Das beste Bild dieser Weltmeisterschaft kam wirklich erst zum Schluss. Zu einem Zeitpunkt, als der argentinische Star und der amerikanische Präsident längst die Bühne verlassen hatten, auf der sie nicht die Hauptrolle gespielt hatten oder nicht die Hauptrolle spielen sollten.
Ein goldener Rahmen für Spaniens Weltmeisterwerk
Die Gemeinschaft, die die Spanier in ihrem zweiten größten Moment ihrer Fußballgeschichte – nach ihrem ersten WM-Titel 2010 in Südafrika – in den USA genossen, stand symbolisch für das, was es immer sein sollte und was es letztlich wurde: ein Gemeinschaftswerk einer Generation ganz besonderer Ballkünstler. Auch wenn einige Pinselstriche in Rot-Gelb-Rot noch ein wenig heller und kräftiger wirkten als andere bei diesem Turnier, auch am großen Tag, als dieses spanische Weltmeisterwerk seinen goldenen Rahmen bekam.
Unai Simón, der Torwart, der als Erster in der nun fast hundertjährigen WM-Geschichte mit nur einem Gegentor Weltmeister wurde. Bisher hatten alle Sieger mindestens zwei kassiert. Dazu baute er beim Turnier den Rekord für den längsten Zeitraum ohne Gegentor auf 650 Minuten aus. Den Pokal für den besten Torwart der WM bekam er auch noch in die Hand, auch wenn er im Endspiel von harmlosen, müden Argentiniern nie gefordert wurde.
Pau Cubarsí nahm neben dem WM-Pokal ebenfalls eine weitere Trophäe in Empfang, die für den besten Jungprofi, der frühestens 2005 geboren worden ist. Mit erst 19 Jahren agierte der Abwehrspieler wie ein Altmeister. Nur einer spielte bei dieser WM mehr Pässe als Cubarsí, von denen imponierende 97 Prozent beim Mitspieler ankamen.
Der dreiste argentinische Kunstraub gelingt nicht
Derjenige, der die 690 von Cubarsí übertraf, war sein Kapitän: Rodri passte den Ball 799 Mal. Doch es war nicht die schiere Menge, die einen WM-Rekord bedeutete, es war die Art seiner Pässe: Hinter jedem steckte eine Botschaft an den Empfänger, eine Idee für die Gemeinschaft. Der spanische Magnet ragte mit einer Laufstrecke heraus, die wenige ihm nach dem Kreuzbandriss im September 2024 zugetraut hatten. Rodri, der zudem als bester Spieler des Turniers ausgezeichnet wurde, lief 96,2 Kilometer, auch das: Rekord.
Dass dieses wertvolle spanische Werk nicht einem dreisten argentinischen Kunstraub zum Opfer fiel, lag allerdings – das passte zum Gemeinsinn des Weltmeisters – vor allem an zwei Spielern, die bisher nur am Bildrand zu finden waren. Spanien dominierte das Finale, traf aber lange nicht. Bis Nico Williams eine weit gezogene Flanke zurück in den Strafraum legte und der ebenfalls eingewechselte Ferran Torres den Ball volley ins Netz wuchtete. Der Stürmer hatte das Bild mit einem fetten Goldklecks versehen.
Dabei war Torres einer der Spanier, über denen eine Schattierung lag. Beim 0:0 gegen Kap Verde vergab er einige Chancen, die mediale Kritik fokussierte sich auf den Angreifer des FC Barcelona nach dem enttäuschenden Start gegen den Außenseiter, auch beim 4:0 gegen Saudi-Arabien traf er trotz einiger Möglichkeiten nicht ins Tor. Erst im Achtelfinale gegen Portugal, als er Mikel Merinos Siegtreffer vorbereitete, wandelte sich die Wahrnehmung.
„Ich wurde während der WM stark kritisiert. Aber das Schicksal hat seine eigenen Regeln“, sagte Torres, der nach seinem Tor zum Titel einen guten Grund gehabt hätte, auf dem Siegerbild nach vorne zu drängen. Doch er sagte nur: „Am Ende gehört das Tor 47 Millionen Menschen, nicht mir.“
Das spanische Erstlingswerk ähnelt dem zweiten WM-Bild
Die Bilder, die in der spanischen Nationalmannschaftsgalerie von nun an an der prominentesten Stelle platziert sind, ähneln sich durchaus. Auch 2010, beim Erstlingswerk, basierte der spanische Erfolg auf Passsicherheit, starken Abwehrkräften, Gemeinschaft und Geduld bei der Vollendung. Torres traf erst in der 106. Minute, Andrés Iniesta in der 116. in Johannesburg. Damals spielte Spanien in Überzahl nach der Gelb-Roten Karte für den Niederländer John Heitinga, am Sonntag nach dem Platzverweis für Enzo Fernández.
Einer, der die Geduld verkörpert wie kein anderer, ist Luis de la Fuente. 2013 fing er im Juniorenbereich beim spanischen Verband an, schnell arbeitete er mit Spielern wie Simón, Rodri oder Merino, der mit seinen späten Toren gegen Portugal und Belgien dafür sorgte, dass es mit Spaniens Geduld bei dieser WM nicht früher vorbei war, zusammen. Der Trainer sprach nun hochachtungsvoll von einer „Generation von Fußballern, die mit einer Idee aufgewachsen sind, ihr treu geblieben sind, sie weiterentwickelt haben“.

Das Weltmeisterwerk ist vollendet. Und nun? Einige Spieler fragten – nach dem Sieg in der Nations League 2023, dem Gewinn der Europameisterschaft 2024 und dem WM-Titel – in der Kabine, was sie nun gewinnen könnten. Und de la Fuente sagte nur: „Das Spiel im September.“ Am 26. September beginnt beim WM-Dritten in England die neue Nations-League-Kampagne. Es klingt, als sähe de la Fuente durchaus noch Freiraum in der Ahnengalerie: „Wir haben noch viel zu gewinnen.“
Lamine Yamal ist einer davon, selbst wenn er im Alter von 19 Jahren schon Welt- und Europameister ist. Die WM der Stars, bei der Messi, Harry Kane und Kylian Mbappé herausstachen, war nicht Yamals große Bühne, aber womöglich half genau das Spanien beim Titelgewinn. Wie vor zwei Jahren galt seine Gleichung: ein Tor, ein Titel. Im Finale zeigte Yamal, dessen WM-Teilnahme durch eine Verletzung gefährdet war, seine individuelle Klasse, fiel aber nie aus dem Rahmen. „Er hat ein großes Opfer für die Mannschaft gebracht, was die Werte dieser Mannschaft unterstreicht“, sagte de la Fuente.
Wenn sich der Goldglitzer über das spanische Werk gelegt hat, werden de la Fuentes Weltmeister erkennen, was es neben der nächsten Nations League noch zu gewinnen gibt. Wie zwischen 2008 und 2012 könnte Spanien zwei EM- und einen WM-Titel in Serie gewinnen. Und dann folgt in vier Jahren eine WM, die im eigenen Land, in Marokko, Portugal sowie mit je einem Spiel in Uruguay, Argentinien und Paraguay ausgetragen wird.
Der Blick ins Jahr 2030 war Luis de la Fuente für den Moment allerdings noch ein wenig zu weit entfernt. „Es gibt keine Eile“, sagte er. Lieber betrachtete er das jüngste spanische Gemeinschaftswerk in seinem glänzenden goldenen Rahmen: „Genießen wir diesen einzigartigen Moment.“
