Man könnte an eine Rutsche denken. Oder dient das Objekt aus Schwarzstahl als Skateboard-Rampe? Es kann ein Rätsel sein, was da am Bingener Rheinufer liegt. Zwei geschwungene Stahlpaneele, Steckelemente an den Enden. Die Auflösung klingt einfach – zumindest für Menschen, die in der Bundesrepublik aufgewachsen sind, mit Holzspielzeug, das die Erwachsenen gekauft haben. Für Max Brücks Skulptur „Stand by me“ standen Spielzeugeisenbahn-Elemente des schwedischen Unternehmens Brio Pate. Bis Oktober wird die Arbeit am Rheinufer zu sehen sein, neben Werken von Valie Export oder Michael Sailstorfer. Die siebte Skulpturen-Triennale Bingen setzt diesmal auch auf regionale Nachwuchskunst wie die von Brück.
„Das war ein Erinnerungsfund“, sagt der 1991 geborene Künstler und zeigt zwei typische, aus hellem Holz gefertigte Gleisteile, die sich dank ihrer Steckelemente beliebig mit anderen Modulen kombinieren lassen. Er habe damit gespielt, wie zuvor schon seine Eltern. In der Kunst interessiert sich der Absolvent der Offenbacher Hochschule für Gestaltung (HfG) vor allem für die Nachkriegszeit und den Umgang der Deutschen mit der Schoa, mit Kriegsverbrechen und Kriegstraumata. Im Brio-Holzspielzeug sieht Brück ein exemplarisches Stück westdeutscher Mentalität. „Es gab eine Zeit, in der die Menschen die Sachen ganz ruhig und schlicht haben wollten“, sagt der Jugendlichkeit und intellektuelle Strenge ausstrahlende Brück. Man habe damals Ruhe einkehren und Gras über die Dinge wachsen lassen wollen.
Auch heute beobachtet Brück, wie sich „ein bestimmter privilegierter Teil der Gesellschaft seine Wohlfühlwelt schafft“, während draußen zunehmender Rechtsradikalismus, Kriege und Krisen tobten. Der Flucht in die Idylle setzt er einen nüchternen Blick auf die Wirklichkeit entgegen. Die Stahlskulptur fertigte er in seinem Gießener Atelier, einer Pultdachhalle, die einst eine Schlosserei beherbergte. Das Material verleihe seiner Skulptur eine kühle, abweisende, gar militärische Anmutung, findet Brück. Ihre Form erinnere wiederum an einen Wall. Nun wird „Stand by me“ Teil der diesjährigen Skulpturen-Triennale Bingen. Deren Thema, „Verbindung und Zusammenhalt“, legt Brück schon fast illusionslos aus. Es gebe zwar weiterhin Menschen, mit denen man in Austausch treten könne, zu denen sich Brücken bauen ließen. Mit Rechtsradikalen sei aber kein Gespräch möglich: „Dann ist da einfach ein klarer Graben.“

Seine Skulptur „Stand by me“ hat Max Brück dank eines neuen Förderprogramms schaffen können, das drei jungen Künstlern die Entwicklung von Werken für die Skulpturen-Triennale ermöglichte. Seit sieben Ausgaben veranstaltet die Gerda und Kuno Pieroth Stiftung die Skulpturen-Triennale. Eine private Nachlassspende versetzt sie nun in die Lage, das Förderprogramm dieses Mal und auch zur nächsten Triennale im Jahr 2029 aufzulegen. Die Arbeiten der drei Förderkünstler sind als Teil des insgesamt 20 Positionen umfassenden Parcours bis 4. Oktober entlang des Binger Rheinufers und an einigen Orten in der Innenstadt zu sehen.
Weniger abweisend denn abwaschbar wirken die acht auf einem Rasen platzierten, sternförmigen Skulpturen von BA Sela. Ihre Oberflächen sind nämlich gefliest, wobei sich deren Form, Farbe und Struktur nach dem Wandbelag mehrerer Frankfurter S- und U-Bahnstationen richtet. Im hektischen Alltag des öffentlichen Personennahverkehrs dürften Wandfliesen wohl zu den am meisten übersehenen Gestaltungselementen zählen. Für ihr „Kern-Konstrukt 8“ betiteltes Bingen-Projekt schaute BA Sela indes genau hin.
