
Mehr als 300 Millionen Abonnenten nutzen die Software von SAP in der Cloud. In Amerika setzen neun der zehn größten börsennotierten Unternehmen auf die Dienste des deutschen Konzerns, im Dax ist gar keines bekannt, das darauf verzichtet. Schon wegen dieser Größenordnungen ist die jährliche „Kundenmesse“ von SAP mehr als eine interne Veranstaltung. Was der Konzern plant, ist für Hunderttausende Unternehmen relevant.
Dieses Jahr wird das Treffen im amerikanischen Orlando schon deshalb besonders beobachtet, weil die KI-Welle die Wirtschaft überrollt. Und noch ist nicht klar, welche Rolle für klassische Softwarehersteller wie SAP bleibt und mit welcher Technik Unternehmen künftig gesteuert werden. Unter dem Slogan „KI frisst Software“ ist darüber eine hitzige Debatte entbrannt. Die KI, das ist die These, wird die alten Programme ersetzen, Softwarehersteller zu Datenlieferanten degradieren. Doch SAP dreht den Spieß jetzt um. Nach seinem Willen sollen die KI-Hersteller zu Werkzeug-Lieferanten werden, im Zweifel leicht austauschbar. Der Konzern will den einzigartigen Datenpool und das Wissen um die Prozesse unter Kontrolle halten. Wer davon profitiert, soll zahlen.
Vision vom autonomen Unternehmen
Zum Start der Kundenmesse machte der Vorstand jedenfalls klar, dass er auf Gegenangriff setzt. Von Klein-Beigeben keine Spur. Das will der Konzern mit einer Fülle von Neuerungen schaffen, die im Kern zwei Richtungen vorgeben: Zum einen stellt SAP seinen Kunden und Beratern eine einheitliche Plattform bereit, auf der sie mehr Möglichkeiten bekommen, KI für eigene Geschäftsprozesse zu bauen. KI-Assistenten etwa sollen so mehrere KI-Agenten auf einmal steuern können. All das, wie der Konzern wirbt, in einer rechtssicheren Umgebung, mit verlässlichen Daten, maßgeschneidert und branchenspezifisch. Am Ende, so die Vision, steht das autonome Unternehmen.
Das ist aber nur ein Teil der Attacke. Denn um den neuen SAP-Kosmos zu schützen, schränkt der Konzern zugleich die Zugriffsmöglichkeiten für KI von außen stark ein. Künftig erlaubt er nur noch Schnittstellen – sogenannte APIs –, die er selbst veröffentlicht oder zumindest dokumentiert hat. SAP begründet den Schritt mit der stark steigenden Zahl von Zugriffen externer KI-Anwendungen und damit wachsenden Risiken für die Stabilität und Sicherheit von Systemen. De facto schiebt der Konzern „fremder KI“ einen Riegel vor. Sollte es gelingen, wird SAP künftig an KI-Agenten und KI-Assistenten, die auf seiner Plattform entwickelt werden, mitverdienen, externe KI-Anbieter wären deutlich eingeschränkt.
„Neue SAP“
Damit entstehe nicht weniger als eine neue SAP, sagte Vorstandsmitglied Sebastian Steinhäuser vor dem Messestart. SAP besitzt nach seinen Worten das Wissen über 120 geschäftskritische Prozesse, das nötige Datenverständnis, zudem könne der Konzern Zugriffsrechte und Sicherheit garantieren. Das mache SAP einzigartig. Ohne dieses Wissen sei KI für Unternehmen „nicht mehr als ein Spielzeug“.
Als zentrale Plattform für KI-Anwendungen führt der Konzern „SAP Business AI“ ein. Auf dieser verschmelzen nach Angaben des Unternehmens unter anderem die bisherige Entwicklerplattform BTP und die Datencloud. Der Vorstandsvorsitzende Christian Klein sagte, damit verankere der Konzern KI-Agenten so in die Prozesse, dass sie präzise, regelkonforme und sichere Ergebnisse liefern könnten. Unternehmen könnten damit Umsatzpotentiale erschließen und Kosten senken.
Damit der Befreiungsschlag gelingt, weicht SAP auch das alte Mantra auf, KI nur für Cloud-Kunden zu entwickeln. Noch immer tun sich viele Kunden, vor allem Mittelständler, schwer mit dem Umzug ihrer IT samt Daten in die Cloud. SAP hat deshalb eigene Transformationsprogramme aufgelegt, um der zögernden Kundschaft den Umstieg schmackhaft zu machen. Zugleich drohte SAP, sie künftig von KI-Entwicklungen abzuschneiden.
Jetzt geht der Konzern wieder einen Schritt zurück: Die neue Plattform will er auch solchen Kunden zur Verfügung stellen, die ihre Daten zwar noch auf eigenen Servern verwalten, aber bereits vertraglich zugesichert haben, zumindest Teile davon in die Cloud zu verlagern. Zudem stellt der Konzern nach den Worten von Steinhäuser freien Entwicklern und Beratern 100 Millionen Euro für die Entwicklung von KI-Helfern auf der neuen Plattform zur Verfügung.
Etliche Details allerdings sind offen. Die einflussreiche deutschsprachige Nutzergemeinschaft DSAG befürchtet, dass die neue Schnittstellenpolitik Planungssicherheit und Innovationskraft der Kunden gefährden könne. Die Vertragsdetails dazu seien jedenfalls nicht eindeutig, es bestehe Klärungsbedarf, hieß es in einer ersten Stellungnahme. In einer Zeit zunehmender heterogener Architekturen und intensiver KI-Experimente seien Apps schließlich ein zentraler Innovationsfaktor.
Zudem müssten neue Preismodelle und Nutzungsregeln transparent und frühzeitig kommuniziert werden. Denn auch das ändert die KI: die Frage, wie die Kunden künftig für die Softwareleistung bezahlen. Bisher hat SAP die Zahl der Nutzer zugrunde gelegt. Eine Sorge an der Börse ist, dass die Zahl der Nutzer und damit der Umsatz im KI-Zeitalter stark zurückgeht, weil weniger Nutzer dank der KI viel mehr erreichen können.
SAP und andere Softwareunternehmen haben deshalb angekündigt, die Bezahlung künftig noch mehr am Nutzen und nicht mehr an der Nutzerzahl zu orientieren. Weitere Details dazu will der Konzern in den nächsten Wochen veröffentlichen. Die Entwicklungsumgebung bleibe aber kostenfrei. Die Ansage ist klar: Wer KI für SAP entwickelt, muss das künftig in einer von SAP kontrollierten Umgebung tun. Der Konzern will die Kontrolle zurück.
