Rune Mields, 1935 in Münster geboren, war eine der prägenden Persönlichkeiten der rheinischen Kunstszene. Die gelernte Buchhändlerin hat als Autodidaktin in mehr als sechs Dekaden einen ebenso eigenwilligen wie faszinierenden Werkzusammenhang entwickelt, der sich systematisch mit dem Beziehungsgeflecht zwischen Zahlen und Zeichen und grundsätzlich mit der Ambivalenz zwischen System und Chaos, Ordnung und Unordnung, Ratio und Magie beschäftigt. Zu den frühen Höhepunkten des Werks gehören ihre Röhrenbilder aus den frühen Siebzigerjahren. Die metallisch glänzenden, förmlich aus dem Bild schießenden Röhren stehen bei Mields als symbolische „Zeichen für Kraft, Technik, Aggression und Rationalität“ (Rune Mields) und stellen gleichzeitig auch Instrumente der Raumbeschreibung dar.
Auf der Documenta 1977 erstaunte Mields mit komplexer Mathematik
Von dort aus entwickelt sich das Werk der Teilnehmerin an der Documenta 1977 stetig zu einer hochkomplexen Visualisierung unterschiedlich mathematisch-geometrischer Systeme, mit Fragestellungen zum Magischen Quadrat, zur Zentralperspektive oder den mathematischen Grundlagen von arabischen Ornamenten. Überwiegend in strengem Schwarz-Weiß und messerscharfer Diktion gehalten, geht es der Künstlerin darum, Klarheit zu gewinnen über die immanenten Strukturen von Systemen, die mehrheitlich undurchschaubar geworden sind und deswegen über die malerische Vergegenwärtigung in eine physische Präsenz zurückgeholt werden sollen.

Seit Mitte der Siebziger richtet Mields ihren Fokus auf Zahlensysteme, insbesondere auf die chinesisch-japanischen Sanju-Primzahlen, die sie auf langen Schriftrollen verdichtet. Ebenso faszinieren sie die abstrakten Zeichen, die zwischen den gegenständlichen Zeichnungen in steinzeitlichen Felsbildern auftauchen und bisweilen als Anfänge der Wissenschaft und des abstrakten Denkens interpretiert wurden. An der Schnittstelle von mathematisch-wissenschaftlicher Systembildung und differenziertem malerischen Ausdruck öffnet dieses Werk einen Blick auf „die Wirklichkeit hinter den Dingen“.
Eine Leitlinie für dieses Œuvre ist nicht zuletzt ein Satz des spätantiken Kirchenlehrers Augustinus: „Alles hat Formen, weil es Zahlen in sich hat“, der auf ein universales Ordnungsprinzip hinter dem Sichtbaren verweist. Bei aller Lust an der Systematisierung: Dieser konsequente Schwarz-Weiß-Kosmos kennt keine simplen Gegensätze, sondern arbeitet mit einem differenzierten Repertoire an malerischen und inhaltlichen Schattierungen, in denen deutlich wird, dass ein systematisches Ordnungsprinzip stets auch sein Gegenteil beinhaltet. Wie sagte es die Künstlerin in einer schönen paradoxen Volte: „Der unendliche Raum – dehnt sich aus“. Am 27. Juni ist Rune Mields im Alter von 91 Jahren in Köln gestorben.