Und auch dem Betrachter ihrer facettenreichen Skulpturengruppe empfiehlt sich ein ausgeruhter Blick. Denn die acht Sterne ordnete die 1996 geborene Künstlerin bewusst in Rautenform an: „Ich habe mich zuvor viel mit Netzen beschäftigt, und eine Raute ist der Inbegriff eines Netzes.“ Darüber sei sie auch zu ihrem Material gekommen: „Mosaikfliesen werden mit ihrer Rückseite auf Netze geklebt und sie weisen in ihrer Optik auf Netzstrukturen hin.“ In ihrem temporären Wiesbadener Atelier zeugen Werkzeuge, eine Schutzmaske und allerlei Reste von der Arbeit am Material: Hier schnitt BA Sela Fliesen zu. Aneinandergereihte Fliesenfragmente, die an Perlenketten erinnern, hängen an einem Tischbock.

An Fliesen interessiert sie unter anderem, „dass sie Zeugen der Zeit sind und dass man sie abwischen kann.“ Es sei ein vielseitiges Material, das vielfach in öffentlichen Räumen verwendet werde, aber auch als Designobjekt gelten könne. Lange haltbar ist es obendrein. Für BA Sela oszillieren Fliesen zwischen Fragilität und Stabilität. Die Künstlerin, die auch unter dem Namen Lisa Nürnberger arbeitet, kann von ausgiebigen, nicht immer einfachen Materialrecherchen berichten. So habe sie die in der S-Bahnstation Frankfurt Hauptbahnhof verwendeten Glasfliesen abwandeln müssen: Das einstige Originalprodukt, das aus Italien stammt, sei extrem teuer.
Auch den Raum, den ihre auf kurzen Schienenstücken aufgestellten Sternskulpturen einfassen, hat BA Sela bewusst gestaltet. Entlang von Verbindungslinien zwischen den Skulpturen ließ sie vier verschiedene Rasensorten verlegen: „Im Zusammenspiel mit dem Originalrasen entsteht ein Netz aus Dreiecken und Rauten.“ Die Sternform hat die an der Städelschule und der Hochschule für Gestaltung Offenbach ausgebildete Künstlerin gewählt, weil sie in alle Richtungen abstrahle. Das lade zur Anordnung der Skulpturen in einer Gruppe. Zum Ensemble gehören zudem eigens installierte, schlichte Metallsitzbänke.
Als Bildhauerin begreift sich BA Sela nicht. Sie lege sich nicht auf eine bestimmte Sparte fest, sagt die zurückhaltend auftretende Künstlerin, die auch als Musikerin tätig ist. „Bei mir entsteht vieles aus mir selbst heraus, ohne großes Konzept“, sagt BA Sela. Für die Skulpturen-Triennale musste sie unterdessen von ihrer ergebnisoffenen Arbeitsweise abweichen und ein ausformuliertes Konzept vorlegen.
Dass Kunst nicht nach vorgefertigten Plänen funktioniert, weiß auch Emilia Neumann. „Für Bingen habe ich ursprünglich eine Kugel geplant, eine für meine Verhältnisse recht runde Arbeit“, sagt die 1985 geborene Künstlerin. Im Prozess habe sie sich entschieden, zwar die Grundform einer Kugel beizubehalten, „aber doch viel mehr rauszugehen, mit Formen und Volumen“. Sie wollte „das Ganze ein bisschen garstiger gestalten“, sagt die Bildhauerin, deren Lust am Handwerk und dem künstlerischen Experiment mit offenem Ausgang unübersehbar ist. Ihr Atelier an der Frankfurter Ostparkstraße ist prall gefüllt mit allerlei Materialien, Gerätschaften und Kunstwerken verschiedenster Formen und Abmessungen.

