In der Innenstadt setzt sich die Kulturparade in Bewegung. Die Brassband Vendaval zieht durch die Straßen, das Saxophon legt eine Linie über den Beat der Trommel, die Töne des Sousaphons rollen durch die Reihen. Kinder schieben sich am Geländer entlang, schauen zu einem Mann auf Stelzen hinauf, der den Blick zum Fluss richtet, während ein Einradfahrer kleine Kreise zieht.
Schritt für Schritt wandert der Zug hinunter zum Main, Seifenblasen treiben vor der Gruppe her und zerplatzen an Metall und Jacken, bis die Parade schließlich die Rampe hinab zur Weseler Werft erreicht – jenem Gelände, das sich in den nächsten zwei Wochen in eine Bühne verwandelt.
Auf dem Festivalgelände unterhalb der Europäischen Zentralbank öffnet sich im „Workshop-Space West“ ein Raum, der eher nach Backstage als nach Kurs aussieht. Tische sind mit Schminkpaletten, Glitzer, Pinseln und Perücken voll gestellt, dazwischen liegen Federn, Paillettenjacken und schimmernde Stoffe.
Jeder kann ein anderer werden
Unter dem Titel „Drag-Monsters, Kings & Queens“ probieren Besucher aus, wie sich ihr Gesicht und ihr Körper mit ein paar Strichen verändern. Augenbrauen werden überklebt und neu gezogen, Konturen verstärkt, Nasen verschmälert, Wangenknochen hervorgeholt. Wer will, bringt eigene Kleidung mit, andere greifen zu den bereitliegenden Teilen, ziehen Plateaustiefel an, testen Hüte, Federschmuck und Jacketts. Immer wieder wird vor dem Spiegel gelacht, posiert, korrigiert. Workshopleiter zeigen verschiedene Arten, zu gehen und zu tanzen, die in der historischen queeren Szene zum Leben gebracht wurden.

Später am Abend knüpft die Show „Drag Inclusion“ im Beduinenzelt daran an. Wo vorher Kinder auf Kissen herumgetollt haben, wird das Licht gedimmt, und Kelly Heelton betritt in einem extravaganten Outfit die Bühne. Neben ihrer Performance spricht sie über Drag als Kunstform, queere Sichtbarkeit und darüber, dass hier niemand die „richtigen Vorkenntnisse“ braucht, um willkommen zu sein.
Ihre Gäste wechseln zwischen Lip-Syncs, Comedy und Momenten, in denen der Blick ins Publikum geht und einzelne Menschen direkt angesprochen werden. Dass „Drag Inclusion“ sich explizit als „queer & integrativ“ versteht, ist nicht nur ein Label im Programmheft, sondern spürbar in der Art, wie Fragen gestellt, Blicke beantwortet und Unsicherheiten aufgefangen werden. Wer aus dem Schminkworkshop den Mut mitgebracht hat, die eigene Figur zu zeigen, ist hier nicht Beiwerk, sondern Teil der Inszenierung.
Die Werft ist für alle da
Dass der Ort so offen wirkt, ist kein Zufall, sondern Programm. „Wir wollen Kultur zugänglicher machen, sodass Spaziergänger an Theaterstücken vorbeilaufen und Interesse dafür entwickeln, besonders wenn sie sonst nicht so viel mit Theater zu tun haben“, sagt Julia Nierzwicki, Theatermacherin und Kulturorganisatorin im Team der Sommerwerft. „Für mich sind das hier 17 Tage Utopie – ein Zeitraum, in dem wir ausprobieren können, wie Kultur aussehen könnte, wenn sie wirklich allen offensteht.“

Für sie gehört die Lage direkt am Mainufer genauso dazu wie der freie Eintritt: „Wir möchten Barrieren wegnehmen und nehmen deswegen keinen Eintritt. Es beruht alles auf einem solidarischen Prinzip. Wir hoffen, dass die, die etwas geben können, auch spenden.“ Protagon bildet den organisatorischen Rahmen, ein Frankfurter Kulturverein, der das Festival trägt. Antagon, die mit dem Verein und seinem Gelände in Frankfurt-Fechenheim eng verbundene freie Theatergruppe, die seit Jahrzehnten durch Deutschland, Europa und die Welt tourt, ist Teil dieses Geflechts – und sorgt dafür, dass auf der Werft nicht nur Gastspiele aneinandergereiht werden, sondern ein Netzwerk von Freunden und Kollegen immer wieder im Sommer an diesen Ort zurückkehrt.
Wer in diesen Tagen über die Werft läuft, trifft auf freiwillige Helfer, die über europäische Solidaritätsprogramme für mehrere Wochen nach Frankfurt gekommen sind, tagsüber beim Kinderprogramm oder in den Workshop-Spaces helfen und abends selbst mit im Publikum sitzen. „Wir wollen damit zeigen: Die Stadt ist divers und bunt“, sagt Nierzwicki. Die Workshops sind dabei mehr als ein Rahmenprogramm. „Sie werden angeboten, damit Kunst nicht nur konsumiert wird, sondern die Besucher auch mitmachen können.“ Wer sich beteiligen wolle, müsse keinen Antrag ausfüllen. „Wer helfen will, kann sich einfach beim Infostand melden und loslegen.“
Noch bis zum 9. August bleibt die Sommerwerft auf dem Gelände am Mainufer präsent und bietet jeden Tag neue Möglichkeiten, sich auf Theater, Musik, Gespräche, Workshops oder einen Abend am Fluss einzulassen. Wer hingeht, kann sich treiben lassen, sich bestimmte Programmpunkte aussuchen oder auch nur beobachten, wie aus einer Werft für Schiffe gut zwei Wochen lang eine Werft für Ideen, Begegnungen und möglichen gemeinsamen Raum wird.
