Seit 2014 richtet das alteingesessene Kölner Auktionshaus Lempertz nicht nur außerdem in Berlin, sondern auch in Brüssel Versteigerungen aus. In der belgischen Hauptstadt liegt der Schwerpunkt auf traditioneller afrikanischer, ozeanischer und präkolumbischer Kunst. Jetzt tritt das Unternehmen zum ersten Mal in Paris auf. Gemeinsam mit Artcurial versteigert es am 8. September im Hauptsitz der französischen Kollegen am Rond-Point des Champs-Élysées die bislang kaum bekannte Afrikana-Sammlung von Jean-Jacques Rotthier.

Beide Häuser hatten zuvor schon anderweitig kooperiert, etwa für Auktionen mit afrikanischer und ozeanischer Kunst in Brüssel anlässlich der BRAFA-Messe. Paris aber ist der wichtigste Ort für den Handel mit indigenen Werken. Die Versteigerung nun wird zeitgleich mit der Messe im Kunstviertel von Saint-Germain, dem Parcours des Mondes, stattfinden, für den Sammler und Spezialisten von weither anreisen.
Ägyptische Arbeiten der Sammlung spielten 1,5 Millionen ein
Im vergangenen Mai hatte Artcurial im Rahmen einer Archäologie-Auktion den ersten Teil der Sammlung Rotthier mit fast 70 Losen ägyptischer Antiquitäten erfolgreich zerstreut. Sämtliche Werke wurden zumeist weit über den Taxen zugeschlagen und spielten insgesamt 1,5 Millionen Euro ein. Für die bevorstehende Versteigerung des zweiten Teils der Kollektion des 2009 verstorbenen belgischen Sammlers mit traditionellen Kunstobjekten aus Subsahara-Afrika kooperiert Artcurial als ausrichtendes Haus mit der Brüsseler Fachabteilung von Lempertz, die mit Jan-Joris Visser und Bernard de Grunne für die Expertise und den Kataloginhalt zuständig war.
Die Auktion präsentiert eine Auswahl von 90 Werken aus der mehr als 300 Objekte umfassenden Kollektion. Jan-Joris Visser, der Rotthier kannte, beschreibt den Sammler als sehr diskrete Persönlichkeit. Den Umfang der Sammlung scheint niemand, nicht einmal seine Familie, genau gekannt zu haben. Rotthier war fasziniert von der Ausdruckskraft und künstlerischen Vortrefflichkeit traditioneller afrikanischer Kunstwerke.
Ein großer Teil der Kollektion stammt aus dem Kongo-Gebiet, aber auch aus Mali und Nigeria mit zwei Gruppen phantastischer Terrakotta-Figuren aus Djenne-Djeno und Nok (Taxen zwischen 4000 und 12.000 Euro). Seit den Siebzigerjahren, nach der um 1960 erreichten Unabhängigkeit dieser Länder, trug der Jurist und Anwalt auf zahlreichen Reisen Stücke zusammen oder erwarb sie bei belgischen Händlern und Sammlern.
Eine Provenienzliste mit Rang und Namen
Die Provenienzliste zeigt Namen führender Experten wie Pierre Dartevelle, Claude-Henri Pirat, Baudouin de Grunne oder Jacques van Overstraeten. Gemeinsam mit Bernard de Grunne (einem Sohn von Baudouin de Grunne – die Welt der Afrikana-Experten ist klein) hat Jan-Joris Visser fast fünf Monate an der Recherche zu den Objekten und der Erstellung des Kataloges gearbeitet. Zahlreiche Werke wurden in einschlägigen Publikationen genannt oder auf Ausstellungen gezeigt. Weil Rotthier auf seinen Reisen kaufte, ließ sich die Herkunft nicht immer erschließen. Der bislang noch relativ unbekannte Name Rotthier, erklärt Visser, werde mit dieser Auktion zur Referenz werden.

Zu den Toplosen gehört eine Gruppe von vier monumentalen, bis zu einen Meter hohen Songye-Statuen aus dem Kongo (Lose 33 bis 36). Diese Fetisch-Figuren sind Kommunikationsobjekte, die vom Oberhaupt eines Königreiches, eines Stammesverbandes oder einer Familie in Auftrag gegeben wurden. Sie zeugen von der Kraft, der Komplexität und dem spirituellen Reichtum des Songye-Denkens, sind Beschützer der Gemeinschaft und Vermittler zwischen der Welt der Menschen und der Geister. Eine der Songye-Figuren (Los 34) trägt einen langen, geschraubten Hals, während die durch drei Lider vervielfachten Augen eine außerordentliche Visionskapazität evozieren. Vom Werkkorpus dieses Künstlers sind bislang nur zwei vergleichbare Figuren bekannt. Auch wegen der namhaften Provenienz lautet die Taxe 50.000 bis 80.000 Euro.
Mit magischer Kraft aufgeladen
Für zwei weitere unter den vier Songye-Fetischen (Los 35 und 36) bleibt die Provenienz ungeklärt. Sie sind jedoch meisterhaft in ihrem Ausdruck und faszinieren durch die Accessoires aus Federn, Fell, Perlenketten und Metallstücken, mit denen sie besetzt und mit magischer Kraft aufgeladen wurden. Die Taxspannen reichen von 15.000 bis 30.000 Euro.
Zu den Spitzenlosen gehört auch eine imposante Janusfigur der Kuyu aus dem Kongo (Los 45), für die 40 000 bis 60 000 Euro erwartet werden. Diese Doppelstatuen, Okue genannt, wurden für rituelle Zeremonien zur Ehrung des Gottes Djo geschnitzt, in deren Verlauf die Kosmogonie der Kuyu nachgestellt wurde. Durch ihre zweiseitige Gestaltung soll die innewohnende Dualität der Gottheit Djo veranschaulicht werden. Nur wenige dieser janusköpfigen Figuren sind heute bekannt und befinden sich in Museumssammlungen.
Eines der rätselhaftesten Werke (Los 61) wird im Katalog als Deckel für einen Wahrsagekasten beschrieben (Taxe 1500 bis 2000 Euro). Darauf sitzen Rücken an Rücken zwei Figuren, neben denen eine Schale und ein Topf stehen. Es handele sich, erklärt Visser, um ein Objekt der Frauenkultur, das wie eine Geheimsprache funktioniert. Solche Schnitzwerke wurden angefertigt, um nach bestimmten Vorkommnissen in Form eines Bilderrätsels oder wie ein Rebus eine kritische, spielerische und ironische Aussage festzuhalten, die allerdings nur die Frauen unter sich verstanden. Der tatsächliche Sinn des wundervollen kleinen Werkes wird wohl für immer ungelöst bleiben.
