Der Blick bleibt Menschen, die ihm begegnen, oftmals besonders in Erinnerung: Von laserblauer Schärfe ist dann die Rede, von stahlblauer Kälte oder den undurchdringlichen Augen eines Pokerspielers. Eine Reporterin der französischen Zeitung „Le Monde“ hat François Pinault vor einigen Jahren in die düsteren Straßen Harlems begleitet. In einem alten Fabrikgebäude stellte eine Galerie Werke des Multimediakünstlers Arthur Jafa aus, der kurz zuvor seinen internationalen Durchbruch erlebt hatte. Pinault scannte die Werke, heißt es, mit seinen Augen, sagte wenig, verriet nichts, kam tags darauf wieder und kaufte Objekte seiner Wahl, dort und in anderen Galerien. An die 20 Millionen Euro habe er in diesen New Yorker Tagen für Kunst ausgegeben, verriet er der Journalistin damals.
Mut zur Entschlossenheit
Sein Prinzip: sehen, sich nicht abschrecken lassen von dem, was man nicht versteht, aber auch nicht hinreißen lassen von etwas, das einem gleich gefällt, nachdenken – und dann schnell handeln. Mit dieser Entschlossenheit griff der französische Selfmade-Multimilliardär auch 1990 zu, als er bei einer Auktion in New York ein kapitales Gemälde Vincent van Goghs, ein „Porträt des Dr. Gachet“, links liegen ließ, um eine Abstraktion von Piet Mondrian für acht Millionen Dollar zu kaufen. Es war eine Richtungsentscheidung zugunsten der Nachkriegsmoderne und Gegenwartskunst, der Pinault seine mittlerweile auf mehr als 10.000 Objekte angewachsene private Kunstsammlung widmet, die Pinault Collection.

Der Öffentlichkeit bietet er auf denkbar repräsentative Weise Zugang: seit 2006 im Palazzo Grassi in Venedig, auf den 2009 als zweiter Ausstellungsort in der Lagunenstadt die Punta della Dogana folgte, und von 2021 an in der Pariser Bourse de Commerce. Mit der Umwidmung des einen Steinwurf vom Louvre entfernten Rundbaus aus dem 18. Jahrhundert in Pinaults Kunsttempel setzte der Unternehmer sich selbst ein Denkmal in der Kapitale – natürlich auch ein Zeichen gegenüber Bernard Arnault, dem reichsten Mann Frankreichs. Dessen Luxusgüterkonzern LVMH war mit einem futuristischen Bau für die Kunst der Fondation Louis Vuitton schon ein paar Jahre früher vor Ort.
Von der Sägemühle zum Luxuskonzern
Anders als sein „bester Feind“ Arnault, um dessen Nachfolge Medienberichten zufolge ein Machtkampf toben soll, hat Pinault als Sohn eines bretonischen Bauern mit Sägewerk die Erbfolge für Haus und Hof längst festgelegt. „Glauben, wagen, handeln“ lautet das Motto der Artémis-Gruppe, deren Führung er schon vor gut zwanzig Jahren seinem ältesten Sohn François-Henri übertragen hat. Der in zweiter Ehe mit der Schauspielerin Salma Hayek verheiratete Junior steht an der Spitze des von der Familienholding kontrollierten Luxuskonzerns Kering (zuvor PPR) mit Marken wie Gucci, Saint Laurent und Bottega Veneta. Im Firmenimperium Pinaults wurde inzwischen auch der Enkel François Louis Nicolas installiert. Der wiederum ist mit einer Tochter des deutschen Regisseurs Florian Henckel von Donnersmarck verheiratet und nannte seinen Sohn – François. Aufgestiegen in den Geldadel, gibt sich die Familie dynastisch.
Zu Artémis gehören neben der Kunstsammlung Weingüter, eine Reederei und Medien wie die Zeitung „Le Point“. Seit 1998 ist die Gruppe außerdem alleinige Eigentümerin des Auktionsunternehmens Christie’s – ein ideales Asset für einen Kunstsammler wie François Pinault, das er Arnault voraushat, der um die Jahrtausendwende Phillips ergattern wollte. Und schließlich ist da noch der Fußballverein Stade de Rennes: für den sportlichen Ausgleich und als Zeichen des Lokalpatriotismus für die Bretagne.

