Im Sommer kommt es zu immer neuen Hitzerekorden. Vor allem in den belebten Städten steigen die Temperaturen an. Viel Beton, wenig Grünflächen: Der urbane Raum heizt sich tendenziell auf. Das stellt die Stadtplanung vor Herausforderungen. Nicht nur in Deutschland versuchen Städte, kühlere Orte zu schaffen. F.A.Z.-Korrespondenten berichten aus europäischen Ländern, welche Folgen die Hitzewellen haben und was das für die Immobilienwirtschaft bedeutet.
„Der Klimawandel stellt den Immobilienmarkt auf den Kopf“
Die jüngste Hitzewelle brachte die Eidgenossen an den Anschlag. „Wir Schweizer haben für den Winter gebaut und wurden von Hitzewellen überrascht“, schrieb der Zürcher „Tages-Anzeiger“. Jetzt räche sich, dass Bauherren die Fensterfronten, am liebsten bodentief, jahrzehntelang bevorzugt gen Süden ausgerichtet hätten. „Der Klimawandel stellt den Immobilienmarkt auf den Kopf“, titelte die „NZZ“ mit Blick auf teure Dachgeschosswohnungen, die sich kaum noch verkaufen lassen, zumal es für den bewilligungspflichtigen Einbau von Klimaanlagen in der Schweiz sehr strenge Auflagen gibt.

Nun sollen neue Gebäude im Kanton Zürich parallel zur Windströmung stehen, damit sie in der Nacht keinen Riegel für einströmende Kaltluft bilden. Der Raum rund um neue Gebäude sollte nicht vollständig für Tiefgaragen unterbaut werden, damit auch Bäume mit großen Kronen und tiefen Wurzeln angepflanzt werden können. Bäume spenden Schatten und können die Temperatur der Außenluft um mehr als sieben Grad senken. Flachdächer sollten mit Moosen, Gräsern und Sträuchern begrünt werden.
Während man früher das Wasser aus Angst vor einem Schaden möglichst schnell vom Flachdach herunterbekommen wollte, ist es heute umgekehrt. Spezielle Bodenunterlagen speichern das Regenwasser, das man für die Bewässerung der Dachpflanzen braucht. Auch an den Fassaden können Pflanzen angebracht werden, damit weniger Wärme ins Innere des Gebäudes gerät. Als Vorbild hierfür gilt das mit mehr als 15.000 Kletterpflanzen, Stauden, Sträuchern und kleinen Bäumen garnierte Hochhaus „Aglaya“ in Rotkreuz im Kanton Zug. (rit.)
Zinkdächer heizen die Wohnungen auf wie eine Sauna
Die Gluthitze hat Frankreich aufgeschreckt und eine rege Debatte über Klimaanlagen entfacht. Im mediterranen Süden wie an der Côte d’Azur sind die Geräte weit verbreitet, während Wohnungen im Norden in den seltensten Fällen klimatisiert sind. Das machte an den Hitzetagen besonders den Menschen in Paris zu schaffen. Das Stadtzentrum ist extrem dicht bebaut und hat einen sehr hohen Bestand an Altbauten. Deren Zinkdächer heizen die Wohnungen auf wie eine Sauna. Viele Pariser mit Zweitwohnsitz haben die stickige Metropole daraufhin verlassen. Mitunter wurden gar Hotelzimmer bezogen oder Familien haben im Park genächtigt.

Die Debatte über die richtigen Schlüsse aus dieser historischen Hitzewelle verläuft nicht weniger hitzig. Die Opposition wirft der französischen Regierung vor, Anpassungen an den Klimawandel verschlafen zu haben. Auf rechter Seite will man das Land nun umfassend klimatisieren, auf linker Seite mahnt man, nicht von der notwendigen Dekarbonisierung abzurücken. Noch ist nicht klar, inwieweit die Hitzewelle Anlass ist, die Städte nun umfassend umzurüsten.
Auch die Folgen für den Immobilienmarkt sind noch nicht klar. Schon seit Längerem gibt es Anzeichen dafür, dass der Norden und vor allem Küstenregionen wie die Normandie oder Bretagne durch den Klimawandel stärker gefragt sind. Das führende Immobilienportal Seloger gibt an, derzeit noch keine Daten zu haben, die eine Hinwendung vom Süden in den kühleren Norden belegen. (niza.)
Die Verwaltung lässt mobile Nebelduschen für kühle Brisen auffahren
Auf den Rekordwert von mehr als 40 Grad Celsius ist das Thermometer in der Tschechischen Republik zuletzt geklettert. Das Navigationsgerät im Auto warnt wechselweise mit dem Ausruf von „orangen“ und „roten“ Warnstufen vor Hitzegefahren. Dazu fällt vermutlich hitzebedingt die Temperaturanzeige an der Autobahn aus. Sonst referiert sie Luft- und Fahrbahntemperatur verlässlich. Hauptsache, die Fahrerkabine ist auf angenehme 22 Grad heruntergekühlt.

