Wir kennen nur ein Universum: das unsere. So zumindest der empirische Stand der Wissenschaft. Zugleich kursieren in der Physik zahlreiche Hypothesen, nach denen es mehr als eine Wirklichkeit geben könnte. Die bekannteste dürfte die Viele-Welten-Theorie der Quantenmechanik sein. Sie geht, vereinfacht gesagt, davon aus, dass neben unserer Welt unendlich viele Parallelwelten in einem Multiversum existieren.
So könnte es eine Realität geben, in der sich der bekannte Serienproduzent Chuck Lorre dagegen entschieden hat, eine der erfolgreichsten Sitcoms aller Zeiten sieben Jahre nach ihrem Auslaufen wieder zum Leben zu erwecken. In unserem Universum hingegen hielt er es für eine gute Idee. So bekommt „The Big Bang Theory“ nach „Young Sheldon“ und „Georgie & Mandy“ mit „Stuart Fails to Save the Universe“ einen weiteren Ableger. Als die neue Serie angekündigt wurde, dürften sich manche gefragt haben: ausgerechnet „The Big Bang Theory“? Sage und schreibe 279 Folgen schöpften die Serienmacher aus dem Alltag der beiden Physiker Leonard Hofstadter und Sheldon Cooper in ihrer kalifornischen Nerd-WG.
Die Sitcom rund um die kauzige Wissenschaftlerclique und deren soziale Unbeholfenheit, gerade im Umgang mit Frauen, war zu erfolgreich, um sie abzusetzen. Schließlich war es offenbar der Hauptdarsteller Jim Parsons, der um ein Ende bat. Er habe nicht mehr das Gefühl gehabt, „als ob noch etwas übrig“ wäre, sagte er damals. Zugleich wirkten die letzten Staffeln von „The Big Bang Theory“ selbst wie ein kleines Spin-off: Die schüchternen Streber von einst hatten feste Partnerinnen gefunden, teils sogar Kinder bekommen. In dieser Welt gab es nichts mehr, was man hätte erzählen können.
Die einstige Nebenfigur ist jetzt der Held einer Abenteuerreise
So darf man fast schon erleichtert sein, dass Lorre seine neue Serie als Science-Fiction-Action-Comedy in einem postapokalyptischen Paralleluniversum angesiedelt hat. Der Produzent, der Erfolgs-Sitcoms wie „Two and a Half Men“ kreierte und bei „Roseanne“ mitwirkte, sagte selbst über sein bisheriges Schaffen: „Ich hatte fast 40 Jahre lang darüber geschrieben, wie Menschen auf einer Couch miteinander reden.“ Es war also an der Zeit, das vertraute Wohnzimmer zu verlassen und andere Welten zu entdecken.
Im Mittelpunkt der neuen Erzählung steht mit dem Besitzer des Comicbuchladens aus „The Big Bang Theory“ aber ein alter Bekannter. Der gleichermaßen schüchterne wie selbstironische Stuart Bloom (Kevin Sussman) gilt als eine der beliebtesten Nebenfiguren der Originalserie. Wie damals betreibt er auch nun sein bei Geeks beliebtes Comicgeschäft in Pasadena. Nur eben in einer Version der südkalifornischen Stadt, in der Zombiehände aus der Erde greifen, mutierte Riesenmotten Menschen fressen und angerostete Konserven als Währung taugen.
So hat Stuart gerade einen seltenen Batman-Comic mit dem gutmütigen Geologen Bert Kibbler (Brian Posehn) gegen eine Dose Katzenfutter getauscht, als plötzlich eine Version seiner selbst aus einer anderen Realität vor ihm steht. Dieser Stuart aus einer anderen Dimension erklärt ihm, dass er die Apokalypse rückgängig machen könne. Dafür müsse er ein „Quantenverschränkungsding“ reparieren, das sich in den Laborräumen des California Institute of Technology (Caltech) befindet. Das Gerät, das von den früheren Hauptfiguren Leonard, Sheldon und Howard konstruiert wurde, habe das Unglück bei einem Unfall erst ausgelöst.
Widerwillig begibt sich Stuart nun auf eine Reise zur Rettung des Universums, die ihn in zahlreiche Parallelwelten katapultiert. Begleitet wird er dabei von Bert sowie zwei weiteren beliebten Nebenfiguren aus der Originalserie: seiner Ex-Freundin Denise (Lauren Lapkus) und dem schmierigen Quantenphysiker Barry Kripke (John Ross Bowie).
Die alberne Grundstimmung überlagert alles
Allein die Tatsache, dass Stuart auch in dieser albtraumhaften Welt in aller Seelenruhe einen Comicbuchladen betreibt, sagt viel über den nüchternen Humor der Serie aus. Obwohl die Helden ständig in Todesgefahr schweben, begegnen sie der Bedrohung und der extremen Gewalt oft mit überzogener Gemütsruhe oder überspielter Aufregung. Jeder zweite Dialogsatz ist ein Gag im Stil amerikanischer Sitcoms, der mal mehr, mal weniger überzeugt.
Das entspricht zwar den Erwartungen an dieses Genre. Und dennoch wirkt das alles überladen und gleichzeitig erstaunlich leer. Denn eigentlich war es immer eine Stärke von Lorres Sitcoms, dass es auch Momente gab, in denen sich seine Figuren verletzlich zeigten und die Ironie echten Gefühlen wich. Die Möglichkeit für Tiefe und Selbstreflexion wird hier jedoch stets von der albernen Grundstimmung überlagert. Sich mit den Figuren zu identifizieren, ist so kaum möglich, auch wenn gerade Kevin Sussman in seiner Lebensrolle als resignierter Comicverkäufer brilliert.
Spaß macht es aber allemal, das Heldenquartett der einstigen Nebenfiguren auf seiner Expedition durch die mal dystopischen, mal skurrilen und mal magischen Universen zu begleiten. Auch sind Stuart und seine Begleiter nicht die einzigen Figuren aus „The Big Bang Theory“, die zurückkehren. Fans der Originalserie werden immer wieder schmunzeln, wenn sie über versteckte Referenzen stolpern.
Für Science-Fiction mit Kultstatus reicht es nicht
Trotz aller liebevoll gesetzten Details, mit denen dieses Multiversum gestaltet wurde, bleibt der Eindruck, dass es nur als bunte Kulisse für die überdrehte Handlung dient. Während der oscarprämierte Science-Fiction-Film „Everything Everywhere All at Once“ und die satirische Zeichentrickserie „Rick and Morty“ die Viele-Welten-Theorie nutzen, um existenzialistischen Fragen nachzugehen, kratzt Lorre nur an der Oberfläche.
„Stuart Fails to Save the Universe“ sei „die Art von Serie, die Sheldon und Leonard gern schauen würden“, sagte der Schauspieler John Ross Bowie kürzlich in einem Interview. Ganz will man dem nicht zustimmen. Sicher, als leichtfüßiger Nerdklamauk funktioniert dieses Abenteuer. Für Science-Fiction mit Kultstatus reicht es aber nicht.
Stuart Fails to Save the Universe startet an diesem Freitag bei HBO Max.