Dort aufgewachsen in dem Dorf Trévérien, erlebte Pinault als Kind den Terror der deutschen Besatzer und lernte, wie er einmal in einem Interview erzählte, von seinem Vater, dass man dennoch einen nach der Befreiung im elterlichen Betrieb eingesetzten jungen deutschen Gefangenen anständig behandeln musste. In der Rolle des Außenseiters fand sich Pinault selbst, ein Gallo sprechender Junge vom Land, auf der Schule in Rennes wieder. Er brach sie ab, um zur Armee zu gehen. Knapp drei Jahre in Algerien öffneten ihm die Augen für Abgründe und Grausamkeit eines Kriegs, der ihm als gerechte Sache verkauft worden war.
Weder Aristokrat noch Bourgeois noch Offizier, kein Absolvent einer Eliteuniversität: Pinault, der Mann aus dem Nirgendwo, bahnte sich seinen Weg buchstäblich mit der Axt, denn Bäumefällen hatte er zu Hause gelernt. Zurück aus Nordafrika, arbeitete er im Sägewerk des Onkels, nahm einen Kredit auf, machte sich mit einem Holz- und Baustoffhandel selbständig und heiratete die Tochter eines Lieferanten – die spätere Mutter seiner ersten Kinder. Als Neuling von Konkurrenten unterschätzt, schlug er in den Jahrzehnten des Nachkriegsbaubooms zu, wenn sich die Chance bot, aufzukaufen, zu zerschlagen, zu expandieren. Erst verkauft man, was die Leute brauchen, dann das, was sie sich wünschen sollen: So funktioniert Kapitalismus. Von den Neunzigern an wurde Pinaults Business immer glamouröser. Dafür sorgte der Einstieg ins Kaufhausgeschäft, bei Luxuslabeln und Versteigerern.

Pinaults kulturelle Verfeinerung, die einen glänzenden Firnis über die rohen Strukturen seines wirtschaftlichen Erfolgs legt, vollzog sich parallel dazu. Ein befreundeter Hobbymaler nahm ihn zu einer Ausstellung über die Schule von Pont-Aven mit. Viel anfangen konnte Pinault damit spontan nicht. Er besuchte die Schau am Folgetag aber noch einmal und begann, den eigenen Blick zu schulen. Seine zweite Ehefrau ist Antiquitätenhändlerin und machte ihn mit Auktionen vertraut. Entscheidend aber war die Freundschaft zu Pierre Daix: Der kommunistische Résistance-Kämpfer hatte die Internierung in Mauthausen überlebt, kannte Pablo Picasso und Pierre Soulages gut, arbeitete als Journalist und Autor, unternahm mit Pinault Radtouren und beriet ihn in Sachen Kunst.
Der frühe Ankauf eines Gemäldes des Gauguin-Schülers Paul Sérusier, das eine bretonische Bäuerin darstellt, war noch von der Herkunft des Unternehmers motiviert: Es erinnerte Pinault an seine Großmutter. Er bezeichnete es als einen persönlichen „Talisman“. Daix lenkte den Blick des Sammlers auf die Gegenwart, wo es Künstler zu entdecken und wichtige Werke vor den institutionellen Museen zu ergattern gibt.
Sein Auktionshaus steht bestens da
Pinaults Einfluss als Sammler ist groß: Wenn er an Jeff Koons herumkrittelt, er gehe zu oft auf Cocktailpartys, merkt das Establishment auf, wenn er Damien Hirst in einer kreativen Flaute anschiebt, ebenso, wenn er Bilder von Julie Mehretu kauft und zeigt, hebt das den Marktwert und das Renommee. In der Rolle des Mäzens glänzt Pinault – der auch die Kunst der Steueroptimierung beherrscht – bei Aufforstungsprogrammen, Gedenkstättensanierungen oder nach dem Brand von Notre-Dame mit einer spontanen Hundert-Millionen-Euro-Zusage. Geld ist genug da, obwohl das international nach der Pandemie schwer ins Trudeln geratene Luxusgütergeschäft auch bei den Pinaults Milliarden an Kapital vernichtet hat. Immerhin steht das Auktionsunternehmen Christie’s wieder bestens da.
Als Freund – etwa von Jacques Chirac – gilt Pinault als treu, als Geschäftsmann als gewieft, persönlich als stur. Was dahinterstehen mag, dass Guillaume Cerutti, der Anfang 2025 als CEO bei Christie’s abtrat, um an Pinaults Stelle die Präsidentschaft in dessen Kunstsammlung zu übernehmen, schon ein Jahr später den Posten wieder räumte, bleibt Spekulation. Eine Stellungnahme gab es nie, aber seither ist François Pinault, der an diesem Freitag 90 Jahre alt wird, wieder selbst Präsident der Collection seines Namens. Gefragt, welches seiner Kunstwerke ihm die größte Freude bereite, sagt er: „Ich hoffe, es ist das Werk, das ich morgen entdecke oder in den nächsten Jahren.“