Manche Innenstadt wird mit Wasser besprenkelt, wie im südböhmischen Budweis (České Budějovice). Dort umkreisen schwere Tankwagen schon Tage vorher in brütender Mittagshitze den zentralen Marktplatz und benetzen das Kopfsteinpflaster mit einem feinen Wassernebel. Doch der Boden ist bald wieder trocken und so heiß wie zuvor. Passanten nutzen lieber die für tschechische Innenstädte typischen Arkaden und Laubengänge, die im Sommer Schatten spenden, im Winter vor Wind und Regen schützen.
Durch Prag fließt zwar malerisch die Moldau. Aber weil die Innenstadt wenig Schatten spendendes Grün im Angebot hat, lässt die Stadtverwaltung mobile Nebelduschen für kühle Brisen auffahren und zeigt eine Karte mit kälteren Rückzugsorten. Ansonsten warnen die Behörden davor, sich während der Hitze im Freien aufzuhalten. Allerdings sind anders als viele Fahrzeuge im öffentlichen Nahverkehr die wenigsten Wohnungen mit Klimaanlagen ausgerüstet.
Nach tagelanger Hitze dienen selbst dicke Mauern nicht mehr als Temperaturbollwerk, sondern als Wärmespeicher. Dann quirlt der Ventilator auch in der tschechischen Hauptstadt nur noch dicke Luft. Klimatisierte Einkaufszentren und Restaurants sind für viele Leute deshalb die Wahl der Qual. Wer Glück hat, zieht sich auf sein klimatisiertes Hotelzimmer zurück – und bewahrt einen kühlen Kopf. (ami.)
Kühle Innenräume sind gratis zugänglich
In Österreich könnte die erste Hitzewelle dieses Sommers zu einer Beschleunigung von Schutzmaßnahmen führen. Die Gebäude des Landes sind wie in vielen anderen Ländern Europas nur zu einem geringen Teil voll klimatisiert. Vizekanzler Andreas Babler (SPÖ) kündigte Erleichterungen beim Einbau von Klimaanlagen in Wohnungen an. Die Hürden für den Klimaanlageneinbau in Miet- und Eigentumswohnungen sind hoch, notwendig ist dafür die Zustimmung von Vermietern und allen anderen Hausparteien. In Wien und anderen großen Städten dominiert Mieten im Wohnraum.

An Klimatisierung fehlt es auch in vielen Infrastruktureinrichtungen. Davon sind auch Schulen betroffen, wo in den zurückliegenden Wochen bei Temperaturen von 30 Grad in den Klassen Lernen kaum möglich war. Die Gewerkschaft verlangt, die Schulgebäude zu modernisieren und vor Hitze zu schützen. Langfristig müsse man im Schulbau reagieren und keine „Glaspaläste“ mehr bauen. Mittelfristig brauche es den Einbau von Lüftungsanlagen, Klimageräten oder Ventilatoren. Nun gibt es eine Debatte um eine Vorverlegung der neun Wochen dauernden Sommerferien, um Kindern und Lehrkräften zumindest einen Teil der Hitzewelle in den Klassen zu ersparen. Diese beginnen Anfang Juli.
In Wien setzt die Kommunalregierung seit Jahren auf Wasser, mehr Schatten und mehr Räume zum Abkühlen. Besonders bewährt hätten sich die „Coolen Zonen“, heißt es. Das sind kühle Innenräume, die gratis zugänglich sind. Vor drei Jahren hat Wien mit zwei Pilot-Standorten begonnen, inzwischen haben 34 dieser Einrichtungen ihre Pforten geöffnet. Verwiesen wurde auch auf die rund 1800 zur Verfügung stehenden Trinkbrunnen. Dazu kommen 75 mobile Brunnen mit Sprühfunktion. Die Wiener Bäder und rund 60 Kilometer frei zugängliche Badestrände wurden ebenfalls genannt. Von 2021 bis 2025 entstanden laut Stadt zudem rund 577.000 Quadratmeter neue oder neu gestaltete Park- und Grünanlagen. 4500 Bäume werden jährlich neu gepflanzt. (ela.)
„Hitzewellen haben sich zum Treiber für Wohnortwechsel entwickelt“
Die dritte Hitzewelle dieses Jahres überrollt gerade Spanien. Neun der zehn heißesten Sommer verzeichnete das südeuropäische Land schon seit der Jahrtausendwende. Die Hitze kommt immer früher und dauert immer länger an. In Spanien ist schon von den ersten Klimaflüchtlingen die Rede. Im katalanischen Küstenort Alcanar verlassen zehn Familien endgültig ihre Häuser, die jahrelang von schweren Überschwemmungen heimgesucht worden waren. Immer mehr Spanier fliehen vor den Hitzewellen und suchen sich eine kühlere Wohnung.

