Montagmorgen, acht Uhr, in der Deutschen Schule Tokyo Yokohama. Gut 500 Schüler haben sich zum Morgenauftakt in der Aula der Schule versammelt. Eben noch haben sie gejubelt, als die Sieger des „Känguru-Wettbewerbs“ gekürt wurden. Nun ist es ganz still. Der Pfarrer und Religionslehrer Andreas Latz ist auf die Bühne getreten und leitet über zu einem ernsten Thema: dem Besuch einer Delegation der Hitlerjugend in Japan im Jahr 1938. Gemeinsam mit seiner neunten Klasse hat Latz sich auf die Spuren dieser Propagandafahrt begeben, mit der die Nationalsozialisten und das Japanische Kaiserreich damals ihren zwei Jahre zuvor geschlossenen Antikominternpakt mit Leben füllen wollten.
Während die Nazis die meisten anderen Völker mit Argwohn betrachteten, sahen sie in den damaligen Japanern mit ihrem ausgeprägten Nationalismus, dem Hang zum Militarismus und ihrem Streben nach der Vorherrschaft in Asien einen ebenbürtigen Partner. Die Schüler von Andreas Latz fanden zahlreiche Beispiele dafür, wie die Reise der Jugendlichen für die Propaganda zum gemeinsamen Glauben an die Überlegenheit der eigenen Rasse ausgeschlachtet wurde. Und sie sehen darin auch Parallelen zu heutigen rechten Parteien.
Auf mehreren Schautafeln haben sie für ihre Mitschüler Fotos und Dokumente zusammengetragen. In hellen Uniformen marschieren darauf junge Deutsche über die Prachtmeile von Tokio vom Hauptbahnhof Richtung Kaiserpalast. Rechts und links der Straße stehen jubelnde Japaner. Einige Gebäude sind mit Hakenkreuzfahnen geschmückt. Die jungen Männer tragen Strecknadeln an ihren Uniformen, die jeweils eine Japan- und eine Hakenkreuzflagge zeigen. Sogar ein Lied sei damals eigens für die Ankunft der Hitlerjugend in Japan komponiert worden, sagt einer der Schüler.
„Gemeinsame Ideale wie Disziplin und Loyalität“
Den Anstoß für das außergewöhnliche Projekt gab ein altes Propagandavideo zu der Reise, das Pfarrer Latz im Internet gefunden hatte. Die Mitglieder der Hitlerjugend sind darin an vielen Stellen in Japan zu sehen, die auch heute noch beliebte Ziele deutscher Touristen sind und die viele der Jugendlichen, die mit ihren Familien in Japan wohnen, auch schon bereist haben. Sie besuchten die Muscheltaucherinnen und die heiligen Schreine auf der Halbinsel Ise und die mystische Insel Miyajima in der Bucht von Hiroshima. Dazwischen sind sie immer wieder in Einrichtungen zu sehen, mit denen das Japanische Kaiserreich seine Jugend auf Linie brachte.
Eine Szene zeigt die deutschen Besucher „im Ausbildungslager für die kommenden Siedler in der Mandschurei“, wie eine Zwischenüberschrift in altdeutscher Schrift wissen lässt. Die Besatzung dieser Region, die im Nordosten des heutigen Chinas sowie in Teilen der Mongolei und Russlands lag, durch die Japaner gilt als einer der Auslöser des Zweiten Weltkriegs in Asien.
Deutsche und Japaner beim Tauziehen, beim Angeln und beim gemeinsamen Hacken eines Feldes. Beide Seiten lernten ihre unterschiedlichen Kulturen kennen, kommentiert eine Stimme im Hintergrund, „verbunden mit gemeinsamen Idealen wie Disziplin und Loyalität“. „Ich fand das Video sehr eindrucksvoll, vor allem vor dem Hintergrund der Verführbarkeit der Jugend und dem heute ja sehr relevanten Thema der Fake News“, sagt Latz. Er wollte sehen, was seine Schüler aus dem historischen Stoff herausziehen.
Sehr hilfreich dabei seien die Mitarbeiter der Deutschen Botschaft in Tokio gewesen, die in ihren Archiven kramten und auch die Kollegen im Auswärtigen Amt in Berlin einspannten. Zum Vorschein kamen so nicht nur viele Fotos und Berichte von der Reise, sondern auch Dokumente von ihrer Planung, unterzeichnet von Baldur von Schirach, der zu dieser Zeit für die Hitlerjugend zuständig war. „Wir konnten sogar nachlesen, wie viel die Tickets damals gekostet haben“, berichtet Latz.

Auf ihren Schautafeln haben die Neuntklässler viele der Bilder und Dokumente zusammengetragen. „Bei manchen Fotos mussten wir mit Künstlicher Intelligenz arbeiten, um herauszufinden, wo sie aufgenommen wurden“, berichtet einer von ihnen. Andere Unterlagen sprechen dagegen für sich selbst: die Passagierlisten des Norddeutschen Lloyd etwa, auf denen fein säuberlich die Namen aller Teilnehmer der Reise sowie die Daten festgehalten sind. Die Details, die aus den Listen von damals ersichtlich sind, erinnern an die Nazikarteikarten, die derzeit viele Deutsche auf der Suche nach ihren Vorfahren durchstöbern.
