
Herr Röck, wie wird es Ihnen am Sonntagmittag gehen?
Da werde ich sehr erschöpft und ausgepumpt sein.
Als Frankfurter Feuerwehrchef nehmen Sie am Skyrun teil. Einem beliebten Rennen, in dem die Teilnehmer versuchen, das Treppenhaus des Messeturms zu bezwingen. Laufend, vom Erdgeschoss bis ganz hinauf in den 61. Stock. Traditionell starten viele Feuerwehrleute in voller Einsatzmontur, in diesem Jahr sind es 639.
Im vergangenen Jahr habe ich eher aus einer Bierlaune heraus zugesagt. Dann habe ich gedacht: Hey, das ist ganz schön hoch und weit. Unvorbereitet, also ohne Training, wird es nicht gehen.
Sie landeten auf Platz elf in der Wertung der Berufsfeuerwehr-Teams.
Die letzten vier Stockwerke sind echt die Härte, auch mental. Aber es war wirklich gut. Darum habe ich mir vorgenommen, dass der Skyrun meine jährliche Feuerwehr-Sport-Challenge wird. Unser Trainingsturm ist das Hochhaus „Trianon“ im Westend. Da gibt es durchgehende Treppen, wogegen man im Messeturm mitunter die Achse wechselt. Manche mögen die Unterbrechung durch eine Gerade, ich habe dagegen lieber durchgehend einen Rhythmus. Ich lasse mich dabei bewusst in ganz tiefe Gedanken fallen. In irgendein dienstliches Problem, das ich bei der Kletterei durchdenke.
Wie schwer und wie wenig atmungsaktiv ist die Einsatzmontur? Und wie schwer drückt sie bei solch einem vertikalen Lauf über 1200 Stufen und 213 Höhenmeter nach unten?
Mehr als 20 Kilogramm wiegen Stiefel, Hose, Jacke und das auf dem Rücken getragene Pressluftatemgerät. Das heißt: Für uns ist ein solcher Lauf eine schweißtreibende Angelegenheit. Unsere speziellen Hosen und Jacken sind mit 800 bis 1000 Euro sehr teuer. Kleine Luftpolster sorgen dafür, dass die Hitze abgehalten wird. Im Umkehrschluss kann nur wenig Körperwärme über Membranen abgeführt werden. Bei einem klassischen Zimmerbrand herrschen unter der Decke Temperaturen bis 1000 Grad. Da kriechen wir in voller Montur bei extremer Hitze über den Boden, was enorm anstrengend ist.
Ist es ein realistisches Szenario in Frankfurt, dass Feuerwehrleute in einem Hochhaus Dutzende Stockwerke treppauf in voller Montur hinaufstürmen?
Nein, im Brandfall würden wir nicht in den 30., 40. oder 60. Stock rennen, sondern den Treppenraum nur zum Teil nutzen. In voller Montur und mit Löschgerät wären die Erstlöscher praktisch körperlich schon fertig, bevor sie überhaupt mit der Arbeit anfangen. In jedem Hochhaus sind Feuerwehraufzüge, gekennzeichnet mit einem F.
„Aufzug im Brandfall nicht benutzen“ gilt für jedermann, aber nicht für die Feuerwehr?
Genau. Es gibt verschiedene Taktiken für die Bekämpfung von Hochhausbränden. Wenn es beispielsweise im 40. Stockwerk brennt, fahren wir nicht bis dorthin, sondern vielleicht ins 38. und bauen dort eine Base auf. Dann würden wir über den Treppenraum ins Brandgeschoss vorrücken. Diese Aufzüge steuern und beherrschen wir mit speziellen Schlüsseln. Sie verfügen unter anderem über eine Notausgangsluke, sodass wir sie notfalls über eine Leiter verlassen und in ein anderes Geschoss umsteigen können. Wir haben dafür eine eigene Abteilung mit etwa 50 Leuten, die quasi nur für diesen vorbeugenden Brandschutz zuständig sind, das heißt, Gebäude für die Belange der Feuerwehr überprüfen.
Warum darf man eigentlich im Brandfall nicht schnell den normalen Aufzug benutzen? In einem vermeintlich eine Weile sicheren, von dicken Mauern umgebenen Schacht.
Die normalen Aufzüge können zur tödlichen Falle werden. Angenommen man fährt abwärts und im Brandgeschoss hat auch jemand gedrückt – dann geht die Tür auf und man steht im Rauch. Dazu funktioniert die Lichtschranke womöglich auch nicht mehr. Auch kann es zu plötzlichen Stromausfällen kommen.
Sind Treppenhäuser im Brandfall für Feuerwehrleute eher Gefahrenquelle oder Schutzraum?
