Fangen wir bei null an. Vor der westafrikanischen Küste, im Golf von Guinea, liegt „Null Island“. Die Koordinaten lauten 0 Grad Nord und 0 Grad Ost, Nullmeridian und Äquator treffen hier aufeinander, der Mittelpunkt der Welt. Wer sich jedoch aufmacht, „Null Island“ zu besichtigen, wird enttäuscht sein: Lediglich eine Boje ist dort sichtbar, denn die „Insel“ dient lediglich auf digitalen Karten als Nullpunkt, den Mapping-Systeme benötigen, um Fehler zu vermeiden.
„Null Island“ ist die Insel, die es nicht gibt und gerade deshalb zu einem Ort für allerlei Mythen und Verschwörungstheorien geworden ist. So steht es um viele der Inseln, die Adwin de Kluyver in seinem 2024 zunächst auf Niederländisch erschienenen Buch „Die Inseln des Guten und Bösen“ beschreibt. Auch Platons „Atlantis“ oder Thomas Morus’ „Utopia“ gibt es nicht wirklich. Gerade das ist die Voraussetzung dafür, dass diese fiktiven Orte für allerlei Gedankenspiele herhalten können.
Was macht eine Insel zu einer Insel?
Das ist der wichtigste Ausgangspunkt für de Kluyver: Inseln sind einerseits ein Behälter für unerfüllte Wünsche, ein „Niemandsland, das nach Belieben gefüllt werden kann“. Andererseits bestärken das abgesteckte Terrain und der komprimierte Raum den alten Traum einer einfachen und übersichtlichen Welt. Im Kleinen soll das Große und Ganze sichtbar werden, so der Anspruch des Buches.

Doch was macht eine Insel eigentlich zu einer Insel? Da Australien der kleinste aller Kontinente ist, ergibt sich für den Autor, dass alle Landflächen, die kleiner als Australien und von Wasser umgeben sind, als Insel bezeichnet werden können. Dementsprechend groß fällt auch die Ausbeute des Buches aus. Nicht weniger als 65 Inseln mit ihren jeweiligen Geschichten lernt der Leser kennen. Bedenkt man jedoch, dass es je nach Definition auf der Erde zwischen 86.000 (ab zehn Hektar) und sieben Milliarden (mit allen Nano-Inseln, die kleiner als einen Hektar sind) Inseln gibt, handelt es sich bei der Auswahl im Buch bereits um ein kuratiertes Angebot.
Die große Anzahl der Kapitel macht jedoch eine eigenwillige Anordnung mit Substrukturen nötig. Isolari, benannt nach den Inselbüchern Venedigs aus dem 15. Jahrhundert, heißen die Kapitel, von denen es dreizehn an der Zahl gibt. Diese sind jeweils in einen Vorspann, der jeweils eine Handvoll Kurzkapitel versammelt, und ein Hauptkapitel aufgeteilt, das sich über mehrere Seiten erstreckt. Vorspann und Hauptkapitel eint zumindest auf dem Blatt eine thematische Zusammengehörigkeit – ein Kapitel behandelt Gefängnisinseln, ein anderes wissenschaftliche Experimente –, die jedoch nicht immer eindeutig fassbar ist.
Inseln sind ein Katalysator menschlicher Reflexe
Leider sind de Kluyvers Kapitel selbst Inseln, die abgetrennt vom Ganzen nebeneinanderstehen. Über einige Anregungen und Kuriositäten kommen sie nicht hinaus. Auf Inseln geschehen, so wird man zugeben müssen, allerhand Dinge, von Expeditionen über Kolonisation bis hin zu schlimmsten Verbrechen. Aber sind die Inseln auch die Ursache dafür? Fördert die Insel wie ein Katalysator das Gute und Böse im Menschen zutage? Oder geschehen Dinge, die weltweit geschehen, unter anderem auch auf Inseln?
Wenn das Buch nicht lediglich ein Sammelsurium aus Inselgeschichten sein will, sondern einen Nexus zwischen Insel und Mensch herstellen will, muss dieser auch hinreichend erklärt werden. Fraglich bleibt, wie man nach der Lektüre eines Kapitels über Wernher von Brauns Raketenexperimente in Peenemünde zu dem Schluss kommen soll, dass die Insel Usedom sich dafür verantwortlich zeichnen muss, das Schlechte und Böse in ihm hervorgebracht zu haben. An anderer Stelle insinuiert de Kluyver, dass das aristotelische Gesamtwerk ohne dessen Forschungen auf Lesbos nicht möglich gewesen wäre. Einmal davon abgesehen, dass das eine spekulative These zur Werkgenese des Stagiriten ist, wäre denn nicht vorstellbar, dass er unter anderen natürlichen Gegebenheiten auf dem Festland dieselben Schlüsse gezogen hätte?
Über das Verhältnis zwischen Mensch und Insel lässt sich auf diesem Wege bei de Kluyver nichts lernen. Dabei trifft er einen durchaus gewichtigen Punkt. So würde man gerne erfahren, warum die Inselbegeisterung der Menschen eine historische Konstante zu sein scheint. Das Buch über den Homo Archipelagicus muss erst noch geschrieben werden. Trotzdem lässt sich de Kluyver eine beachtliche Rechercheleistung zugutehalten. Auf einer einsamen Insel würde man sich jedoch andere Lektüre wünschen.
Adwin de Kluyver: „Die Inseln des Guten und Bösen“. Von Utopien, Experimenten und Revolten, die es auf dem Festland nie gegeben hätte. Aus dem Niederländischen von Bärbel Jänicke. mareverlag, Hamburg 2026. 400 S., Abb., 28,– €.
