Wenn eines fernen Jahres, vielleicht bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2050 oder 2054, der Blick auf die Tribüne gerichtet wird, auf die alten Weltmeister, die den nächsten Champions in spe zuschauen: Wer wird dann für die Sieger der heutigen Generation stehen?
Womöglich geht der Blick auch 2051, 2052 oder 2053 auf die besten Plätze im Stadion, wenn alle zwei Jahre oder gar jedes Jahr eine WM gespielt wird. Wer weiß das schon in einer Zeit, in der die erste Endrunde mit 48 Mannschaften noch nicht einmal beendet ist, aber schon über ihre Erweiterung auf 64 Teams debattiert wird.
Wer entscheidet am Sonntag das WM-Finale 2026?
Sollten die Franzosen in ferner Zukunft um den Titel spielen, könnte Kylian Mbappé winken, auch Ousmane Dembélé womöglich, Antoine Griezmann vielleicht, allesamt Weltmeister von 2018. Und bei den Argentiniern natürlich Lionel Messi, der Champion von 2022, wie Ángel Di María oder Julián Álvarez.
Falls allerdings die Spanier das größte Spiel dieser größten Weltmeisterschaft gewinnen, könnte es nicht so leicht werden, später ein paar Stürmerstars ins Bild zu setzen, die auch in einem Vierteljahrhundert noch unverkennbar für die Weltmeistermannschaft von 2026 stehen.
Wer würde Luis de la Fuente und seine Spieler erkennen?
Aber sonst? Manche Zuschauer, die viel Geld dafür zahlen, am Sonntag erst weit vor die Tore New Yorks zum Stadion nach East Rutherford, New Jersey, zu fahren, und noch mehr Geld dafür ausgeben, um das Endspiel zu sehen, dürften kaum bemerken, wenn neben ihnen – die meisten in ihrem roten Trikot mit „Lamine Yamal“ auf dem Rücken – Mikel Oyarzabal, Ferran Torres oder Álex Baena Platz nähmen, die Originale, wohlgemerkt.
Auch Luis de la Fuente würde vielleicht in der Masse der Gesichter verschwinden, selbst wenn der spanische Nationaltrainer, seit er den Posten Ende 2022 nach der WM, die im Achtelfinale endete, übernahm, bei jedem Turnier, bei dem seine Mannschaft mitspielte, das Finale erreichte.

In der Nations League 2023 und bei der EM 2024 gewann er, im Endspiel der Nations League 2025 nicht. Zuvor hatte er schon die Finalduelle bei der U19-EM 2015 und U21-EM 2019 gewonnen, die Olympia-Auswahl unterlag im Endspiel 2021. Wer so erfolgreich ist, sollte eigentlich bekannter sein.
Spaniens Trainer zitiert gerne Julius Cäsar
Sie kennen de la Fuente und seine Idee lange, de la Fuente, der lieber Altstars wie Julius Cäsar zitiert, als berühmte Namen Real Madrids zu nominieren, kennt sie lange. Das Vertrauen ist groß, die Vertrautheit auch. Sie kennen das Faible ihres 65 Jahre alten Trainers aus einem Ort aus der nordspanischen Weinbauregion La Rioja für den römischen Feldherrn. Zum WM-Halbfinale gegen Frankreich schickte er die Seinen mit seinem Lieblingszitat von Cäsar aufs Feld: „Man kann nicht siegen, ohne zu leiden.“
Die, die am meisten leiden, sind aber nicht erst bei dieser WM Spaniens Gegner. Seit 37 Pflichtspielen sind die Iberer ohne Niederlage, ein Erfolg im Endspiel am Sonntag wäre eine neue Bestmarke. De la Fuente ist sehr auf das Kollektiv bedacht, das betont er immer wieder.
Nach dem 2:0 der besten Mannschaft, seinen Spaniern, gegen die Mannschaft mit den besten Spielern, Frankreich, strich der Trainer etwas heraus, das ihm fast genauso wichtig war wie der Finaleinzug: „Wir sind jetzt seit 47 Tagen zusammen – und es gab nicht ein einziges Problem.“
Und nur ein einziges Gegentor. Belgien erzielte es im Viertelfinale. Bis dahin blieb Unai Simón 649 Minuten ohne WM-Gegentreffer. Auch Rekord. Simón ist ein gutes Beispiel dafür, dass de la Fuente sein Team nicht nach den größten Namen, sondern nach dem größten Vertrauen aufstellt. Auch Simón war Teil des Kaders der U19-EM vor elf Jahren.
