
Die Ankündigung aus der Staatskanzlei klingt zurückhaltend. Es gehe um eine „Großansiedlung in Mecklenburg-Vorpommern“, heißt es in einer Mitteilung darüber, dass die Ministerpräsidentin am Donnerstag den Schwarz-Chef Gerd Chrzanowski empfängt. Was dieser im Gepäck hat, sind die Pläne für ein Rechenzentrum in Dummerstorf bei Rostock, wie aus Recherchen der F.A.Z. hervorgeht. Der Strom dafür soll aus erneuerbaren Energien kommen. Details dazu werde man erst am Donnerstag nennen, sagte Regierungssprecher Andreas Timm. Klar ist aber, dass es um eine mehrere Milliarden schwere Investition geht.
Schwarz Digits sieht sich als Alternative zu US-Riesen
Die Schwarz-Gruppe ist vor allem für den Discounter Lidl und die Supermarktkette Kaufland bekannt, dreht über ihre Sparte Schwarz Digits aber ein immer größeres Rad. Dabei positioniert Schwarz sich als „digital souveräne“ Alternative zu den amerikanischen Techriesen, vor allem für den öffentlichen Sektor und regulierte Branchen. Unter anderem hat Schwarz Digits mit Stackit ein Cloudangebot aufgebaut, das Spartenchef Christian Müller zum „europäischen Hyperscaler“ ausbauen will, wie er der F.A.Z. einmal sagte. Dafür braucht Schwarz vor allem eins: Rechenzentren.
Vier davon betreibt Schwarz schon. In Lübbenau in Brandenburg soll auf einem ehemaligen Kraftwerksgelände bis Ende 2027 ein riesiges weiteres Rechenzentrum mit einer Anschlussleistung von 200 Megawatt errichtet werden. Kostenpunkt: Elf Milliarden Euro – die größte Einzelinvestition der Unternehmensgeschichte. Ein Rechenzentrum in Mecklenburg-Vorpommern könnte von Norden her das Angebot für die Metropolregion Berlin ergänzen.
Der deutsche Staat als Ankerkunde im KI-Bereich
Das Digitalportfolio von Schwarz reicht indes weit über Cloud-Infrastruktur hinaus. Früh beteiligte Schwarz sich am KI-Start-up Aleph Alpha und ist auch nach der Übernahme durch das kanadische KI-Unternehmen Cohere am fusionierten Unternehmen beteiligt geblieben. Bundesdigitalminister Karsten Wildberger (CDU) deutete zur Verkündung der Übernahme an, dass der deutsche Staat als Ankerkunde für das neue Unternehmen agieren könnte, das Stackit als Cloud-Infrastruktur nutzt.
Darüber hinaus ist Schwarz Digits über den Zukauf des israelischen Start-ups XM Cyber im Geschäft mit IT-Sicherheitssoftware aktiv und am Quantencomputer-Start-up Eleqtron aus Siegen beteiligt. Mit seiner Beteiligung am verschlüsselten Messenger Wire will Schwarz ebenfalls vor allem den öffentlichen Sektor bedienen.
Signal für strukturschwache Region
Die Bedeutung der absehbaren Milliardeninvestition ist für das strukturschwache Bundesland Mecklenburg-Vorpommern kaum zu unterschätzen. Die Ankündigung hat auch politisches Gewicht – denn das Vorhaben eines so großen und in der Politik gut vernetzten Konzerns könnte das Vertrauen in die aktuell regierende Ministerpräsidentin erheblich stützen.
Zwar muss auch Schwesig fürchten, dass ihre Partei, die SPD, in Mecklenburg-Vorpommern bei der Landtagswahl von der AfD mit ihrem Spitzenkandidaten Leif-Erik Holm überholt wird. Verglichen mit dem Bundestrend schneidet die SPD aber mit letzten Umfragewerten von rund 29 Prozent überdurchschnittlich gut ab. In welcher Koalition Schwesig weiter regieren könnte, hängt unter anderem davon ab, wie stark die derzeit mitregierenden Linken werden und ob die Grünen ins Parlament gewählt werden.
Mit Wahlkampfhilfe im großen Stil hat sich die Schwarz-Gruppe bisher nicht hervorgetan. Einmal ist der extrem öffentlichkeitsscheue, mittlerweile 86 Jahre alte Patriarch Dieter Schwarz allerdings aufgefallen – als es vor zwölf Jahren um den Oberbürgermeister-Posten in seiner Heimatstadt Heilbronn ging. Scheinbar unauffällig, letztlich aber sicher wirksam, stand der Name Dieter Schwarz damals auf einer 400 Namen umfassenden Unterstützerliste für den SPD-Kandidaten Harry Mergel, der im ersten Wahlgang Erfolg hatte.
