
Die Folgen der Angriffe mächtiger Schwärme ukrainischer Drohnen, die Zerstörungen im gesamten europäischen Teil Russlands verursachten und, so die jüngsten Meldungen, nach Sankt Petersburg auch in Moskau einschlugen, konnte jeder hören und sehen. Sollte sich jedoch irgendjemand der Illusion hingeben, die Explosionen und gigantischen Brände in einer Ölraffinerie im Moskauer Stadtteil Kapotnja, der vom Qualm verdunkelte Himmel oder der schwarze Ölregen könnten in irgendeiner Weise bei Putin Wirkung zeigen und ihn dazu bewegen, sich auf Kompromisse einzulassen und den Krieg zu beenden, dann liegt er damit vollkommen daneben.
Warum ist das so? Ganz einfach: Schaut man in Putins Kopf hinein, dann wird klar, dass ihn diese Zuspitzung der militärischen Lage konzentrierter, entschlossener und kompromissloser, kurz gesagt, noch mehr zu Putin gemacht hat. Er hat eine historische Mission, in gewisser Weise ähnlich der von Trump: MRGA (Make Russia Great Again). Für diese Mission ist er zu allem bereit. Und ein Großteil der Bevölkerung hilft ihm dabei.
Augenzeugen haben beobachtet, dass Autofahrer auf der Moskauer Ringautobahn den Feuersbrünsten im nahe gelegenen Kapotnja fast keine Beachtung schenkten, es gab keinerlei Panik, keine heulenden Sirenen und auch keine Luftschutzräume, die für die Moskauer von den Behörden geöffnet worden wären. Es ist klar, warum: Putin hat keine Angst vor dem Tod russischer Bürger, der Tod eines Russen ist dem Machthaber gleichgültig. Das Staatsfernsehen erwähnte erst gar nicht die bedrohlichen Anzeichen des Krieges, der Moskau erreicht hat. Die Pro-Kreml-Propagandisten möchten jeden, der die ukrainischen Drohnen im Anflug auf Video festhält, als Vaterlandsverräter brandmarken, und jeden, der in diesen Tagen mit dem Gedanken spielt, Moskau zu verlassen, als „nicht russisch“ abstempeln.
Auch Maria Sacharowa, die bekannte Chefin der Informations- und Presseabteilung des russischen Außenministeriums, blieb dem entschlossenen Präsidenten nichts schuldig. In ihrer Rhetorik gegen Selenskyj übertraf sie sich selbst: Sie nennt ihn ganz offiziell „die Visage“, die sich auf dem jüngsten G-7-Gipfel vor jede Kamera gedrängt habe – derlei Ausdrücke finden sich bereits im Vokabular aus Putins Rabaukenphase als Halbwüchsiger in den dunklen Leningrader Hinterhöfen. Mit einer solchen Rhetorik geht man nicht in Friedensverhandlungen.
Der Westen beschuldigt ihn sämtlicher Todsünden
Seinerseits beschuldigt praktisch der gesamte Westen unisono Putin mehr oder weniger unverblümt sämtlicher Todsünden. Europa sieht sich außerstande, mit ihm Verhandlungen über ein Ende des Krieges zu führen, in erster Linie aus moralischen Überlegungen, ungeachtet dessen, dass diese fehlende Bereitschaft Tausende weiterer „militärischer“ und „ziviler“ Todesopfer in Russland und der Ukraine bedeutet. Man müsste sich wohl mit den Fingern die Nase zuhalten, um den politischen Gestank des Gesprächspartners nicht wahrzunehmen, und mit Verhandlungen beginnen, denn Menschenleben stehen über allem. Doch Europa, das sich durch großes diplomatisches Geschick auszeichnet, ist machtlos in seiner moralischen Überlegenheit.
Trump dagegen hat die Chance erkannt, wie man mit Russland Verhandlungen aufnehmen kann, doch die Ergebnisse sind bis jetzt gleich null. Ungeachtet dessen, dass sowohl der russische als auch der amerikanische Präsident Stärke schätzen und beide bereit sind, ein „Spiel ohne Regeln“ zu spielen – Hauptsache siegen –, hält Amerika insgeheim ebenfalls Putin für den Schuldigen am Krieg. Allerdings nimmt Trumps Amerika eine Zwischenposition ein. Zur Schuld Russlands gesellt sich auch die „Verantwortung“ Europas und des vorherigen Präsidenten der USA, Joe Biden – dafür, dass es nicht gelungen ist, auf dem Wege von Verhandlungen, Kompromissen und Konzessionen Putin daran zu hindern, diesen Krieg zu beginnen, allein um den Frieden zu bewahren und eine Million Kriegsopfer im geographischen Zentrum Europas zu vermeiden.
Ob der Westen sich an Chamberlains Fiasko erinnert hat, der Nazideutschland nicht stoppen konnte, oder ob er wirklich nicht geglaubt hat, dass Putin sich tatsächlich zum Krieg entschließen würde? Ach, Westen, Westen, wie viel Naivität, politische Kurzsichtigkeit und Feigheit doch in deinem Kopf stecken! Man denkt zwangsläufig an George W. Bushs Worte über die ehrlichen Augen des russischen Präsidenten und an all jene, die die aggressiven, merkwürdigen Worte und Taten von Jelzins politischem Nachfolger faktisch von Beginn seiner Regentschaft an kleinreden wollten.