Laut einer Umfrage des Immobilienportals „Fotocasa“ stieg der Anteil derjenigen, die ihren Wohnort gewechselt haben oder dabei sind, das zu tun, um Hitzewellen oder Starkregen zu entfliehen, auf 18 Prozent. Sechs Prozent sind demnach schon umgezogen, zwölf Prozent sind aus diesem Grund auf Wohnungssuche. Bei 36 Prozent der Käufer beeinflussen die Folgen des Klimawandels die Immobilienpläne, heißt es in der Studie. Besser isolierte Gebäude und kühlere Regionen seien zunehmend gefragt. „Der neue Käufer legt nicht nur Wert auf Wohnfläche oder nahe gelegene Annehmlichkeiten, sondern auch auf thermischen Komfort und Klimasicherheit. Extreme Wetterereignisse, besonders andauernde Hitzewellen, haben sich zu einem Treiber für Wohnortwechsel entwickelt“, sagte Studienleiterin María Matos.
Nach den Kanaren nähme in Katalonien, Andalusien und auf den Balearen die Besorgnis über die Auswirkungen von extremen Wetterphänomenen am stärksten zu. Drei spanische Wissenschaftler fanden Hinweise darauf, dass die Hitze die Immobilienpreise in den Gebieten sinken lässt, in denen die Temperaturen am stärksten steigen, während kühlere Gegenden an Attraktivität gewinnen.
Spanien verfügt über einen der ältesten Gebäudebestände in Europa: Achtzig Prozent weisen Mängel bei der Energieeffizienz auf (mit den niedrigsten Stufen E, F und G). Laut einer Untersuchung des Klimaanlagenherstellers Daikin nutzten 60 Prozent der Spanier ihre Klimageräte im Sommer täglich, nicht nur bei Hitzewellen. (hcr.)
115.000 junge Bäume und Sträucher gepflanzt
Rom und Sommerhitze gehören so zusammen wie Carbonara und Speck der Schweinebacke. Doch wenn auf hohem Niveau die Temperaturen noch höher steigen, kann es kritisch werden. Aus der Stadt ins Häuschen am Meer zu flüchten ist schwierig, wenn die Hitzewellen schon im Juni, also vor den Ferien, eintreffen.

