An die Nacht vom 23. auf den 24. Juni 2016 kann sich Oliver Behrens noch gut erinnern. Ins Bett ging der Bankmanager und heutige Präsident der Finanzplatzinitiative Frankfurt Main Finance mit der Erwartung, dass die „Remainer“ – also die Befürworter eines Verbleibs der Briten in der Europäischen Union – beim Brexit-Referendum am 23. Juni siegen würden. Am Morgen des 24. Juni jedoch wurde klar, dass sich die „Leave“-Fraktion durchgesetzt hatte und das Vereinigte Königreich die EU verlassen würde.
Natürlich sei das ein Schock gewesen, erinnert sich Behrens, der damals an der Spitze der Deutschlandvertretung der amerikanischen Großbank Morgan Stanley stand. Doch obwohl kaum jemand in Deutschland dieses Abstimmungsergebnis erwartet hatte, wurde in Frankfurt schon um 6 Uhr eine Website und kurz darauf eine Hotline freigeschaltet, die sich an Vertreter internationaler Banken richtete. Die Botschaft: „Wir wollten deutlich machen, dass die Menschen in Frankfurt traurig über den Austritt der Briten sind, und doch als Alternative für Banken bereitstehen, die sich wegen des Brexits ein neues Hauptquartier innerhalb der EU suchen mussten“, sagt Behrens knapp zehn Jahre später.
Der Morgen nach dem Brexit: Frankfurt stand bereit
Gerade in den Monaten direkt nach dem Brexit, sagt Tobias Vogel, Vorstandsvorsitzender des Verbands der Auslandsbanken in Deutschland und Chef der Europazentrale der schweizerischen Bank UBS, sei Frankfurt sehr gut positioniert gewesen. In den folgenden Tagen hatten die Verantwortlichen der Finanzplatzinitiative, in der Geldhäuser und andere Finanzinstitutionen zusammengeschlossen sind, sowie Vertreter der Stadt und Wirtschaftsförderer alle Hände voll zu tun. Schließlich mussten sie unter anderem der vielfältigen Interviewfragen von Journalisten aus dem Ausland Herr werden, die sich plötzlich für die im internationalen Vergleich eher kleine Stadt am Main interessierten, die nun Tausende Beschäftigte aus London aufnehmen sollte. Insgesamt seien in den vergangenen zehn Jahren in ausländischen Medien mehr als 5000 Artikel über die Frankfurter Finanzbranche erschienen, berichtet Behrens. „Eine unschätzbare Werbung für diese Stadt“, findet er.

Der EU-Austritt der Briten war ein einschneidendes Ereignis für das Land und den Kontinent. Doch schon am Tag nach dem Referendum titelten die F.A.Z. und viele andere Medien, dass Frankfurt vom Brexit profitieren könnte. Und in der Tat: Seit 2016, das belegen Zahlen der Wirtschaftsförderung Frankfurt, wurden in Frankfurt rund 15.000 zusätzliche Arbeitsplätze bei Banken, Börsen und Versicherungen geschaffen. Dabei habe man selbst, so Behrens, pessimistischer mit nur rund 10.000 Stellen kalkuliert. Andere Experten hatten bis zu 20.000 vorausgesagt.
Um allerdings das ganze Bild über die Banken hinaus zu erhalten, verweist Behrens, der heute Vorstandschef des Online-Brokers Flatex ist, auf die sogenannten Multiplikator-Effekte, auf die sich eine Studie der privaten Wirtschaftsuniversität WHU bezieht. Demnach geht mit der Schaffung von 10.000 Stellen im Finanzsektor die Entstehung von 35.000 weiteren Arbeitsplätzen in anderen Branchen einher, etwa bei IT-Unternehmen, in der Gastronomie, im Handel, im Gesundheitssektor oder bei Anwälten und Beratern. Nach dieser Schätzung ist davon auszugehen, dass seit dem Brexit insgesamt 45.000 Stellen in Frankfurt geschaffen wurden.
Langfristige Auswirkungen zeigen sich erst nach und nach
Behrens gibt sich damit aber noch nicht zufrieden. Noch seien gar nicht alle Folgen des Brexits sichtbar, sagt der Präsident der Frankfurter Finanzplatzinitiative und nennt ein Beispiel. So könnte die neue Eigenkapitalrichtlinie CRD VI der Stadt Hunderte neue Jobs in der Finanzbranche bescheren, weil Institute etwa aus Ländern wie den USA, Großbritannien und Japan noch mehr Funktionen und Kapital in die EU verlagern müssten – aus Behrens’ Sicht idealerweise nach Frankfurt.
Nach dem Brexit machten sich neben Frankfurt auch andere europäische Städte Hoffnungen, Banken und Entscheider aus London anzulocken. Vor allem Paris wurde im Wettlauf um die sogenannten Brexit-Banker zu einem Konkurrenten, zumal mit dem Amtsantritt von Emmanuel Macron der französische Präsident das Werben um Banken zur Chefsache erhob. Macron lud Entscheider nach Paris ein, lockte mit Steuererleichterungen, „damit begann die Führerschaft Frankfurts zu erodieren“, so Behrens, zumal die Stadt damals weitgehend ohne Unterstützung aus Berlin auskommen musste.