Neumanns Skulptur ist nun ebenfalls in Bingen mit Blick auf den Rhein und die am gegenüberliegenden Ufer aufragenden Weinhänge zu besichtigen. Das „UG. P I“ betitelte Werk ist unverkennbar in Neumanns Stil: Eine Form, die biomorphe und technoide Assoziationen weckt, die neben ihrer skulpturalen Wucht mit expressiven, ja geradezu explosiven Farbverläufen aufwartet. Bewusst entschied sie sich vor allem für Rot- und Orangetöne, um einen Kontrast zum saftigen Grün der Wiese herzustellen.
Auch diesmal setzt Neumann die Form aus vorgefundenen, industriell gefertigten Alltagsgegenständen zusammen. Zuvor zerschneidet sie diese, zerlegt, verdreht, stülpt um. Den so entstandenen Hohlkörper goß Neumann mit Beton aus und färbte die Form mit Pigmenten ein. Aus der runden Grundform „ragen nun Zacken, Formteile, Bewegungen und Strömungen, die die Skulptur als offenen Prozess wahrnehmen lassen“, beschreibt sie ihr Werk.
Unter den drei Förderkünstlern kann die HfG-Absolventin Emilia Neumann als Routinier gelten. Das Metier Freilichtkunst ist ihr vertraut: Seit 2023 ziert Neumanns großformatige Skulpturengruppe die Rasenfläche vor dem Rhein Main Congress Center in Wiesbaden. Zuvor hatte sie schon eine Kunst am Bau in Ulm umgesetzt. Ihre Erfahrung spürt Neumann im künstlerischen Arbeitsprozess: Mittlerweile könne sie etwa das Einfärben ihrer Skulpturen viel besser steuern. Dennoch sei ihr Ursprungsantrieb erhalten geblieben: „Die Verwunderung über das, was ich da eigentlich tue.“ Das dem vertrauten Arbeitsprozess entspringende Ergebnis überrasche sie weiterhin.
Knapp fünf Monate wird ihre jüngste Skulptur in Bingen stehen. Wie sie von Betrachtern und Passanten angenommen und vielleicht auch angeeignet wird, möchte Neumann nicht vorgeben: „Ich kann nur ein Angebot machen.“ Beton sei ohnehin stabil, sie hegt keine Bedenken, falls Besucher das Werk benutzen. Auch der mögliche Einfluss der Witterung bereitet Neumann keine Kopfschmerzen. BA Sela wiederum hat schon während der Tage des Aufbaus beobachtet, dass die Bingener ihre Sternskulpturen als Sitzmöbel erprobten. Ihre Werke sollen kein Möbeldesign sein, sagt BA Sela. Gleichwohl seien es Objekte, die benutzt werden können. Der Umgang zufälliger Passanten mit Tag und Nacht frei zugänglichen Kunstwerken ist für sie ein neues Feld: Mit „Kern-Konstrukt 8“ hat BA Sela erstmals ein Projekt im öffentlichen Raum realisiert.
Die Unwägbarkeiten des Stadtraums als Ausstellungsort lässt auch Max Brück auf sich zukommen. Die Stadtverwaltung habe er gebeten, etwaige Aufkleber, Ritzereien oder sonstige Spuren erst einmal nicht zu entfernen. Seine Stahlskulptur „ist auch ein bisschen Träger für Informationen oder Botschaften“, sagt Brück. Ausnahmen sind für ihn rechtsradikale Parolen und Zeichen – ansonsten möchte er abwarten, ob das Laissez-faire funktioniert. Selbstverständlich dürfe seine Skulptur angefasst werden, so Brück. Die unmittelbare Interaktion mit der Kunst zeichne den öffentlichen Raum aus: „Das ist einfach gut.“
Skulpturen-Triennale in Bingen am Rhein, Eröffnung am 16. Mai um 11 Uhr. Tauschaktion „Wir tauschen etwas, was wir verloren haben, gegen etwas, das du gefunden hast“ am 16. Mai um 12.30 Uhr. Weiter Begleitprogramme während der Laufzeit der Ausstellung, die am 4. Oktober endet.