Am 12. Juli 1938 schifften demnach der „Führer der Fahrt“, Reinhold Schulze, und sein Stellvertreter Rolf Redeker mit einer Gruppe von etwa 30 Mitgliedern der Hitlerjugend auf dem Dampfer Gneisenau in Bremen ein. Gut einen Monat später, am 16. August, erreichten sie Yokohama. Ende Oktober ging es von Kobe aus wieder zurück. Hans Dietrich Dietmann aus Kiel war dabei, Hans Georg Fischer aus Fulda und Hermann Schrei aus Idar-Oberstein. Sie alle waren damals 18 Jahre alt – nur wenig älter also als Latz’ Schüler heute.
Ein Teil des Projekts bestand darin, die weiteren Lebensläufe der Reiseteilnehmer von damals nachzuverfolgen. Viele wurden Soldaten, nur sechs der 30 jungen Männer überlebten laut den Recherchen der Jugendlichen den Krieg. Über einen fanden sie heraus, dass er später für die Stasi in der DDR tätig war. Inzwischen seien sie alle gestorben.
„Es war krass zu sehen, dass junge Menschen damals so sehr von der Propaganda beeinflusst wurden, dass das deutsche Vaterland an erster Stelle stand“, sagt Kyra, eine der Neuntklässlerinnen. „Aber man kann sie auch nicht dafür kritisieren“, findet sie.
Es geht auch um Falschnachrichten und Populismus
Als besonders eindrucksvoll beschreiben die Schüler einen Ausflug nach Aizu Wakamatsu, etwa 300 Kilometer nördlich von Tokio, zu einer der Stationen der Hitlerjugend 1938. Eine Gedenkstätte dort ehrte damals wie heute eine Gruppe jugendlicher Samurai, die Byakkotai, die sich in einem Krieg im 19. Jahrhundert selbst umgebracht hatten. Sie hatten erfahren, dass ihr Shogun den Krieg verloren habe, und sahen den rituellen Selbstmord als ehrenhaften Weg, um nicht dem Gegner in die Hände zu fallen. Wie sich später herausstellte, trafen sie ihren fatalen Entschluss auch aufgrund einer Falschinformation – ihr Shogun hatte den Krieg gar nicht verloren.
„Das zeigt nicht nur, wie krass die jungen Männer damals von Propaganda infiltriert waren“, sagt die Schülerin Anne, „sondern auch, wie gefährlich Fake News sind.“ Eine ihrer Mitschülerinnen, Mila, fühlt sich durch die Geschichte an die Falschnachrichten und den Populismus erinnert, die heute oft über die sozialen Medien verbreitet würden – und denkt dabei vor allem an die AfD. „Die AfD macht ja sehr viel Wahlkampf über Social Media. Wir haben in Sozialkunde das Thema Populismus gehabt und dabei immer wieder Posts von der AfD untersucht“, erzählt sie. „Die verstreuen da ihre Propaganda, und viele junge Menschen überprüfen das überhaupt nicht.“
Einen Eindruck vom wahren Gesicht des Krieges haben die Schüler in Aizu Wakamatsu auch bekommen. Der Pfarrer der dortigen Kirche zeigte ihnen Bilder, die der Kriegsfotograf Joe O’Donnell kurz nach der Detonation der Atombombe in Nagasaki geschossen hatte. Eines seiner bekanntesten Fotos zeigt einen zehnjährigen Jungen, der seinen toten kleinen Bruder auf dem Rücken trägt und am Krematorium wartet, barfuß, mit starrer Miene, die Lippen zusammengekniffen. „Solche Bilder zu sehen und die Geschichte von Personen zu hören, die damals wirklich dabei waren, das fand ich sehr berührend“, sagt die Schülerin Kyra.
Den Reisenden der Hitlerjugend sollte der Besuch in Aizu Wakamatsu damals eine Lektion erteilen über die Willenskraft der Japaner und deren Bereitschaft, alles für das Vaterland zu geben. Viele Japaner verehren die Byakkotai bis heute wie Helden. So lernten die deutschen Jugendlichen in ihrem Geschichtsprojekt auch etwas darüber, wie anders Japan mit seiner Vergangenheit umgeht als Deutschland.
Die Schülerin Anne nennt dafür einen Grund, den sie im Rahmen des Geschichtsprojekts gelernt habe: „Hier in Japan darf man seine Vorfahren nicht kritisieren. Deshalb wird vieles, was in der Vergangenheit passiert ist, lieber gar nicht hinterfragt.“ Mila fügt hinzu, dass sie es sehr wichtig finde, dass ein Land aus den Fehlern seiner Vergangenheit lerne. „Dass zum Beispiel die Juden im Dritten Reich in Konzentrationslager gesteckt wurden, das darf man nie vergessen“, sagt die Schülerin.
Jannis Woywod, der an der Deutschen Schule Geschichte unterrichtet, fand das Projekt von Andreas Latz auch aus diesem Grund sehr hilfreich. „Die Kinder, die nicht in Deutschland aufwachsen, haben in Japan einen ganz anderen Zugriff auf die Erinnerungskultur“, sagt er. Er will die Auseinandersetzung mit der Reise am liebsten dauerhaft in das Curriculum der neunten Klasse aufnehmen.
