
Als Jens Spahn während der Corona-Pandemie prophezeite, man werde einander „viel zu verzeihen“ haben, hatte er wohl noch nicht die CDU-Mitglieder seines Wahlkreises vor Augen. Die sollen ihrem Abgeordneten nun wahrlich viel nachsehen: dass er die Dienste einer Leihmutter in Anspruch nahm, obwohl seine Partei dieses Modell ablehnt, und den Parteitagsbeschluss dazu kommentarlos mittrug, obwohl eine Frau in den USA für ihn und seinen Ehemann zu diesem Zeitpunkt schon ein Kind austrug.
Das hat die CDU viel Glaubwürdigkeit gekostet. Durch eine solche Entschuldigung gewinnt die Partei sie nicht zurück. Das ist auch Spahn klar. Aber das Büßergewand hat derzeit in der Politik Konjunktur.
War er nur zu feige?
In den Reden von Kanzler Merz ist das Mea Culpa mittlerweile schon so selbstverständlich wie in einer katholischen Messe. Sein Auftritt in der Generaldebatte über den Haushalt ist nur das jüngste Beispiel dafür. Menschlich und nahbar sollen solche Beichten Politiker erscheinen lassen. PR-Leute sprechen von „Fehlerkultur“. Ob sie der Politik in der gegenwärtigen Dosis guttut, darf allerdings bezweifelt werden.
Spahns Brief wirft zudem die Frage auf, wer sich da eigentlich entschuldigt: der Politiker oder der Privatmann? Mit seinem Eingeständnis, er sei zu feige gewesen und habe das familiäre Glück nicht gefährden wollen, begibt sich Spahn auf die emotionale Ebene. Er appelliert an das Mitleid seiner Parteifreunde.
Aber war das wirklich alles? War der sonst so forsche und ausgebuffte Politprofi Spahn nur zu feige? Oder hat er sich nicht auch überschätzt und verkalkuliert, was die Reaktionen in seiner Partei angeht? Das Eingeständnis eines politischen Versagens würde jedoch seinem Comeback im Wege stehen. So müssen ihm seine Parteifreunde lediglich Feigheit verzeihen. Die ist nur in der katholischen Kirche eine Todsünde.
