
Wie so oft gaben nicht zuletzt Aufnahmen von Überwachungskameras entscheidende Hinweise: Auf den Videobildern konnten die Nürnberger Ermittler des Fachdezernats „Jugendliche Intensivtäter“ beobachten, wie Dealer im Umfeld des Hauptbahnhofs gezielt den Kontakt zu minderjährigen Mädchen suchten, sich „an sie heranmachten“. Die Auswertungen der Aufnahmen waren Teil von umfangreichen „Strukturermittlungen“ im Drogenmilieu. Aus Gesprächen mit Szenemitgliedern und Hinweisen von Opfern konnten die Ermittler ein immer wiederkehrendes Muster erkennen: Sex für Crystal Meth. Für den Sex gaben sich minderjährige Abhängige her, „bezahlt“ wurden sie mit Drogen von ihren volljährigen Dealern.
Die Erkenntnisse, mit denen die Polizei im Mai erstmals an die Öffentlichkeit ging, erinnern – von der Tatbegehung her – an die „Grooming Gangs“ in Großbritannien: Dort wurden allein in der Stadt Rotherham über Jahre hinweg rund 1400 Minderjährige durch pakistanische Banden missbraucht, nachdem sie zuvor mit Drogen und Geschenken gefügig gemacht wurden.
In Nürnberg hat die Polizei inzwischen mindestens 16 Tatverdächtige im Alter zwischen 18 und 40 Jahren ermittelt. Zehn Männer sitzen inzwischen in Untersuchungshaft. Die Vorwürfe sind gravierend: Vergewaltigungen, Abgabe von harten Drogen und Medikamenten an Minderjährige, Handel mit Betäubungsmitteln. Alle Tatverdächtigen sind Migranten: Sie stammen aus Syrien, Pakistan und Nordafrika, ein Serbe und ein Staatenloser gehören auch dazu.
Opfer werden psychologisch betreut
Gerade erst wurden zwei Syrer im Alter von 21 und 40 Jahren festgenommen: Der jüngere Mann soll am 3. Juli zwei Mädchen im Alter von 15 und 18 Jahren in einer Wohnung in der Nürnberger Südstadt vergewaltigt haben. Die Achtzehnjährige wurde dabei so verletzt, dass sie im Krankenhaus behandelt werden musste. Beide Mädchen werden psychologisch betreut. Am Abend vor der mutmaßlichen Tat wurden den Mädchen offenbar mehrere Betäubungsmittel verabreicht – verdächtigt wird hier der vierzigjährige Syrer. Wochen zuvor war schon ein 26 Jahre alter Syrer festgenommen worden, in seiner Wohnung fanden die Ermittler unter anderem Crystal Meth und Kokain. In dieser Wohnung stellte die Polizei auch einen weiteren Tatverdächtigen, einen 24 Jahre alten Landsmann: Bei der Durchsuchung hatten sich Hinweise verdichtet, „dass er einen schweren sexuellen Missbrauch an Kindern begangen hat“.
Auch die bislang ermittelten Opfer – mindestens 16 Mädchen im Alter von 13 bis 18 Jahren – haben unterschiedliche Nationalitäten: Es sind deutsche, rumänische, italienische, türkische, kroatische und syrische junge Frauen. Sie halten sich häufig in Bahnhofsnähe auf, viele konsumieren Drogen, fast alle kommen aus „prekären Wohn- und Familienverhältnissen“, wie es bei der Polizei heißt.
Das Vorgehen der Männer, überwiegend kleinere Drogendealer, ähnelte sich: Sie umschmeichelten die Mädchen mit Komplimenten, schenkten ihnen Parfums oder Kajalstifte, kauften für sie angesagte Sneaker, Jacken, Kappen oder Handtaschen. Dinge, die für die Mädchen unerschwinglich waren.
