe man nicht vergessen.
Zum Schluss geht die Frage an den ehemaligen Zalando-Manager, ob er persönlich ein Problem damit habe, nun tödliche Waffen zu produzieren. Rost wartet einen Moment, bevor er sagt: „Ich war mehrmals in der Ukraine. Wenn man dort Luftangriffe erlebt und das Leid der Menschen gesehen hat, dann weiß man, dass sich die Ukrainer wehren müssen. Und dafür brauchen sie Waffen.“
