Einem Schriftsteller soll ein Kind geboren werden, und im Hinblick auf dieses Ereignis schreibt er ein neues Buch. Er will die Welt so festhalten, wie sie ihm in dem Moment erscheint, für das ungeborene Kind. So einfach liegen die Motive für Karl-Ove Knausgårds Schreiben in seinem Leben herum, er bückt sich eben und hebt sie auf, als ob andere sie liegen gelassen hätten oder ein Gott sie für ihn ausgebreitet hätte. In dem Buch „Im Herbst“ versammelt er in dieser Absicht Texte mit Einwort-Überschriften: Kaugummis, Pisse, Wespen, Tanker, Finger, Fieber, Konservendosen, van Gogh. Wie er eingangs in bedeutungsvollem Ton erklärt, möchte er der ungeborenen Tochter „unsere Welt zeigen, wie sie jetzt ist: die Tür, den Fußboden, den Wasserhahn und die Spüle, den Gartenstuhl an der Mauer unter dem Küchenfenster, die Sonne, das Wasser, die Bäume“. Und während man als Kind das Leben schon als lebenswert empfindet, wenn man eine Tür aufkriegt und die dahinterliegende Welt betreten kann, ist im Gegensatz dazu für den Erwachsenen wichtig, dass er im Schreiben für das Kind für sich schreibt, seine Welt zu fassen kriegt.
Er tut es also, wie er schließlich gesteht, „mir selbst zuliebe“. Der Mensch ist der Sonderfall eines schreibenden Säugetiers, und wenn er sich als Schriftsteller betätigt, wird es für seine Kinder kompliziert, denn er ist gleichzeitig für sie da und nicht und betrachtet sie, die Kinder, als wären sie nur für ihn da. Das ist das Abstoßende an Schriftstellern. An den Texten Knausgårds ist etwas anderes lesenswert. Es lässt einen nicht los, wie es ihm gelingt, an diese Schwelle zwischen dem Säugetier Mensch und den anderen Säugetieren zu gehen, an die Grauzone zwischen Wirklichkeit und Empfindung, den Zusammenhang zwischen Gefühl und Erinnerung. Körperliche Zustände wie ein Fieber entfremden ihn von dem unreflektierten, herrlich unbewussten Gefühl, am Leben zu sein.
Ein frisches Salatblatt kann ein großes Fest sein
Der Körper ohne Fieber bewege sich wie selbstverständlich durch die Welt, umschlossen von ihrer Luft, und „fasst ihre Dinge und Flächen an, und selbst wenn diese so verschieden sein sollten wie der weiche nasse Lappen, den die eine Hand umfasst, und der harte Rand der Badewanne, auf den die andere sich stützt, befinden sich doch beide innerhalb des Spektrums, dem wir offen gegenüberstehen, so dass sie für uns fast völlig in dem nie formulierten, aber konstanten Gefühl verschwinden, dass die Welt eine Verlängerung des Körpers ist“. Die Welt als Verlängerung des Schriftstellerkörpers, in seinem Zugriff, das ist zugleich phantastisch einleuchtend und invasiv auf eine nicht so sympathische Weise.

An anderer Stelle tritt der Autor hinter die Dinge zurück, anstatt sich der Welt aufzudrängen, und dann führen ihn seine mächtigen und immer gelingenden Beschreibungen dazu, wirklich an andere zu denken, an andere Säugetiere. In dem Kapitel über den „Mund“ feiert er das Gefühl, ein Salatblatt auf der Zunge zu schmecken und zu zerbeißen, und fährt dann fort: „Es gibt keinen Grund zu der Annahme, dass andere Mundtypen, wie man sie etwa bei Kaninchen oder Meerschweinchen findet, mit weniger Freude an diesem Fest teilhaben als unsere. Allein die Tatsache, dass alle Tiere Münder haben und ohne diese undenkbar sind – im Gegensatz etwa zu Ohren oder Augen –, führt dazu, dass man Aristoteles recht geben muss, wenn er schreibt, dass alles, was lebt, eine Seele besitzt, und vielleicht hinzufügen sollte, dass alles, was lebt, Freude empfindet oder zumindest Befriedigung darüber, dass etwas gut schmeckt, wenn der Mund geöffnet und etwas von außen eingeführt und gekaut wird, wobei kleine Geschmacksblitze durch den Kopf schießen und das qualvolle Gefühl des Hungers nach und nach erlischt.“
Knausgård ist alles andere als ein Biologe. Das Kauen etwa lassen manche Säugetiere einfach aus. Das Drama, das er in den ganzen Vorgang bringt, ist einerseits faszinierend und andererseits auch hart an der Grenze zum Kitsch, zum gezuckerten Banalen. Dennoch sieht man, wenn man ihn liest, danach die eigenen Kaninchen anders Salat fressen. Die Gemeinsamkeiten von Säugetieren zu bedenken, könnte für einige von ihnen den Unterschied machen. Neben der Fortpflanzung, deren Wunder Knausgård antreiben, sind das die Milchdrüsen zur Ernährung der Nachkommen, das Fell aus echten Haaren, das unter anderem der Geschlechtsunterscheidung dient und gewährleisten soll, dass die Körper von allen Säugetieren gleich warm sind, also temperaturunabhängig von ihrer jeweiligen Umgebung.
Dem Interesse für Säugetiere ging das für die Ornithologie voraus
Daran, wie kurz die Geschichte der Erforschung wilder Säugetiere erst ist und in welchem Umfang sie sich in diesem kurzen Zeitraum in ihren Forschungsansätzen und wissenschaftlichen Methoden verändert hat, erinnerte jetzt die vor hundert Jahren gegründete „Deutsche Gesellschaft für Säugetierkunde“, die aus Anlass des Jubiläums zu der Tagung „Von der Feldbeobachtung zur Genomanalyse“ eingeladen hatte. An ihrem Gründungsort, dem Museum für Naturkunde Berlin, und gemeinsam mit dem Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung Berlin veranstaltet, kamen hier Experten aus zwanzig Nationen zu einem mehrtägigen Austausch zusammen. Standen 1926 noch Beobachtung und Beschreibung im Vordergrund, so sind heute neben der Verhaltensforschung auch technologisch basierte Verfahren wie die Genomanalyse Bereiche der Forschung.
Die genetische Analyse von Dinosaurierknochen kann zu einem besseren Verständnis der Situation heute bedrohter Arten führen und hoffentlich zum Abwenden ihres Aussterbens. Dem Interesse für Säugetiere ging historisch das für die Ornithologie voraus. Anfangs kamen Wissenseinträge von wenigen Naturforschern, von Jägern, Förstern und den frühen Zoos. Zum Symboltier der Gesellschaft wurde das Okapi, wie ihr Mitglied, die Biologin Elisabeth Hempel, erklärt, weil es zwar kaum erforscht, aber sehr beliebt war: „Das Okapi vereint äußerliche Merkmale, die an Giraffe, Zebra und Hirschkuh erinnern. Bereits 1928 wurden im Berliner Zoo mehrere Exemplare gehalten.“ Wildtiere aus neotropischen Regionen wurden gefangen, um sie zu studieren und auszustellen, umgekehrt brachte die Kolonialisierung invasive Arten bis nach Brasilien, Argentinien oder Uruguay. Seit 500 Jahren betriebene Viehhaltung, Ackerbau und Waldbau erzeugen in dieser Ökoregion vergleichbare ökologische Probleme für ihre fünfzehn Karnivoren-Arten wie bei uns. Knausgårds Kaninchen mit der aristotelischen Seele müssen wir global suchen und mit Salat füttern.
