Lange schienen die Schlachten geschlagen. Ideologisch hatte das Bauhaus ausgedient. Doch seit die AfD sich für ihre Kulturkritik historischer Argumente aus der NS-Zeit bedient, kehrt die unsägliche Debatte um Spitzdach, Flachdach oder Kubus zurück. Das Bauhaus ist wieder einmal politisch umkämpft.
Dessen Vertreter waren freilich nicht die einzigen, die in der Zwischenkriegszeit den Geist der Technik und Funktionalität propagierten. Ursula Muscheler, die sich in ihrem Buch „Das rote Bauhaus“ mit Architekten beschäftigt hat, die in den späten 1920er- und frühen 1930er-Jahren in die Sowjetunion zogen, legt jetzt mit „Nicht alles war Bauhaus“ den Fokus auf die Lebensläufe der Meisterschüler von Hans Poelzig. Der Baukünstler und Filmarchitekt der Golem-Filme hatte 1923 eine Professur an der Technischen Hochschule in Berlin bekommen. Während sein Kollege Heinrich Tessenow einen schlichten Baustil vertrat, unterschieden sich die Entwürfe von Poelzig und seinen Schülern stilistisch stark.

Entscheidend waren für ihn nach der Loslösung vom Expressionismus nicht die Fassaden, sondern die täglichen Bedürfnisse der Bewohner. Seine humane und zugleich zweckdienliche Architektur war nach 1933 mit Hitlers Machtantritt nicht mehr gefragt. Aus seinen Ehrenämtern gedrängt und ohne Aufträge, starb Poelzig 1936 kurz vor seiner geplanten Ausreise in die Türkei.
Ein Leben als filmreifes Drama
Auch wenn seine mitunter monumentalen Schöpfungen im Krieg teilweise vernichtet wurden, hat er durch seine Meisterschüler Spuren in einer Generation hinterlassen, die bis in die Nachkriegszeit im Schatten der Bauhäusler blieb und trotzdem ihrer mission impossible, wie Muscheler im Vorwort schreibt, der Schaffung einer besseren Welt, verpflichtet blieb. Die Autorin ist in acht chronologisch angeordneten Kapiteln ihren Spuren gefolgt. Wie gelang Otto Königsberger in Indien der Aufstieg zum viel gefragten Staatsarchitekten? Wie wurde Kurt Liebknecht, der Neffe von Karl Liebknecht, in der Sowjetunion empfangen? Und warum wurde Walter Segal, der den jüdischen Nationalismus verabscheute und deswegen nicht wie Julius Posener nach Palästina floh, in England zum Guru des Selbstbauens?

Das Leben von Rudolf Hamburger, der schon 1930 nach Shanghai gegangen war, entwickelte sich zum Beispiel zu einem filmreifen Drama. Er profitierte zunächst vom Bauboom, während sich seine Frau Ursula vom russischen Militärgeheimdienst rekrutieren ließ. Es folgten Stationen in Polen, der Schweiz, der Sowjetunion und Iran. In Teheran wurde er von Moskau der Doppelspionage bezichtigt und geriet in den Gulag.
In einem Holzfällerlager im Ural, wo Hamburger die Instandhaltung bestehender Gebäude verantwortete, schrieb er: „Alles ekelt mich an. Die unbedeutenden Aufgaben, die ich erledigen muss, der rohe Tisch, die zwei zerkratzten Hocker, die Decke, die Wände, die mich in ödem Stumpfsinn anglotzen, das Loch von Fenster, dessen Ausschnitt auf Hof, Baracken und Stacheldraht mich nicht vergessen lässt, wo ich bin … Was erwartet mich, falls ich die Freiheit erlebe, mich ausgehungerte, von Wanzen zerbissene, ergraute, von Leben und Beruf entfremdete Kreatur?“
Zuletzt wurde Rudolf Hamburger Chefarchitekt in Hoyerswerda
Immerhin, die Freiheit war ihm vergönnt. 1955 erreichte Hamburger dank seines alten Shanghai-Netzwerks Ostberlin und wurde Chefarchitekt in Hoyerswerda. Die neue Stadt sollte Wohnort für die Arbeiter des Braunkohlekombinats werden. Hier traf er die junge Schriftstellerin Brigitte Reimann, die ihn in ihrem Roman „Franziska Linkerhand“ zum Vorbild für ihre desillusionierte Figur Landauer nahm.
Nicht nur beim Lesen dieser Odyssee wähnt man sich in einem kompakten, Kontinente übergreifenden Historienepos. Muscheler ist eine gute Führerin durch diese bewegte Welt der Vertriebenen, denen die Regimeprofiteure nach Kriegsende misstrauisch gegenüberstanden. Obwohl mit rund 220 Seiten eigentlich schmal, ist das Panorama ebenso reich an Aufstiegsgeschichten wie an gescheiterten Hochbegabungen.
Lang ist die Liste derjenigen, deren Leben ohne das Dritte Reich anders verlaufen wäre. Hermann Zweigenthal, der sich in New York als freier Architekt und Theaterregisseur mühsam über Wasser hielt und 1955 vergeblich einen Neustart in Berlin versuchte, hat ihr Schicksal im Rückblick auf die Zwischenkriegszeit auf den Punkt gebracht: „Ich konnte damals nicht ahnen, dass alles, was meine Generation schaffen wollte und schaffen würde, Stück für Stück durch immer neue Wellen von Kriegen, Katastrophen und Revolutionen zerstört werden würde. Ich hätte damals nicht glauben können, dass sogar der Kern des Schöpferischen im Lauf der nächsten dreißig Jahre in Frage gestellt werden würde.“
Ursula Muscheler: „Nicht alles war Bauhaus“. Bei der Suche nach einer neuen Architektur. Osburg Verlag, Hamburg 2026. 250 S., Abb., geb., 25,– €.
