In Erwartung des Bildprogramms der Bauhaus-Avantgarde wie Johannes Itten oder Wassily Kandinsky mag dieses ländliche Sujet überraschen: Zwei Katzen, lang gestreckt, schleichen über einen Dachboden. Gänse recken vor Häusern und Blumen ihre Schnäbel zueinander. Ein Bauer folgt, den Pflug in den Händen, seinen mächtigen Stieren. Eine Frau, ihr Kind an der Brust tragend, steht auf einem Hügel, hinter ihr Häuser und eine Kirche.
Als im Jahr 1919 der Berliner Künstler Gerhard Marcks von Walter Gropius als sogenannter Formmeister an das Staatliche Bauhaus nach Weimar berufen wurde, gehörte er zu den ersten „Meistern“ am Bauhaus. Hier kamen Suchende zusammen – ohne einheitliche Richtung und vor allem ohne viel Geld. Die Weimarer Tonwerkstatt, in der die Lehre hätte stattfinden sollen, war in den Kriegsjahren fast vollständig abgebaut und zur Unterbringung genutzt worden. Eine Alternative fand man stattdessen in Dornburg, hoch über der Saale gelegen und von Weimar so weit entfernt, dass es Marcks hat sagen lassen: „Vom Bauhaus höre ich hier nur halbverschollene Sagen, und öfter als alle sechs Wochen fahre ich auch nicht hin.“ Diese Abgeschiedenheit kam ihm entgegen, genauso wie die damit einhergehende künstlerische Unabhängigkeit, weshalb diese Drucke so wenig nach Bauhaus aussehen.
Der Ton der Keramiker wurde noch per Hand im Feld gestochen
In Dornburg widmete sich Marcks der Landschaft und dem ländlichen Leben. Ihm missfiel die „ästhetisierte und vom Industriedesign überzivilisierte Welt“, wie sie das Bauhaus später auszeichnete. Es leuchtet ein, dass Marcks den Zeitgenossen Marc Chagall bewunderte. Die Bauern, kauernden Figuren, Tiere, Landschaftsszenen und mitunter mystischen Motive haben nichts mit der völkischen Propaganda zu tun, die ebenfalls in die Kunst dieser Zeit Einzug hielt. Diese Bilder zeugen von einer großen Zartheit, trotz des zuweilen gewollt unbeholfenen und klobigen Eindrucks seiner Figuren. In der Dornburger Bauhaus-Exklave wurde auf eine fundierte handwerkliche Ausbildung gesetzt. Erst wer die Techniken beherrsche, so beweist es auch seine eigene Arbeit, könne künstlerisch frei arbeiten. Zu seinen Schülern gehörten später erfolgreiche Keramiker, wie Marguerite Friedländer oder Otto Lindig. In Dornburg geriet der am Bauhaus entstandene „Mythos Handwerk“ aber auch an seine Grenzen: Die Unterkünfte waren in den Wintermonaten kaum bewohnbar, der Ton wurde noch per Hand im Feld gestochen, das Feuerholz für die Brennöfen musste eigenhändig geschlagen werden.

Als Grafiker war Gerhard Marcks ein Autodidakt, doch wurde der Holzschnitt, neben dem Relief, in den Nachkriegsjahren zu seinem wichtigsten Ausdrucksmittel. Feininger war dabei ein wichtiger Impulsgeber. In seiner Druckwerkstatt in Weimar hatte Marcks begonnen, sich mit der Technik des Holzschnittes auseinanderzusetzen. Innerhalb weniger Jahre trieb er diese Technik zur Perfektion. Alle Drucke sind Handabzüge, und der Umfang der Sammlung zeigt seine ungeheure Produktivität. „Anders als die anderen Bauhäusler“, sagte Marcks rückblickend, habe er es nicht verschmäht, „von den alten Holzschneidern zu lernen“. In dieser Zeit entstanden auch seine „Dornburger Skizzenbücher“, Zeichnungen, die auch als Motivvorbilder für spätere Schnitte dienten.
Dass jetzt eine Auswahl von 29 aus insgesamt 69 Blättern einer Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden konnte, ist alles andere als selbstverständlich. Es fehlt öffentlichen Sammlungen heute schlichtweg das Geld, um ein so bedeutendes Konvolut aus einem Privatbesitz anzukaufen. Dass die Drucke dennoch an den Ort ihrer Entstehung zurückkehren und nun wieder sichtbar werden konnten, ist einer Schenkung des Sammlerehepaars Hildegard und Herbert Wippel (HHW) zu verdanken, die, und das wird in dieser Schau deutlich, ganz im Sinne der Kunst geschah.
Die Möglichkeit, Kunst vor Ort zu zeigen und zu vermitteln
Für die Aufnahme dieser Werke waren die Graphischen Sammlungen der Klassik Stiftung, mit ihrem Sammlungsschwerpunkt zum frühen Bauhaus, geradezu prädestiniert. Diese besitzt nun die zweitgrößte Sammlung an Druckgrafiken des Künstlers aus seiner Bauhaus-Zeit und, mit den bereits dort vorhandenen Beständen, eine der bedeutendsten Marcks-Sammlungen überhaupt. Museumsdirektorin Annette Ludwig betont den Wert solcher Schenkungen an Museen in öffentlicher Hand. Diese hätten die Möglichkeit, die Kunst vor Ort zeigen und zu vermitteln sowie an eine lange Sammlungsgeschichte anzuknüpfen. Neben Marcks’ Holzschnitten gingen in den vergangenen Jahren zwei weitere Schenkungen aus der Sammlung HHW an die Klassik Stiftung Weimar, darunter 18 Grafiken von Lovis Corinth.
In Weimar zeigt sich Marcks’ Widerständigkeit auf überraschend berührende Weise, in der Kunst wie in seinem Wirken als Bauhaus-Meister. Die konzentrierte Präsentation wird klug ergänzt durch Keramiken aus der eigenen Bauhaus-Sammlung.
Gerhard Marcks – Frühe Holzschnitte des Bauhaus-Meisters aus der Sammlung HHW. Bauhaus-Museum Weimar; bis zum 11. Januar 2027. Der Katalog kostet 19 Euro.
