
Es gibt Bands, die vor allem wegen ihres Sängers Sensation machten, bei ihrem Debüt aber noch mit einem anderen auskommen mussten: Bei Jefferson Airplane stieg Grace Slick zur zweiten Platte „Surrealistic Pillow“ (1967) ein, bei Fairport Convention dito Sandy Denny für „What We Did On Our Holidays“ (1968) – und alles war mit einem Mal anders, gültiger. Ein krasser Fall waren Blood, Sweat & Tears. Sie wurden von David Clayton-Thomas in eine andere Umlaufbahn katapultiert.
Diese in ihrer Zeit maßgebliche, für Qualität und für Kommerzialität bürgende amerikanische Jazzrockgruppe wurde 1967 von dem Tausendsassa Al Kooper gegründet, der für Bob Dylans „Highway 61 Revisited“ (1965) in die Tasten gegriffen hatte und bei Blues Project dabeigewesen war. Von ihr brachte er die Mischung aus strikt weißem Greenwich-Village-Folk, Jazz, Pop und Rhythm&Blues sowie die Neigung zum freien Improvisieren mit. Das in erlesenster Oktett-Besetzung eingespielte BS&T-Debüt „Child Is Father To The Man“ wurde vom „Rolling Stone“-Chef als „die beste Sache, die der Rockmusik 1968 widerfahren ist“, gepriesen, wirkte aber in seinem Changieren zwischen Blues und Jazzpop noch ein wenig unausgegoren, war nachlässig produziert und von Al Kooper auch nicht sonderlich aufregend gesungen.
Ein Stahlwerksarbeiter mit Nehmerqualitäten
Dann kam David Clayton-Thomas. 1941 in London als Sohn eines kanadischen Soldaten und einer englischen Sängerin geboren, hatte er sich in Ontario Gitarre und Klavier angeeignet, zwei örtliche Beatcombos geleitet und als Stahlwerksarbeiter jene kraftpakethaften Nehmerqualitäten ausgeprägt, die er auf dem zweiten, titellosen BS&T-Album (1969) unter Hochdruck aussang. Die mit drei Grammys ausgezeichnete Platte wurde, auch dank Clayton-Thomas’ Eigenkomposition „Spinning Wheel“, sofort Radiofutter und hatte mit Laura Nyros „When I Die“ und dem Motown-Song „You’ve Made Me So Very Happy“ weitere Hitparadenerfolge.
Hier und in dem furios durchgehechelten „More and More“ demonstrierte David Clayton-Thomas seine außerordentlich kraftvolle, sicher in die Höhen vordringende Phrasierung. Sein Bariton war das ideale Organ, um das popmusikgeschichtlich unerhörte Gebräu aus herkömmlicher Rockinstrumentierung, breiter Bläserbesetzung und genuin klassischen Kompositionselementen (Prokofjew, Bartók und Satie) zum Kochen zu bringen; er war zu jener Zeit wahrscheinlich der beste Jazzrock-Sänger überhaupt.
Allerdings legte Clayton-Thomas schon in dieser kurzen Glanzzeit, spätestens zum Abschluss der eigentlich zählenden, mit wechselnder Besetzung eingespielten Tetralogie mit „BS&T 3“ und „BS&T 4“ auch einen gewissen Hang zum stimmlichen Selbstgenuss, zur Virtuosität als Selbstzweck an den Tag, der manche Intonation unangenehm knödelig erscheinen ließ. Dazu ließ sich die Band gelegentlich zum Überarrangieren des Materials, zu dem Clayton-Thomas verlässlich beisteuerte („Lucrezia MacEvil“, „Go Down Gamblin’“), verleiten, so dass die Musik bei aller Vitalität manchmal klang wie in Künstlichkeit erstarrt.
Sträflich unterschätzte Soloplatten
David Clayton-Thomas stieg danach aus, nahm seine schon vor BS&T begonnene Solotätigkeit wieder auf und veröffentlichte auf dem Band-Label Columbia und dann auf RCA mehrere vorzügliche, sträflich unterschätzte Alben, welche statt der einst erfolglos praktizierten Rhythm&Blues-Orientierung nun auf Soul und Funk setzten und einige Meisterwerke aus eigener Feder enthielten, wie zum Beispiel „Yesterday’s Music“.
Bei seiner Rückkehr zu BS&T hatte er den Platten- und Plakatvermerk „featuring David Clayton-Thomas“ durchgesetzt, sicheres Indiz für einen dieser Ego-Trips, von denen auch er nicht lassen konnte. Bis ins Alter brachte er Platten heraus, siedelnd auf dem angestammten Terrain von Blues und Soul, teilweise mit politischen Ober- und Untertönen und, ganz und gar erstaunlich, mit kaum hörbar nachlassender stimmlicher Kraft. Nun ist David Clayton-Thomas im Alter von 84 Jahren in Toronto gestorben.
