Mit Journalismus hat das nichts zu tun, dafür müsste das Licht des Scheinwerfers, in dem die Stars sich zeigen wollen, auch mal in schattige Ecken der Biographie geworfen werden. Selbst die gefeierte „Haftbefehl“-Doku, in der der Rapper seine massiven Drogenprobleme offen zeigte, ließ die kritischsten Aspekte der Biographie einfach unter den Tisch fallen: Seine Verbindungen zur organisierten Kriminalität, eine mehr als mutmaßliche Fahrerflucht, seine antisemitischen Liedzeilen.
Mittlerweile haben sich Prominente so sehr daran gewöhnt, dass sie die Hoheit über solche „Dokumentationen“ haben, dass ihnen selbst reine Werbefilme oft noch nicht positiv genug sind. Helene Fischer soll 2024 eine fertige Netflix-Dokumentation über ihr Leben einstampfen lassen haben, weil ihr das Ergebnis nicht gefiel. Ähnlich unzufrieden war kurz darauf Shirin David: Über Instagram ließ die Rapperin ihre Follower Ende 2024 wissen, dass sie das Rohmaterial für eine Netflix-Doku über ihr Leben gesehen habe: „Ich hab’ gesagt, wenn das die Doku wird, möchte ich sie nicht.“
Sie wollte die Doku „zurückkaufen“
Und was machte man bei Netflix? Der Streamingdienst wollte wohl nicht direkt das nächste Projekt einstampfen und kam stattdessen dem Wunsch von David nach, das ganze Filmteam auszutauschen: „Ich musste quasi das ganze Team wechseln, das hat mich ungefähr ein halbes Jahr gekostet, und jetzt fangen wir quasi wieder an, von vorne zu filmen“, sagte David damals. „Ich weiß genau, wie ich mich sehen will.“ Zum Vergleich: Man muss sich mal vorstellen, ein Politiker wäre mit einer Dokumentation über sein Leben unzufrieden, und ein öffentlich-rechtlicher Sender würde daraufhin das Filmteam austauschen.
Es wurde also von vorne gedreht, heraus kam Anfang 2026 die Doku „Barbara – Becoming Shirin David“. Darin ging es vor allem um einen inneren Konflikt: Einerseits gebe es den perfekten Superstar Shirin David, andererseits die Privatperson Barbara, die unter dem Perfektionismus auch mal leide. Es ist eine Geschichte, die so ziemlich jeder Star über sich erzählen könnte. Und es war genau die Geschichte, die Shirin David später auch in dem Sommerhit „Gut genug“ erzählte: „Ich werde mir nie gerecht, denn ich bin zu mir nie gerecht“.
Obwohl also der harmloseste aller denkbaren Blickwinkel gewählt wurde und nicht mal ein vorsichtiger Blick in interessantere Risse in der heilen Fassade geworfen wurde, ist David jetzt auch mit dieser Dokumentation unzufrieden: Bei einer Fragerunde auf Instagram bezeichnete die Sängerin die Doku jetzt als „vollkommen an den Haaren herbeigezogen, um die Leidensgeschichte einer angeblich völlig überforderten Frau darzustellen“. Sie habe die Doku „zurückkaufen“ wollen, aber Netflix habe abgelehnt. Teil der Vereinbarung sei gewesen, dass das Schnittrecht für den Film bei Netflix liege, um die journalistische Unabhängigkeit zu wahren.
„Frauen dürfen sichtbar sein, aber nur solange sie nicht zu laut werden“
Dieses Argument lässt David nicht gelten, sie hat stattdessen einen strukturellen Hintergrund ausgemacht: Die „alten“ Medien würden Männer „für die Hälfte ihrer Leistung“ zelebrieren, über erfolgreiche Frauen dagegen immer die gleichen Stereotype verbreiten. Auch einem Journalisten, der für den „Stern“ in einem Kommentar geschrieben hatte, dass sie bei diesem Verständnis von Journalismus vielleicht lieber nur noch Selfies posten solle, warf sie auf Instagram am Dienstag Frauenfeindlichkeit vor: Der Autor bediene „ein jahrhundertealtes Muster: ‚Frauen dürfen sichtbar sein, aber nur solange sie nicht zu laut werden‘.“ Kontrolliere Christopher Nolan jedes Detail seiner Produktion, gelte er als kompromissloser Perfektionist, schrieb David. Bei ihr werde „derselbe Anspruch plötzlich zum Charakterdefizit“.
Dieser Vergleich ist so offensichtlich schief, dass man es kaum noch aufzuschreiben braucht: Christopher Nolan dreht keine Dokumentationen über sich selbst. Es geht hier also nicht um Männer und Frauen, es geht um gute und schlechte Dokumentationen. Netflix-Produktionen haben dazu beigetragen, dass Prominente mittlerweile überhaupt nicht mehr zu verstehen scheinen, was Journalismus eigentlich ist: Sie jammern in ihren Podcasts über die harmlosesten Interviewfragen bei Werbeterminen für ihre Projekte. Sie wollen in schriftlichen Interviews am liebsten noch in die Fragen eingreifen. Und sie versuchen sogar, dass bereits autorisierte Zitate noch mal freigegeben werden müssen, wenn sie auf Instagram auf eine Kachel gepackt werden.
Deswegen noch mal fürs Protokoll (und um zu zeigen, wie weit das Phänomen inzwischen verbreitet ist): Die Dokumentation über GZUZ, in der sich der vorbestrafte Rapper bei einem anderen Streaming-Anbieter als netter Vater präsentieren darf, ist Mist. Die Dokureihe „Eckerlin – Eine MMA-Familie“, in der das vorbestrafte Hells-Angels-Mitglied bei RTL abgefeiert wird, ist Mist. Die Dokumentation über David Beckham bei Netflix, die er selbst mitproduziert hat, ist Mist. Aber immerhin haben diese Protagonisten nicht die Chuzpe gehabt, sich noch öffentlich über diese PR-Geschenke zu beschweren, weil sie zu kritisch seien. Sonst hätte man ihnen natürlich zugerufen: Dann poste doch einfach nur noch Selfies!