Schutzraum. Treppenräume sind ja Flucht- und Rettungswege. Weil sie gewisse brandschutztechnische Anforderungen haben. Das heißt, sie können eine gewisse Zeit einem Feuer widerstehen. Für uns sind Treppenräume zunächst der sichere Weg, also auch Angriffsweg.
Der Fachbegriff ist, dass man ein Feuer angreift?
Ja. Es haben einige Begriffe überdauert aus Zeiten, als auch bei der Feuerwehr ein eher militärischer Ton herrschte. Wir Feuerwehrleute haben grundsätzlich einen besonderen Bezug zu Treppenräumen. Treppensteigen in Hochhäusern schafft zudem immer auch noch eine Art Verbindung zu den Ereignissen am 11. September 2001, als die New Yorker Feuerwehr versucht hat, in den Türmen Trupps nach oben zu schicken. 343 Feuerwehrleute sind nicht zurückgekommen. Historisch eine Ausnahme in der Geschichte der Feuerwehr.
Der Skyrun ist eine besonders harte Prüfung für Feuerwehrleute. Wie wichtig ist körperliche Fitness in diesem Beruf generell?
Fitness hat eine große Bedeutung. Zu unserem Leitbild für unsere 1300 Berufsfeuerwehrleute und 900 Kräfte der freiwilligen Feuerwehr in Frankfurt gehört eine Säule, die sich so nennt: ein gesunder Mensch in einer gesunden Organisation. Und in diesem ganzheitlichen Ansatz, zu dem auch die mentale Gesundheit gehört, ist Sport für unseren Job sehr wichtig. Wir wollen, dass unsere Kräfte bis zur Altersgrenze von 60 Jahren leistungsfähig sind, aber auch, dass sie dann gesund in den Ruhestand eintreten. Beim Eintritt in die Feuerwehr gibt es einen durchaus ambitionierten Sporttest zu bewältigen. Und auch wer befördert werden will, muss seine Fitness nachweisen.
Nun kommt es ja hierzulande kaum vor, dass Einsatzkräfte tagelang bis über die Erschöpfungsgrenze hinaus beispielsweise Waldbrände bekämpfen.
Nicht unbedingt der einzelne Einsatz, sondern die Gesamtmenge macht den Unterschied. Wir haben im Stadtgebiet jährlich etwa 7000 klassische Feuereinsätze und etwa 7000 technische Hilfeleistungen wie beispielsweise bei Unfällen. Dazu kommen im Jahr etwa 160.000 Einsätze im Bereich Rettungsdienst. Es geht darum, dass unsere Leute eine 24-Stunden-Schicht gut bewältigen können. Weil sie vom Material her gut ausgestattet sind und körperlich darauf vorbereitet sind.
Sport während der Arbeitszeit treiben zu können, kann die Attraktivität der Feuerwehr als Arbeitgeber bei jungen Menschen steigern?
Ja. Das ist ein Argument, das bei der jungen Generation zieht, wie wir feststellen. Auf allen Wachen der Berufsfeuerwehr haben wir Fitnessräume. Dazu kommen andere Angebote wie Läufe in Parks. Wesentlich ist die Kräftigung von Rumpf und Rücken, um die Belastungen bei der Arbeit mit schwerem Gerät abzufedern. Wir haben sehr viele richtig gute Athleten unter uns. Manche junge Anwärter sehen durch exzessives Krafttraining sehr trainiert aus, sind aber nicht unbedingt ausdauernd. Wir suchen weniger die Muskelprotze, sondern eher drahtige, kräftige Leute. Einst sind Feuerwehrleute nicht so alt geworden wie zivile Angestellte. Das ändert sich seit einer Weile.
Aufgrund des besseren Umgangs beispielsweise mit Brandrauch, Desinfektion und Dekontamination, aber auch aufgrund des Fokus auf Fitness. Das umfasst auch das Thema Ernährung. Früher gab es auf den Feuerwehrwachen zwei Standardessen. Eins war Fleisch mit Nudeln und das andere Nudeln mit Fleisch. Der Grundsatz war: Es muss nicht schmecken, nur warm und viel muss es sein. Da hat sich viel getan.
Wie lautet Ihr persönliches Ziel beim Skyrun am Sonntag?
Wir haben Leute, die unser Frankfurter Treppenlauf-Heimspiel sehr ehrgeizig angehen. Die sogar zu der kleinen Szene gehören, die auch international an Wettkämpfen teilnimmt. Ich halte es simpel: überleben und ankommen. Im vergangenen Jahr musste ich oben im 61. Stock einen Kollegen ermahnen, der überhaupt nicht durchgeschwitzt war. Wenn Ihnen Ihre Karriere lieb ist, habe ich zu ihm gesagt, schwitzen Sie bitte – alles andere ist unsolidarisch (lacht).