Sie kauften den Mädchen teure Sneaker
Auf diese Weise sei bewusst ein Abhängigkeitsverhältnis entwickelt worden, erläutert Michael Petzold, Sprecher des Polizeipräsidiums Mittelfranken, die Erkenntnisse der Ermittlungskommission (EKO) „Kajal“. Denn aus der emotionalen Beziehung wurde schnell auch eine „knallharte Abhängigkeit“: Die Männer gaben den Mädchen im Laufe der Bekanntschaft mutmaßlich zum Teil harte Drogen wie Crystal Meth, die schnell abhängig machen. Die so verfestigte Sucht nutzten die Täter aus: Weitere Drogen gab es dann nur noch als Gegenleistung für sexuelle Handlungen oder andere „Dienstleistungen“. Die Mädchen mussten zum Teil Botengänge und „andere Gefälligkeiten“ erledigen oder sich prostituieren.
Für die Jugendlichen war es eine ausweglose Situation: „Dreizehnjährige willigten in sexuelle Handlungen ein, weil sie nur so an ihre Dosis kamen“, sagt Petzold. „Doch Dreizehnjährige sind minderjährig, sie können, juristisch gesehen, nicht einwilligen. Es liegt dann ein schwerer sexueller Missbrauch von Kindern vor.“
Den Kontakt zu den Mädchen bauten die Männer überwiegend in Bahnhofsnähe am Nelson-Mandela-Platz auf sowie im Südstadtpark und im Celtispark. Öffentliche Orte, an denen vor allem die Rauschgiftkriminalität der Stadt zu schaffen macht: Im Umfeld des Bahnhofs wurden im vergangenen Jahr 696 Delikte registriert, somit ein Großteil der 1526 Straftaten, die in diesem Bereich insgesamt aktenkundig wurden. Insgesamt geht die Zahl der Straftaten in Bahnhofsnähe zwar im Vergleich der vergangenen zehn Jahre zurück, nicht jedoch die Rauschgiftkriminalität: 2025 wurde ein Plus von rund sechs Prozent verzeichnet. Die Zunahme sei aber „in erster Linie auf die dauerhaft hohe Kontrollaktivität der Polizei zurückzuführen“, heißt es im Sicherheitsreport 2025 der Nürnberger Polizei.
Waffen im Gebüsch versteckt
Der Nürnberger Stadtrat Olaf Kuch (CSU), zuständig für das Referat „Personal, Organisation, Sicherheit und Bürgerservice“, zeichnet ein düsteres Bild von den Folgen des offenen Drogenhandels mit Cannabis und Tabletten für die Nürnberger Brennpunkte wie das südliche Bahnhofsumfeld mit dem Nelson-Mandela-Platz: gewaltsame Auseinandersetzungen innerhalb der Drogenszene, auch mit Waffen und „gefährlichen Gegenständen“, die in Sträuchern und unter Bänken versteckt sind. Zudem werden öffentliche Anlagen vermüllt, Anwohner, Passanten, Parkmitarbeiter und Gewerbetreibende belästigt. Gefährdet sind demnach auch Kinder und Jugendliche, da nicht nur Cannabis an Minderjährige abgegeben wird, sondern in unmittelbarer Nähe von Schulen „Drogendepots“ festgestellt wurden. Auch die aufsuchende Sozialarbeit kommt hier an die Grenzen: Streetworker wurden schon angefeindet und bedroht.
Um die Kriminalität im und um den Bahnhof herum in den Griff zu bekommen, gibt es seit gut anderthalb Jahren das Projekt „Bayern 360 Grad Sicherheit. Bahnhof.“ Unter anderem wurden Messer-, Drogen- und Alkoholverbotszonen eingerichtet, die Polizeipräsenz erhöht und nicht zuletzt die Videoüberwachung stark ausgebaut. Die Maßnahmen, bei denen Bundespolizei, die Nürnberger Polizei, soziale Träger, Stadtverwaltung und Justiz eng zusammenarbeiten, zeigen nach Einschätzung der Polizei Wirkung: Die Deliktzahlen insgesamt sind rückläufig.
Opfer haben Angst vor Vergeltung
Doch die Teillegalisierung von Cannabis habe den Kampf gegen die Drogenkriminalität erschwert, sagt Polizeisprecher Petzold. Denn die Lage sei jetzt viel unübersichtlicher – und der Handel daher ausgedehnt worden. Der kommerzielle Verkauf von Betäubungsmitteln wie Cannabis ist generell verboten. Was sich mit dem Konsumcannabisgesetz von 2024 geändert hat, ist die Strafbarkeit des Besitzes der Droge. Wer früher mit geringsten Mengen an Cannabis erwischt wurde, musste in Bayern mit einer Anzeige rechnen. Der illegale Verkauf war für die Dealer, die die Drogen in der Tasche hatten, also schwerer als jetzt.
