
In Frankreich haben sich die Schülerproteste am Mittwoch ausgeweitet. Die Aktionen richten sich gegen Unterrichtsausfall, zu große Klassenstärken, Lehrermangel und den schlechten Zustand der Schulgebäude an der Oberstufe. Bei den Protesten kam es vor mehreren Schulen zu Gewalt, Mülleimer wurden in Brand gesetzt und Wurfgeschosse auf die Polizei geworfen. Präsident Emmanuel Macron sagte am Mittwoch in Madrid, „ich höre und verstehe die Ängste und manchmal den Zorn unserer Jugend“. Aber das rechtfertige keine Gewalt. „Es ist schlimm, dass Politiker die Schüler noch angestachelt haben“, sagte Macron mit Blick auf die Linkspartei La France insoumise (LFI).
Die Gewerkschaft der Oberschüler, Union syndicale lycéenne, hat dazu aufgerufen, die Schulblockaden auch an diesem Donnerstag fortzusetzen, und ein Gespräch mit dem Bildungsminister verlangt. Die Polizei nahm allein am Dienstag 440 Personen fest, wie der Innenminister Laurent Nuñez bestätigte. Der linke Präsidentschaftskandidat Jean-Luc Mélenchon empörte sich über das Vorgehen der Polizei. „Die Polizeigewalt ist nicht akzeptabel“, schrieb er in den sozialen Netzwerken.
Bildungsminister Édouard Geffray sagte am Mittwoch im Radiosender RTL, einige Forderungen der Oberschüler seien legitim. Aber die gewalttätigen Ausschreitungen könnten nicht hingenommen werden. „Was mich beunruhigt, ist nicht, dass es Mobilisierungen gibt oder dass Schüler Forderungen stellen“, sagte der Minister.
76 Verletzte seit Beginn der Proteste
„Das Recht zu demonstrieren ist eine Grundfreiheit. Die demokratischen Institutionen müssen jedoch respektiert werden. Gewalt geht gar nicht“, fügte er hinzu. So seien seit Beginn der Proteste 76 Menschen verletzt worden, Schüler wie auch Lehrer. Am Dienstag habe ein Jugendlicher seine Hand verloren, als er einen Feuerwerkskörper auf die Polizei werfen wollte. Im sozialen Brennpunkt Seine-Saint-Denis nördlich von Paris, in Lyon und in Straßburg sind die Proteste besonders heftig.
Französische Lehrer verdienen im Durchschnitt nur die Hälfte von deutschen Lehrern. Auch die Rahmenbedingungen gelten als wenig attraktiv. Deshalb fällt es dem Bildungsministerium in Paris immer schwerer, offene Stellen zu besetzen. Die Folge ist Unterrichtsausfall, insbesondere in den Fächern Mathematik und Französisch, wo der Lehrermangel besonders akut ist.
Auch wurden die Klassenstärken erhöht. „Wir sind 38 Schüler in unserer Klasse“, schilderte Gymnasialschülerin Lola, 16 Jahre, in „Le Parisien“. Das führe dazu, dass oftmals nicht genügend Tische und Stühle in den Klassenräumen zur Verfügung stehen. Sie streike nicht aus Spaß. Bislang habe sich das Bildungsministerium nur dafür interessiert, dass das im September in Kraft getretene Handyverbot durchgesetzt werde. „Aber wir wollen bessere Lernbedingungen“, sagte die Oberschülerin.
Die Regierung hält der Linkspartei LFI vor, die Gewalt zu legitimieren. Der LFI-Bürgermeister von Saint-Denis, Bally Bagayoko, hatte protestierende Schüler aufgesucht und gesagt, dass Gewalt legitim sein könne. Gewalt sei „die Folge institutioneller und sozialer Gewalt, unter der viele Jugendliche seit nunmehr neun Jahren leiden“, sagte der Vorsitzende der Schülergewerkschaft Union syndicale lycéenne, Ryad Rani. Er forderte auch die Sanierung von baufälligen Schulgebäuden. Während der Hitzewelle im Juni sei es zu unerträglichen Temperaturen in den Klassenräumen gekommen.
