Der Weg der Frauen in der Geschichte ist von Hindernissen markiert. Sie stoßen nicht nur häufig an eine „gläserne Decke“ im Beruf, sie treffen auch immer wieder auf eine „Erotikhürde“. Dieser zweite Begriff stammt von der Komikerin Maren Kroymann. Sie verwendet ihn in dem Dokumentarfilm „Was haben wir gelacht“, in dem der Weg der Frauen in der deutschen Fernsehunterhaltung ungefähr seit Einführung des Privatfernsehens in den frühen Achtzigerjahren nachgezeichnet wird. Eine „Erotikhürde“ ist eine nach geläufigen, lange in der Regel männlich bestimmten Vorstellungen attraktive Frau, mit der andere Frauen verglichen werden, die auch qualifiziert wären für Sendezeit.
Hella von Sinnen, Bettina Böttinger, Gaby Köster und eben auch Maren Kroymann haben alle diese Erotikhürde irgendwann genommen, sie wurden Stars und brachten Menschen zum Lachen oder zum Nachdenken. Und man sah ihnen dabei gern zu, obwohl sie nicht so aussahen wie Esther Schweins. Die ist auch ein Star, brachte auch Menschen zum Lachen, brachte aber zudem körperliche Voraussetzungen dafür mit, auf einem Cover der Zeitschrift „TV Spielfilm“ mit einem aufgepeppten Dekolleté präsentiert zu werden, das ihr die Redaktion durch Retusche untergejubelt hatte.
Antatschen vor laufender Kamera
In „Was haben wir gelacht“ tritt Esther Schweins gemeinsam mit Bettina Böttinger, Gaby Köster, Maren Kroymann und Hella von Sinnen auf. Alle fünf haben vor der Kamera ausführlich über sich, ihre Karriere, ihren Witz, ihren Esprit und ihre Arbeit gesprochen – und auch übereinander, sodass es möglich wurde, in der Montage einen Dialog dieser fünf Pionierinnen des nicht männlichen Witzes in der deutschen Populärkultur herzustellen. Alle fünf haben sich auch alte Sachen wieder angesehen. Sie haben sich Archivmaterial vorführen lassen, wichtige Momente aus dem Fernsehen seit der Zeit, in der es noch völlig akzeptiert war, dass Männer „rumtatschten“ und dass Frauen auf die Rolle der Ansagerin oder der Assistentin beschränkt waren. Auch wenn man glaubt, eine sehr genaue Vorstellung davon zu haben, was damals vor sich ging, erweist sich das Material immer wieder als verblüffend: „In der Dichte“ zeigt sich das deutsche Fernsehen um 1980 doch „mehrheitlich übergriffig“.

In diese traditionell geprägten Verhältnisse bahnten sich schließlich zunehmend Frauen einen Weg. Eva Müller und Isabel Schneider, die beiden Regisseurinnen von „Was haben wir gelacht“, beschränken sich bei ihrer Darstellung im Wesentlichen auf die Perspektive ihrer fünf Protagonistinnen. Für eine detailliertere Darstellung des kapillarischen Systems des deutschen Fernsehens, das vielleicht nicht zufällig in der Karnevalsstadt Köln nach der Liberalisierung ein wichtiges Zentrum ausprägte, fehlt in „Was haben wir gelacht“ die Zeit. Es reichte jedenfalls, dass eine Figur wie Hella von Sinnen sich nach einer Rolle in Rosa von Praunheims Aids-Film „Ein Virus kennt keine Moral“ (1986) in der RTL-Show „Alles Nichts Oder?!“ an der Seite von Hugo Egon Balder etablieren konnte – auch er so etwas wie eine Erotikhürde, aber eine, über die von Sinnen einfach hinwegfegte. Dass sie lesbisch war, musste sie nicht outen, es war unübersehbar.
Noch heute spürt man, wie sie für „Was haben wir gelacht“ vor der Kamera sitzt, die transgressive Kraft, mit der sie damals die Formate an ihre Grenzen trieb – und es dabei schaffte, ein Star in dem extremen Formatfernsehen zu werden, das die Privaten in Deutschland an den Start brachten. Mit nur zwei, drei Sätzen deutet sie nun an, welche biographischen Umstände sie bestimmten: „Meine Mutter hat mich absolut anders sein lassen“, es gab jedoch auch einen älteren Bruder, der sie quälte und dessentwegen sie selbst „ein Junge“ sein wollte. Freiheit und „Heterror“, wie Hella von Sinnen das Regime der heterosexuellen Männlichkeit auch nennt, waren ihre Bedingungen. Ihr Talent ermöglichte es ihr, „unendliche Wut“ in Witze zu verwandeln.
Mit der Drastik von Hella von Sinnen konnte es am ehesten Gaby Köster aufnehmen, während Bettina Böttinger beim öffentlich-rechtlichen WDR stärker in Richtung Moderation ging oder Maren Kroymann als „Nachtschwester“ ihr Kabarett neben einer Karriere als Schauspielerin erst allmählich entwickelte. Esther Schweins wurde zu einer der zentralen Figuren von „RTL Samstag Nacht“, einer Comedy-Show direkt nach amerikanischem Vorbild und mit weiteren Stars wie Wigald Boning und Olli Dietrich.
