Auf Japans Schatzinsel steht jetzt ein Abwehrgeschoss. Schiffe im Umkreis von 100 Kilometern kann das Geschütz beschießen, das die japanischen Selbstverteidigungskräfte nach eigenen Angaben vor wenigen Wochen auf der Insel Minami-Torishima stationiert haben. Das Eiland, das gut 1900 Kilometer südöstlich von Tokio im Pazifik liegt, ist winzig. Auf den wenigen Fotos, die man im Internet findet, sind nur eine Landebahn und eine Wetterstation auf der dreieckig geformten Insel zu sehen. Doch die Stationierung eines Abwehrgeschosses zeigt, für wie wichtig die japanische Regierung Minami-Torishima erachtet.
Vor allem die um die Insel herum gelegene Tiefsee könnte zum unermesslichen Schatz werden. In 5000 bis 6000 Metern Tiefe sollen dort nach Erhebungen der Universität Tokio bis zu 16 Millionen Tonnen Seltene Erden im Schlamm liegen. Es wäre das drittgrößte bislang bekannte Vorkommen und könnte bei einem vollständigen Abbau den Bedarf der ganzen Welt für Hunderte Jahre stillen.
Doch die Lage in der Tiefsee macht einen Abbau im großen Umfang kompliziert und kostspielig. Im Februar war es dem japanischen Tiefseeforschungsschiff Chikyu erstmals gelungen, größere Mengen des Schlamms zu heben, die jetzt untersucht werden. Vor wenigen Wochen wurde bekannt, dass Japan nun erst mal Tiefseedrohnen entwickeln will, um die Forschungsarbeiten zu erleichtern und zu beschleunigen. Schon im Jahr 2028 will Japan den kommerziellen Abbau ermöglichen.
Lieferbeschränkungen als Druckmittel aus China
Der Druck ist hoch, weil der Weltmarkt für Seltene Erden zum großen Teil in der Hand von China liegt. Peking kontrolliert die meisten Vorkommen in der Welt und einen noch größeren Teil der Raffinerien. Japan bekommt die Marktmacht des benachbarten Systemgegners gerade einmal wieder besonders stark zu spüren. Nachdem die Ministerpräsidentin Sanae Takaichi im November mit Äußerungen zu Taiwan den Zorn der kommunistischen Führung in Peking auf sich gezogen hat, nutzt Staatspräsident Xi Jinping die Abhängigkeit der japanischen Wirtschaft von den chinesischen Lieferungen, um Druck auf Tokio auszuüben. Anfang Januar verhängte Peking Exportbeschränkungen für sieben Arten Seltener Erden, die für zivile und für militärische Zwecke genutzt werden können.
Ende Juni verschärfte Peking noch einmal den Kurs und setzte zwanzig japanische Unternehmen, denen es die Stärkung des japanischen Militärs vorwirft, auf eine Exportkontrollliste. Darunter sind Einheiten großer Konzerne wie Mitsubishi Electric und Mitsubishi Heavy Industries, an die chinesische Exporteure nun keine Güter mit dualem Verwendungszweck mehr liefern dürfen – also Waren, die zivil und militärisch genutzt werden können. Weitere zwanzig Unternehmen, darunter Tochtergesellschaften von Hitachi und Komatsu sowie die Drohnenhersteller ACSL und Terra Drone, kamen auf eine „Beobachtungsliste“. Der Schritt erhöht nicht zuletzt die Compliance-Risiken japanischer Unternehmen und ihrer Zulieferer in China. Im Mai wurden nach lokalen Medienberichten zwei japanische Staatsangehörige in der nordostchinesischen Stadt Dalian festgenommen, weil sie für das Unternehmen Fuji Electric gegen Chinas Exportkontrollen für Seltene Erden verstoßen haben sollen.

„Der Druck breitet sich aus“
Der Druck auf die japanische Wirtschaft steigt. Gemäß einer Auswertung von Pflichtmitteilungen an die Tokioter Börse durch die Nachrichtenagentur Reuters sind die Warnhinweise von Unternehmen bezüglich der Lieferbeschränkungen aus China in den vergangenen Monaten erheblich gestiegen. „Der Druck ist zwar nicht in allen Branchen gleichermaßen spürbar, breitet sich aber aus“, sagte Satoru Yoshida, ein Rohstoffanalyst von Rakuten Securities. Die Unterschiede erklärte er damit, wie stark Unternehmen ihre Vorräte aufgebaut hätten, bevor Peking den Druck erhöhte.