Inzwischen haben wichtige Bundespolitiker die Rolle der Finanzwirtschaft erkannt. Beim Werben zum Beispiel um die Anti-Geldwäsche-Behörde Amla, die 2024 nach Frankfurt vergeben wurde, half auch der damalige Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP) mit. In Hessen hat Ministerpräsident Boris Rhein bereits mehrfach das neu gegründete Finanzplatzkabinett mit Vertretern von Vorständen der Branche einberufen, um sich mit den Unternehmen auszutauschen.
Der Brexit brachte Banken – und Milliarden
Nach der ersten Unsicherheit in den Monaten unmittelbar nach dem Brexit stieg die Beschäftigung am Finanzplatz Frankfurt zunächst nur langsam: Bis 2022 wurden nur knapp 6000 Stellen in Frankfurt geschaffen. Ein Grund dafür, dass die Zahlen anfangs unter den Erwartungen blieben, war die Corona-Krise. Schon früh entschieden sich aber große Namen dafür, ihre Präsenz in der Stadt auf- oder ihre Büros dort auszubauen, wie Tobias Vogel hervorhebt: etwa die Citibank, Goldman Sachs, Standard Chartered, die UBS, J.P. Morgan oder Institute aus Asien. Das habe auch damit zu tun gehabt, dass die Finanzinfrastruktur in Frankfurt jener in London ähnelte, so Vogel, unter anderem mit einem stabilen politischen System und einer verlässlichen Aufsicht.
Die Zahl der Auslandsbanken in Frankfurt hat sich im Vergleich zu 2016 dennoch leicht verringert, von 138 auf jetzt 131. Das liege aber daran, dass Lizenzen zusammengelegt worden seien, sagt Vogel. Insgesamt gebe es einen klaren Aufwärtstrend: Seit 2016 seien die Bilanzsummen der in Frankfurt aktiven Deutschlandtöchter ausländischer Banken um den Faktor 2,5 gestiegen, diese Unternehmen hätten ihre Kreditsumme verdoppelt und ihre Ertragslage verfünffacht. Dabei spielten zwar auch andere Faktoren wie die Zinswende eine Rolle, so UBS-Europachef Vogel, aber der Hauptgrund sei, dass durch den Brexit eben viele internationale Institute mehr Geschäft in Frankfurt machten.
Bastian Bergerhoff freut das. Schließlich ist der Grünen-Politiker als Stadtkämmerer für die Frankfurter Finanzen verantwortlich. Seit 2016 sind die Gewerbesteuereinnahmen aus dem Finanzsektor um 420 Millionen Euro gestiegen, zuletzt führten die Institute laut Bergerhoff 2025 rund 1,8 Milliarden Euro ab. Natürlich sei das ein Klumpenrisiko, räumt er ein, „wenn es der Finanzbranche schlecht geht, spürt das die Stadt stark“. Doch zeige es auch die Bedeutung der Branche für Frankfurt. Jedes Jahr würden derzeit hochwertige Büroflächen fertiggestellt, zuletzt waren es laut Daten des Immobiliendienstleisters CBRE 2025 rund 100.000, 2024 sogar fast 200.000 Quadratmeter.
Frankfurt nach dem Brexit: „Wir müssen uns noch mehr anstrengen“
Damit Frankfurt weiter von seiner Finanzwirtschaft profitiert und das Ökosystem wächst, sind nach Ansicht von Oliver Behrens noch größere Anstrengungen erforderlich. Man habe in den vergangenen Jahren vieles liegen lassen, findet er, und Tobias Vogel ergänzt, man habe gerade wichtige Entscheider nicht nach Frankfurt holen können, sondern eher an Paris verloren. Sowieso müsse man langfristig dahin kommen, dass Banken nicht deshalb Arbeitsplätze nach Frankfurt verlagerten, weil sie es müssten, so wie im Zuge des Brexits, sondern weil sie es wollten.
Attraktiver für die Branche könnte Deutschland werden, wenn die Rolle des Kapitalmarkts gestärkt würde – also etwa Börsengänge erleichtert würden oder Unternehmen mehr Möglichkeiten erhielten, an Kapital zu kommen. Vogel geht davon aus, dass vor allem die Diskussion um die private Altersvorsorge diese Entwicklung beschleunigen wird und mit der höheren Relevanz des deutschen Kapitalmarkts auch wieder mehr Arbeitsplätze in Frankfurt entstehen.
Allerdings gibt es für internationale Banken nach wie vor auch gute Gründe, sich in anderen Städten anzusiedeln – zu den Mitbewerbern Frankfurts gehören auch Luxemburg, Amsterdam und Madrid. Als Wettbewerbsnachteil betrachtet Vogel die deutsche Tendenz zum „Gold Plating“. Gemeint ist, dass regulatorische Vorgaben der Europäischen Union hierzulande in vielen Fällen übererfüllt werden. „Das ist hinderlich“, sagt Vogel. Insgesamt müsse die Bürokratie reduziert werden.
Ob Großbritannien eines Tages wieder in die EU zurückkehren und dies Frankfurt wieder Stellen kosten könnte, will Vogel derzeit nicht diskutieren, „das kommt zu früh“. Behrens sagt dazu: „Wir dürfen nicht selbstgefällig werden.“ Schließlich kam es am Morgen des 24. Juni 2016 ja auch anders als erwartet.