Er nannte sie „Klobürste“, sie sagte ihm die Meinung und ließ ihn sitzen
Nun blicken sie zurück auf eine Geschichte des Fortschritts, auf eine Geschichte von Erfolgen. Dass man in Deutschland lange nach einem Muster lachte, das auf „Herrensitzungen“ geprägt wurde, dass ein Humor nach unten immer noch als eine legitime Möglichkeit gilt, das alles war zu überwinden, und dabei gelang es sogar, schwierige Themen wie Abtreibung oder Menstruation in witziger Form anzusprechen. „Was haben wir gelacht“ präsentiert sich dabei allerdings nie wie eine Heldinnengeschichte. Die fünf Frauen denken öffentlich über ihr Metier nach und deuten zumindest an, wie stark sie in Systemzwänge (und oft weiterhin männlich geprägte Schreibräume) verstrickt waren. Ein schwieriger Satz von Gaby Köster über männliche Gewalt wird ausführlich reflektiert – auch hier ist es Hella von Sinnen, die eine kompromisslose Position zumindest nachträglich einfordert.
Relativ breiten Raum nimmt ein Skandal ein, den Harald Schmidt mit einem deklariert „härteren“ Witz über Bettina Böttinger auslöste. Er verglich sie mit einer Klobürste und wurde für diese Verletzung mit einer Reaktion auf der adäquaten Ebene sanktioniert: Böttinger ließ sich in Schmidts Show einladen, sagte ihm dort kurz die Meinung und ließ ihn sitzen. Nun gibt es in „Was haben wir gelacht“ die Möglichkeit, hinter die Kulissen dieser Auseinandersetzung zu blicken. Denn Bettina Böttinger spricht sehr offen darüber, wie es ihr damals ging, und die vier anderen Frauen sprechen identifizierend und reflektierend darüber – solidarisch, auf eigene Erfahrungen bezogen, immer im Wissen, dass sie alle etwas Entscheidendes teilen, nämlich nicht zur „Meute“ zu gehören. Dieses unmissverständliche Wort steht für ein Männerfernsehen, das keineswegs überwunden ist.
Während Harald Schmidt von Maren Kroymann ein „reaktionäres Witzverhalten“ nicht nur mit dem Affront gegen Bettina Böttinger attestiert wird, wird Verona Feldbusch zur Figur des ersten Rückschlags. Sie brachte die Erotikhürde zurück ins Fernsehen, nicht von ungefähr gibt es einen Sketch, in dem Esther Schweins das mimetische Double der damaligen Moderatorin einer Sendung namens „Peep!“ abgibt – wie die beiden Damen auf hohen Schuhen über die Bodenmarkierungen für ihre vorgezeichneten Trippelschritte irren, ist zugleich hohe Komik und auch ein wenig unheimlich. Denn man sieht hier, dass Komik eben oft auch auf Ähnlichkeit beruht und dass die souveräne Distanz zum Falschen, die echter Witz immer erst herstellt, oft eine Gratwanderung ist.
„Was haben wir gelacht“ deutet ohnehin schon mit seinem auch sarkastisch lesbaren Titel an, dass ein Resümee keineswegs eindeutig ausfällt. Natürlich versteht das Fernsehen heute besser, was es tut, wenn es mit Klischees arbeitet. Natürlich ist Diversität nach Kräften von Hierarchisierungen oder gar Diffamierungen befreit. „Wir lachen erst seit Kurzem besser“, sagt Maren Kroymann einmal, aber so ganz sicher kann man sich da nicht sein. In jedem Fall lassen Eva Müller und Isabel Schneider etwas erkennen, was davor auch schon Regina Schilling mit ihren mentalitätshistorisch inspirierten Essayfilmen über Hans-Joachim Kulenkampff und Eduard Zimmermann deutlich werden ließ: In den Archiven gibt es noch jede Menge zu entdecken für eine Geschichte der Gegenwart.
Für eine Republik, die durch die neueren Plattform-Medien weitgehend atomisiert ist, stellt ein Film wie „Was haben wir gelacht“ eine wichtige Ressource dar. Er verweist auf etwas Gemeinsames, das sich gerade dort zeigt, wo sich im Medienbetrieb eine Durchsetzungsenergie nicht versteckt, sondern offen manifestiert. Wenn Hella von Sinnen auch heute wieder fordert, „den Weibern Sendezeit zu geben“, dann tut sie das in einer Sprache, die nicht mehr komisch legitimiert werden muss. Sie tut es konfrontativ, weil sie weiß, dass es so etwas wie Fernsehen braucht. Ein Medium, in dem viele das Gleiche sehen, sodass ein sozialer Raum entsteht, in dem Unterschiede verhandelt werden können.
Die Zeiten, in denen man sich – wie einst Maren Kroymann – mit einem „Bunten Abend“ für einen Auftritt im Fernsehen qualifizieren konnte, sind aber wohl vorbei. Denn der bunte Abend dauert längst 24 Stunden und läuft auf allen Kanälen.
