Ich weiß gar nicht, ob ich Ihnen das schon einmal gesagt habe, aber ich bekomme immer wieder Briefe von Ihnen, liebe Leserinnen und Leser – und darüber freue ich mich jedes Mal. Es ist einfach wertvoll, zu erfahren, wie meine Meinung bei Ihnen ankommt, was Sie bewegt, wie Sie auf Ärzte schauen und auf unser Gesundheitssystem.
Ein wichtiges Thema bei den Leserzuschriften zu meiner Kolumne ist immer wieder die Künstliche Intelligenz in der Medizin und der menschliche Umgang miteinander. Gerade älteren Patienten fehlt zunehmend bei jungen Ärzten das „Miteinandersprechen“. Ich kann das gut verstehen. Mir fehlt das auch manchmal. Die Medizin hat sich verändert, die Arbeitsweisen haben sich verändert. Wir müssen da noch einen richtigen Mittelweg finden.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Erst einmal, damit kein Missverständnis entsteht: Ich bin ein großer Freund der natürlichen Intelligenz, also der des Menschen, aber ich schätze auch die modernen Techniken, insbesondere die KI. Ein Beispiel: Es gibt fast 20.000 Krankheiten; ein guter Internist kennt aber nur 200 bis 300 Krankheitsbilder aus dem Kopf. Und meist sind das die gängigen.
Die Künstliche Intelligenz kann zum Beispiel einen wichtigen Beitrag zur Erkennung seltener Erkrankungen liefern, indem die KI Symptome genannt bekommt und dann Vorschläge für eine mögliche Diagnose macht. Das kann eine gute Ergänzung zur menschlichen Intelligenz sein.
Aber das Wichtigste ist und bleibt die natürliche Intelligenz des Menschen, die alle Dinge unter einen Hut bringt. Der Mensch ist einfach viel mehr als „nur“ Kenner von Symptomen und Laborwerten. Deswegen spricht man auch von Heilkunst. Das führt uns aber zu einem weiteren Problem, das viele Leserzuschriften aufgreifen.
Die körperliche Untersuchung und das Gespräch sind die zentralen Aufgaben des Arztes
Bei all der Technik, die Ärzten zur Verfügung steht, scheinen heute manches Mal die Grundtechniken ärztlicher Kunst nicht immer genügend gelehrt und angewendet zu werden. Was ich meine, ist eigentlich ganz einfach: auf den Patienten zugehen, ihm zuhören, ihn körperlich untersuchen und ihn berühren. Das ist es, was den Arztberuf ausmacht. Wenn man das macht, erfährt man viel, was keine KI weiß.
Die körperliche Untersuchung und das Gespräch sind eigentlich die zentralen Aufgaben des Arztes; sie sind eine direkte Zuwendung und bauen eine direkte Beziehung zum Patienten auf.
KI ist hilfreich und wird in Zukunft immer wichtiger; das darf aber nicht dazu führen, dass die zentralen Elemente der Heilkunst vernachlässigt werden. Künstliche Intelligenz ist nur ein Tool!
KI wird uns nicht retten
Leider aber wird es als ein solches oft nicht mehr angewendet; gerade die jüngere Generation, die in all diesen Dingen ohnehin fitter und schneller ist, macht sich immer weniger die Mühe, selbst nachzudenken, zwischen den Zeilen zu denken, manchmal auch um die Ecke. Stattdessen höre ich immer häufiger, da frage ich mal die KI. Da wird nicht mal mehr gegoogelt. Wie gesagt, mir sind die Vorteile dieser Entwicklung durchaus bewusst, sein eigenes Hirn muss man aber noch benutzen.
Ich glaube, liebe Leserinnen und Leser, Künstliche Intelligenz wird uns nicht retten. Bildung und natürliche Intelligenz müssen schon dazukommen, sonst wird die Zukunft nicht lustig!
Ihnen allen wünsche ich eine Woche, in der Sie ab und zu selbst noch mal über Probleme nachdenken. Ach, und Sie sehen: Ich lese jeden Ihrer Briefe und nehme ernst, was Sie schreiben.
Es grüßt Sie herzlichst aus dem Oberbergischen –
Dr. Thomas Aßmann, 63 Jahre alt und Internist, hat eine Praxis im Bergischen Land. Hier schreibt er regelmäßig über seine Arbeit.