Begleitet wird die Verschärfung der Lieferbeschränkungen von Vorwürfen der Kommunistischen Partei, dass die japanische Regierung eine „Remilitarisierung“ des Landes vorantreibe. Tatsächlich will die Ministerpräsidentin Takaichi die japanische Armee zwar rasch aufrüsten. Zudem lockerte die Regierung im April die bis dato strengen Exportbeschränkungen für Rüstungsgüter, um ihre heimische Rüstungsindustrie zu stärken und enger mit ihren Verbündeten kooperieren zu können. In Tokio und unter den westlichen Verbündeten ist aber klar, dass diese Abkehr Japans von seiner pazifistischen Tradition hin zu einer Stärkung des Militärs weniger als Remilitarisierung der einstigen Kriegsmacht zu verstehen ist, sondern vor allem eine Reaktion auf das zunehmend aggressive Verhalten Chinas im Indopazifik darstellt. Auch der russische Krieg gegen die Ukraine und die ständigen Raketentests des Regimes in Nordkorea haben das Bedürfnis der Japaner nach einem stärkeren Militär geweckt.
Japan als Vorbild für Deutschland
Die Geschichte wiederholt sich. Schon im Jahr 2010 hatte China nach einem Territorialstreit um einige Inseln im Ostchinesischen Meer die Lieferungen Seltener Erden nach Japan von einem Tag auf den anderen blockiert. Die beherzten Gegenreaktionen der japanischen Wirtschaft damals, mit denen die Abhängigkeit von chinesischen Lieferungen innerhalb kurzer Zeit von mehr als 90 Prozent auf 60 Prozent gesenkt werden konnte, gelten bis heute auch in der deutschen Politik als vorbildlich. Vor allem Investitionen in Auslandsprojekte in Australien und Malaysia, das Recycling Seltener Erden und die Umstellung von Fertigungsprozessen zum sparsameren Einsatz der Metalle halfen damals.
Nachdem Peking den Druck nun abermals erhöht hat, greift Japan zu neuen Mitteln. So soll unter anderem die heimische Produktion wieder ausgebaut werden. Nach einem Bericht der Wirtschaftszeitung „Nikkei“ plant der Chemiekonzern Shin-Etsu den Bau einer neuen Raffinerie für Seltene Erden in der zentraljapanischen Präfektur Fukui. Dafür wolle der Konzern mindestens 35 Milliarden Yen (188 Millionen Euro) investieren und werde dabei tatkräftig von der Regierung unterstützt.
Auch die Konzerne Mitsui Kinzoku und Sumitomo Metal Mining bauen ihre entsprechenden Kapazitäten aus. Die Chancen, diese Seltenen-Erden-Produkte auf den Weltmärkten verkaufen zu können, sieht Yoshikiyo Shimamine vom Daiichi Life Research Institute allerdings als gering an. Schließlich seien die Produktionskosten der riesigen Raffinerien in China einfach „überwältigend niedriger“. Japan dürfte seiner Ansicht nach den Fokus darauf legen, eine Lieferkette aufzubauen, die trotz höherer Preise eine Nachfrage nach im Inland produzierten Seltenen-Erden-Produkten schaffen könne.
Auch beim Recycling tut sich etwas: Im Juni stieg das Unternehmen Mitsubishi Materials bei dem amerikanischen Recyclingspezialisten ReElement Technologies ein, der sich auf die Rückgewinnung von Seltenen Erden aus Industrieabfällen spezialisiert hat. „Wir wollen unseren Teil dazu beitragen, die Lieferkette so schnell wie möglich wieder aufzubauen“, sagte Tetsuya Tanaka, der Vorstandsvorsitzende von Mitsubishi Materials, anlässlich der Vertragsunterzeichnung in Tokio.
Wann und in welchem Umfang die Tiefseevorkommen im Pazifik wirklich wirtschaftlich genutzt werden können, ist unter Fachleuten umstritten. Daher treibt Japan auch an anderer Stelle seine Erkundungen voran: Noch in diesem Sommer sollen Geologen der staatlichen „Japan Organization for Metals and Energy Security“ nach Grönland reisen und dortige Minenstandorte besuchen. Die mögliche Ausbeute von dort nach Japan zu bringen, wäre sehr aufwendig. Nach japanischen Medienberichten prüft die Regierung in Tokio daher, ob sie eine gemeinsame Lieferkette mit der Europäischen Union aufbauen könne. Weniger abhängig von China will schließlich auch Europa werden.