Die Stadt Rom hat daher einen Antihitzeplan entwickelt, der freilich teilweise wie ein Tropfen auf dem heißen Stein verdunsten könnte. So gab die Kommune bekannt, fünf mobile Zelte und acht Wohnmobile für Hitzeopfer sowie eine gebührenfreie Hotline einzurichten. 435 Bushaltestellen erhielten eine Überdachung. In 90 Kitas werden für 1,5 Millionen Euro Klimaanlagen installiert. Menschen über 70 Jahre dürfen kostenlos in 18 städtische Schwimmbäder. Die fast 3300 Trinkwasserbrunnen, die bekannten „Nasoni“, die permanent laufen, sollen ebenso helfen wie 64 Wasserhäuser des städtischen Versorgungsunternehmens Acea als kostenlose Wasserspender. Ein Rat lautet auch, sich in einer der gut 900 Kirchen Roms abzukühlen.
Rom hat viele große Parks, doch anderswo regieren Asphalt, Beton und Stein, bekanntlich oft Gebäude alten Baujahrs. In manchen Vierteln können die Temperaturen fünf Grad Celsius höher sein als anderswo. Gute Dachisolierung fehlt häufig. Dass viele Gebäude unter Denkmalschutz stehen, erhöht nicht die städtebauliche Flexibilität. Der dichte Autoverkehr, der nur in wenigen Fußgängerzonen herausgehalten wird, erhöht die Hitze. Enge Gasse spenden zwar Schatten, doch sie behindern auch die Luftzirkulation. Nicht alle Schulen, Kindergärten, Seniorenheime oder Verwaltungsgebäude verfügen über ausreichende Kühlung.
Das Wassermanagement, für das die alten Römer berühmt waren, weist ebenso Mängel auf. Man sieht dies auch am Baumsterben. Schädlinge, der alte Baumbestand und Unwetter sind dafür zwar auch verantwortlich, doch immer wieder fallen hohe Bäume wegen Trockenheit um und gefährden die Menschen. Die seit fünf Jahren amtierende Stadtregierung rühmt sich, mehr als 30.000 ausgewachsene Bäume sowie weitere 115.000 junge Bäume und Sträucher gepflanzt zu haben. Zudem wurden mehrere Uferparks entlang des Tiber eröffnet. Die Stadt hat sich das Ziel gesetzt, insgesamt 100 neue Parks in Rom zu schaffen. Ein ehrgeiziges Ziel, das die Immobilienentwickler nicht erfreut. (chs.)
„Deshalb fühlt sich die Temperatur viel höher an“
Um die Türkei hat die akute Welle trockener Rekordhitze einen Bogen geschlagen. Hier werden die höchsten Temperaturen des Jahres wie immer im Juli und August erwartet. Wer im Sommer in die Türkei reist, sollte sich also nicht über die Hitze beschweren. Wenn aber Ende Juni in Istanbul der „Hitzeindex“ 40 Grad auf dem Thermometer erreicht, ist das selbst türkischen Gazetten eine Meldung wert.

Die Schwierigkeit ist hier nicht die Lufttemperatur, sondern die hohe Luftfeuchtigkeit, eine Folge von starken Regenfällen in der Schwarzmeerregion und Zentralanatolien. Die Verdunstung in Küstenregionen wie dem Marmarameer bei Istanbul kommt hinzu. Deniz Demirhan vom Institut für Klimawissenschaften und Meteorologische Technik der Technischen Universität Istanbul sagt, dass dann die Feuchtigkeit auf der Haut nicht mehr verdunstet. „Deshalb fühlt sich die Temperatur viel höher an“, zitiert ihn die türkische Nachrichtenagentur Anadolu. Er nennt das „gefährliches Wetter“. Die Gefahr wachse durch einen „städtischen Wärmeinseleffekt“.
Die Hunderte von Quadratkilometern großen Beton-, Asphalt- und Gebäudeflächen der Millionenmetropole Istanbul (und nicht nur dort) speichern die Hitze und können nachts kaum abkühlen. „Da es tagsüber zu heiß wird, kann die Stadt nie richtig durchatmen“, sagt Demirhan. Grünflächen seien deshalb besonders wichtig. Doch gerade die hat der Bauboom der vergangenen Jahrzehnte immer mehr zunichtegemacht. Mehr Wohnraum und Erdbebensicherheit waren die vorrangigen Themen, nicht die Widerstandsfähigkeit gegen Klimaveränderungen.
Den Bewohnern wird nun geraten, Schatten zu suchen, Hut zu tragen, leichte Kleidung zu wählen und Getränke mit sich zu führen. Man kann ja nicht den ganzen Tag auf der Fähre das Goldene Horn hinauf- und hinunterfahren und den kühlenden Windhauch genießen. Dass es künftig kaum besser werden wird, zeigt eine neue Studie mehrerer Universitäten, die die Zahl und Intensität der Hitzewellen in den vergangenen hundert Jahren analysiert hat. Deren Ergebnis: Die Zahl der Hitzewellen in Istanbul, Ankara und Izmir in der Westtürkei hat im Laufe des vergangenen Jahrhunderts deutlich zugenommen, während Kälteperioden seltener geworden sind. Die Weltklimakonferenz findet in diesem November im türkischen Urlaubszentrum Antalya statt. Die Durchschnittstemperaturen dürften dann unter 20 Grad Celsius liegen. (ami.)