Der Trainer setzt trotz Alternativen auf seinen Torwart
Als der Trainer 2022 die Nationalelf von Luis Enrique erbte, war Simón schon Stammtorwart. De la Fuente enttäuschte er nie, so blieb er Nummer eins wie bei Athletic Bilbao, dem baskischen Klub, mit dem sein Trainer einst Meister und Pokalsieger wurde. Trotz Alternativen wie David Raya von Englands Meister Arsenal und Joan García von Spaniens Meister Barcelona.
Simón ist nur ein Beispiel für de la Fuentes Auswahl, die nicht jedem sofort einleuchtet. Abwehrspieler Aymeric Laporte spielte zwei Jahre in Saudi-Arabien. De la Fuente war es egal. Pau Cubarsí ist erst 19 Jahre alt. Auch egal. Pedro Porro wäre mit Tottenham fast abgestiegen. Schon vergessen.

Gegen Spanien ließen sie die französischen Offensivstars wie Musketiere ohne Dolch erscheinen. Abwehrmann Porro erzielte gar das 2:0. Der Trainer weiß, was sie können, die Spieler wissen, was der Trainer will. Dennoch wiederholte er es gerne: „Disziplin, Organisation, Einsatz und Fleiß“.
Die Spanier ritten selten wie wilde Stiere durch Fußballturniere. Am besten waren sie meistens, wenn sie ein erfolgreiches Kollektiv bildeten wie die Deutschen früher. Beim EM-Triumph vor zwei Jahren wich de la Fuente ein wenig von dieser Strategie ab, ganz einfach, weil er zwei außergewöhnliche Spieler im Kader hatte: Yamal auf der rechten Seite und Nico Williams auf der linken. Sie nahmen die Gegner in die Flügelzange, das 2:1 im Endspiel gegen England erzielte dennoch der oft unterschätzte Oyarzabal.
Bei Spanien wird kein Starfußball gespielt
Er ist bei dieser WM mit fünf Treffern, darunter dem Elfmeter zum 1:0 gegen Frankreich, bester spanischer Schütze. Nico Williams war vor der WM häufig verletzt, kommt in den USA nur zu Kurzeinsätzen. Alex Baena nahm seine Position ein, ein fleißiger Spieler, wie de la Fuente ihn am liebsten hat.
Yamal kämpfte nach einer Blessur, die ihn fast die Turnierteilnahme kostete, um die Rückkehr. Er spielt mehr als Williams, hat aber erst ein Tor erzielt. Nicht schlimm, wie er findet, Europameister wurde er mit nur einem Treffer. Er wirkt unter de la Fuente nicht so stürmisch wie in Barcelona, womöglich hat der Trainer ihm klargemacht: Hier wird kein Starfußball gespielt.
Vor dem Finale gegen die wilden Argentinier stellt sich die Frage, wie viel mehr in diesen Spaniern stecken mag, wenn sie die Potentiale, die die jungen Wilden wie Yamal und Williams bisher nicht abgerufen haben, ausspielten. Wahrscheinlich wollen de la Fuente und seine Spieler das jedoch gar nicht. Ein Rodeo mit den Argentiniern hat schon andere aus der Bahn geworfen.
Auch deswegen sagt der Trainer: „Wenn wir als Team spielen, sind wir unschlagbar.“ Als die Spanier zum ersten Mal in einem WM-Finale standen, hatten sie dorthin mit dem Trainer Vicente del Bosque einen ganz ähnlichen Weg genommen und lauter 1:0-Siege erzielt. Auch das Endspiel 2010 gegen die Niederländer gewannen sie nach Verlängerung mit diesem Ergebnis.
2010 gewann Weltmeister Spanien immer wieder mit 1:0
Es war bezeichnend, als die Fernsehkamera beim Halbfinale am Dienstag gegen Frankreich spanische Weltmeister von 2010 auf der Tribüne zeigte. Zu sehen waren: Iker Casillas, der Torwart, Carles Puyol und Sergio Ramos, die Verteidiger, und Xavi, der Mittelfeldstratege. Sie sahen sehr zufrieden aus, wie ihre Nachfolger ihrem gemeinsamen Weg von damals nun folgen.
Möglich also, dass 2050 an ihrer Stelle Mannschaftsspieler wie Unai Simón, Marc Cucurella, Pau Cubarsí oder Rodri zu sehen sein werden.
