Kimi Antonelli plaudert gelassen. Der Große Preis von Belgien ist ein paar Minuten gelaufen, da muss der Italiener erstmals am Sonntag Rede und Antwort stehen. Wie er das gemacht hat: sechster Sieg in dieser Saison, knapp vor Charles Leclerc im Ferrari (2,2 Sekunden) und dem zufriedenen Dritten Max Verstappen auf Red Bull. „Ja“, sagt der blutjunge Italiener heiter, als käme er gerade von einem Spaziergang.
„Es war ein hartes Rennen. Wir konnten zurückschlagen“, fasst er den unterhaltsamen Grand Prix so knapp wie möglich zusammen. Und lächelt, als Leclerc sein Glück mit dem Rennverlauf beschreibt, aber zur Attacke bläst mit Blick auf den WM-Kampf: „Ich gebe erst auf, wenn es so weit ist. Das war ein Schritt nach vorne.“
Schon ausgebufft wie ein Champion
19 Jahre erst alt. Aber schon ausgebufft wie ein Champion: Antonelli lässt zwar den viermaligen Weltmeister Verstappen kurz nach dem Start auf dem Weg hinunter zur berühmten „Eau Rouge“-Senke vorbeiziehen. Als sei es geplant nach dem Gewinn der Pole Position am Samstag. Aber in Wahrheit bremst ihn ein Softwareproblem. Doch auf der folgenden, langen „Kemmel“-Geraden holt er Anlauf im Windschatten und schießt wieder vorbei. Ein Schritt zurück, zwei nach vorne. Da lacht das Herz von Toto Wolff, Teamchef von Mercedes.
Doch einen Augenblick später sieht der Österreicher den zweiten Mercedes vor der Schikane rückwärts in den Kies rutschen. George Russell klettert aus dem Silberpfeil, schüttelt den Kopf. Feierabend nach ein paar Hundert Metern. Vielleicht auch provoziert durch Antonellis Druck- und Drang-Phase. Der Teenager fährt ihm vor der Nase her, kreist in Belgien von der ersten Trainingsrunde an schneller als der erfahrene Engländer. Er ist der Mann der Saison, der neue Chefpilot im Hause. „Diesen Sieg hat er sich so verdient“, sagt Wolff dem TV-Sender Sky. Er lacht.
Russell hat seine Wutentladung zu diesem Zeitpunkt schon hinter sich. „Ich hatte keine Power mehr in der Batterie, habe die ganze Energie auf der Geraden verloren.“ Er sagt das nicht gelassen. Der Ton macht die Musik. Dass ihn der ehemalige Teamkollege Lewis Hamilton ins Abseits kickte, erscheint dem Engländer zweitrangig. Die Zeitstrafe für den Rekordpiloten (fünf Sekunden) hält er für ein „bisschen hart“.
Dabei fällt Russell mit dem Abflug im zehnten von maximal 22 Rennen in der Fahrerwertung wieder weiter hinter dem Führenden Antonelli zurück: auf Rang drei hinter Lewis Hamilton (Ferrari/4.), um 50 Punkte distanziert vom eigenen Teamkollegen. Da wäre doch was möglich gewesen im identischen Auto. Selbst wenn der Antrieb am Samstag beim Qualifying nicht leistete, was er hätte leisten sollen, wie Wolff bestätigte: Aber das habe für alle Mercedes-Modelle im Feld gegolten.
Statt Russell nimmt Hamilton die Rolle des Verfolgers ein, als Vierter hinter dem Führungstrio mit dem zweiten Ferrari (Leclerc), Verstappen und Antonelli durch das Hohe Venn zu jagen. In Schlagdistanz rauschen sie zu Tal – und auf die Höhen rings um Spa.
Topmanager seines Tempos
Und doch reicht es zunächst nicht für eine Attacke auf der Piste. Der jüngste WM-Führende der WM-Geschichte setzt sich auch als Topmanager seines Tempos in Szene. Weiß, wie er die Batterieladung so geschickt einsetzt, dass er auf den langen Geraden nicht zu viel verliert. Spa war die Lieblingsstrecke vieler Piloten. Weil „Mutkurven“ und Überholchancen am Ende der Geraden die Freunde der Abteilung Attacke frohlocken ließen.
Seit mit Beginn der Saison das Energiemanagement das Tempo diktiert, weil die Batteriepower nicht reicht für eine Vollgasrunde auf Hochgeschwindigkeitsstrecken, zwischendurch also geladen werden muss im Schleichgang aus Fahrersicht, schimpfen die Piloten.

Antonelli lächelt dann gerne, zuckt mit den Schultern. Nimmt es hin. Fährt, attackiert, gewinnt. Am Sonntag muss er mehr Energie aufwenden für sein Lieblingsspiel als geplant. Der Zufall macht es nötig nach seinem ersten Boxenstopp. Streckenposten rücken aus, um die Piste zu säubern. Die Rennleitung schickt das „Virtuelle Safetycar“ für eine kurze Zeit raus. Ein Glück für Ferrari. Leclerc saust zum Reifenwechsel an die Box, gefolgt von Hamilton, der seine Strafe absitzen muss. Sein Teamkollege ist so fix, dass er vor Antonelli auf die Piste zurückkehrt. Leclerc führt – mit zwei Sekunden. Nichts, was sich nicht aufholen ließe.
Wenn da nicht der Weltmeister wäre. Lando Norris kreist im McLaren vor Antonelli, weil er die Reifen noch nicht gewechselt hat. Er macht sich breit, lässt den Italiener zappeln. Dann schlägt der zu am Ende der Kemmel-Geraden. Geht doch, allem Gejammer um das lähmende Energiemanagement zum Trotz. Zwar sind die Höchstgeschwindigkeiten um bis zu 50 Kilometer pro Stunde gefallen an den Bremspunkten mit einer entleerten Batterie. Doch für Tempo 270 reicht es noch.
Auch Hadjar bietet eine Show
Fans ohne Geschwindigkeitsmesser könnten ihre Freude haben. Es fehlt nicht an Überholmanövern, im Mittelfeld kämpfen Alpin, Racing Bulls und Audi Rad an Rad. Gabi Bortoleto gewinnt für die Deutschen als Achter wieder Punkte, Nico Hülkenberg wird 13. Eine Show bietet auch Isack Hadjar. Gestartet von Position 21, landete er auf Rang sechs. Hamilton „knackt“ Oscar Piastri (McLaren) im Kampf um Rang vier.
Und Antonellis Pech macht das Rennen auch nicht langweiliger. Als er zur Aufholjagd ansetzt, ist der Rückstand hinter Leclerc auf 3,5 Sekunden gewachsen. Zügig kommt er dem Monegassen nah, fliegt an ihm vorbei. Aber dann sieht es aus wie beim Radrennen: Im Wind wirkt der Mercedes wie gebremst. Antonelli kann Leclerc nicht abschütteln, während Verstappen als Dritter die beiden längst aus den Augen verloren hat.
Gibt’s die Revanche? Kann Leclerc den zehn Jahre Jüngeren in einen Fehler treiben? Ein winziger würde doch reichen für eine aussichtsreiche Attacke. Ein winziger reicht auch. Aber der Ältere leistet sich eine kleine Steuerschwäche. Schon schlüpft Antonelli aus der Schlagdistanz hinaus. „Es ist noch nicht vorbei“, ruft Leclercs Renningenieur zwar via Funk. Doch, ist es. Weil Antonelli kein sichtbarer Fehler unterläuft auf dem Weg zu seinem sechsten Sieg in dieser Saison.