Heute darf man für den „Eigenbedarf“ maximal 25 Gramm mit sich führen. Also laufen nun an den Brennpunkten in Nürnberg die Dealer mit 24,9 Gramm Cannabis herum – um gerade so unterhalb der Strafbarkeitsgrenze zu bleiben. Die Nachfrage sei enorm, sagt Petzold, da der legale Weg zur Droge über Anbauvereine zum Beispiel begrenzt sei. „Es ist also heute für Dealer möglich, sich mit mehr Cannabis als jemals zuvor im öffentlichen Raum zu bewegen.“ Das spiele den Kriminellen in die Hände, die so viel leichter ihre „Ware“ verkaufen könnten – auch wenn der Handel immer noch verboten ist.
Mehr Drogendealer bedeutet auch: Mehr Dealer, die zusätzlich zu ihren illegalen Geschäften auch Abhängige ausnutzen könnten, wie in den aktuellen Fällen. Doch Polizeisprecher Petzold stellt klar: „Wir haben es hier nicht mit mafiaähnlichen Strukturen zu tun.“ Die Ermittler hätten bislang keine Hierarchien, keine besondere Aufgabenverteilung, geschweige denn „OK-ähnliche Systeme“ bei den Tatverdächtigen festgestellt, wenn es um die Kontaktaufnahme zu jungen Mädchen und das Verfestigen der Abhängigkeitsverhältnisse ging. Die Männer sind in der Regel kleine Dealer, die unabhängig voneinander ihren „Geschäften“ nachgehen, sich aber zumindest auch untereinander und in Chats über Anmach-Taktiken und Mädchen austauschen: „Kennst du die schon?“
Während der Ermittlungen muss die Polizei bei den jungen Frauen zum Teil „viel Überzeugungsarbeit“ leisten, wie Petzold erklärt. Die Anzeigebereitschaft sei „nicht so stark ausgeprägt“, viele hätten Angst vor Vergeltungsaktionen durch die Dealer. Vor allem treibt die jungen Frauen die Sorge um, wie sie an den Stoff kommen sollen, wenn der Dealer festgenommen wird. „Das schreckt ab, der Polizei Hinweise zu geben.“
Schutzstatus der Tatverdächtigen soll widerrufen werden
Um weitere Opfer zu verhindern, werden „vulnerable Personengruppen“ nun für die Gefahren sensibilisiert: Berater der Drogenhilfe, Streetworker und Mitarbeiter der Jugendsozialarbeit arbeiten hier eng mit der Polizei zusammen. Schutz und Beratung ermöglichen auch der kommunale Kinder- und Jugendnotdienst, das Gesundheitsamt sowie die Notschlafstellen.
Da alle Tatverdächtigen Migranten sind, stellt sich auch die Frage, was getan werden muss, um deren Aufenthalt in Deutschland zu beenden. Laut Stadtrat Olaf Kuch ist die Ausländerbehörde Nürnberg nur zum Teil für die ausländischen Tatverdächtigen zuständig, „da viele der entsprechenden Gruppen per Bahn anreisen“. Nürnberg sei als Zentrum Nordbayerns „leider ein Anziehungspunkt“, zum Beispiel für eine Anreise aus dem Ankerzentrum Bamberg, einer zentralen Erstaufnahmeeinrichtung für Asylbewerber.
Im Zuständigkeitsbereich der Nürnberger Ausländerbehörde sind demnach aktuell fünf Tatverdächtige aus dem Tatkomplex der EKO „Kajal“, die sich in Haft befinden. Sie haben die syrische, pakistanische und serbische Staatsangehörigkeit. Nach den Angaben des Stadtrats wurde bei den Personen mit Schutzstatus ein Widerruf beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) angestoßen. Bei dem Serben sei ein Ausweisungsverfahren eingeleitet worden.
Die Arbeit der Polizei geht weiter. Mit den bislang festgestellten 16 Tatverdächtigen, sagt Petzold, seien die Ermittlungen „noch lange nicht am Ende“.