Und gegenwärtig findet sich in Putins Kopf nicht die geringste Spur von Schuldbewusstsein für diesen Krieg. Er sieht sich selbst hinsichtlich der derzeitigen Einschätzungen des Westens als „schuldlos Schuldigen“. Die historische Mission in Putins Kopf, die sich aus seinem Wertesystem zusammensetzt, ist dem europäischen Weltbild nahezu diametral entgegengesetzt. Und diese Kluft führte zum Krieg.
Der von Gott Gesalbte auf dem Präsidentenposten
Putins Weltmodell hat vor allem damit zu tun, dass er sich heute für einen von Gott Gesalbten auf dem Präsidentenposten hält. In seinem Kopf ist er absolut ohne Sünde, geradezu wie der Papst in Rom. Regierende, Politologen, Journalisten im Westen analysieren Putins Kopf nicht, denn sie haben weder die Geduld noch Respekt vor ihm. Sie analysieren ihre tiefe Abneigung gegenüber seiner Aggressivität. Aber ohne eine Vorstellung davon zu haben, was in Putins Kopf vorgeht, gibt es keinen Weg zum Frieden und wird es nicht geben.
Putins Kopf – das ist eine hybride, aber zugleich klare Konstruktion. Seine prinzipiellen Handlungen haben eine persönliche Grundlage, die mit seinem Wunsch verbunden ist, bis zum letzten Atemzug an der Macht zu bleiben. Der Wille zur Macht, das Genießen seiner hohen Position, wo wirklich alles drin ist, von Palästen mit vergoldetem Stuck bis dahin, dass er mit Trump auf Augenhöhe reden und ihm zum 80. freundschaftlich per Du gratulieren kann – das ist weit mehr als ein Sechser im Lotto für einen, der eine Zeit lang, nachdem er seinen Job beim Petersburger Bürgermeister Sobtschak verloren hatte, mit seinem Privatwagen schwarz Taxi fuhr, um über die Runden zu kommen.
So eine schwindelerregende Karriere hat es in Russland für niemanden gegeben, außer für Stalin. Das Wichtigste bei Putin ist nicht einmal sein Mordsglück im Leben, sondern sein erstaunliches Gespür für Taktik. In 25 Jahren ist er faktisch zum Zaren geworden, hat sich alles und jeden untertan gemacht, die Opposition zerschlagen, die Oligarchen ausgetrickst, den Westen irregeführt (zum Beispiel Angela Merkel).
Er handelt nach dem Prinzip: Wer in der Kreml-Elite Putin mehr benutzt als ihm nützt, hält sich nicht lange, egal wer, und sei es ein hoher General. Eine Verschwörung innerhalb der Regierung gegen ihn? Völlig unmöglich, er hat alles unter Kontrolle. Das Einzige, was er jetzt dringendst braucht, ist der Sieg über die Ukraine. Übrigens, die Ukraine zu besiegen, ist nicht besonders schwierig, würde man gezielt taktische Atomwaffen anwenden, was in Putin vernarrte Kriegsblogger ihm auch vorschlagen. Doch es ist zu dumm! Der frischgebackene Jubilar Trump hat mit seiner besonnenen Haltung gegenüber seinem russischen Amtskollegen diesem paradoxerweise die Hände gebunden; er erlaubt ihm nicht, eine Atombombe einzusetzen, und Putin wird seinem amerikanischen Freund brav gehorchen. Außerdem ist ja auch der Vorsitzende Xi gegen einen Atomkrieg.
Was tun? In Sachen Sieg führt der Kreml-Herrscher den einzig wichtigen Dialog mit sich selbst. Gibt es keinen Sieg, erwartet ihn das postume Schicksal des Imperators Nikolai I., der Mitte des 19. Jahrhunderts den Krimkrieg verlor und unter den vielen Opfern der russischen Geschichte landete – Russland mag keine Niederlagen. Unser heutiger Zar ist vielleicht ein ausgezeichneter Taktiker, aber als Stratege bei Weitem schlechter. Nachdem er, aus seiner Perspektive betrachtet, taktisch alles richtig gemacht hat, um die Krim zu erobern, war der Krieg in der Ukraine strategisch nicht sehr präzise durchdacht. Deshalb dauert der Krieg nun schon das fünfte Jahr an. Spricht man aber von seiner starken Seite, dann schauen Sie nur, wie er eine klare Perspektive von Leben und Tod für jeden aus der großen Masse herausragenden Russen aufzuzeigen vermochte, wie nah er der kanonischen russischen Seele des russischen Träumervolks kam, das nicht daran dachte, sich in eine politisch organisierte Nation zu verwandeln.
Auf ewig ein Großmachtstatus
Putins historische Mission besteht darin, Russland, das bis heute permanent vom Westen beleidigt wird, auf ewig den Status einer Großmacht zu verschaffen. Unter Gorbatschow, sogar unter Jelzin habe das Land, ungeachtet der zur Schau getragenen Freundschaft des Westens mit beiden, Gebiete verloren, die ihm rechtmäßig gehörten, inklusive der Ukraine – dessen ist sich Putin sicher. Der Westen habe ihm die Ukraine wie eine untreue Ehefrau gestohlen. Putin erwartet ihre Bestrafung und Rückkehr.
Putin ist ganz allein zu dem Schluss gekommen, dass seine Vision von Russland die einzig wahre ist. Russland sei nicht geschaffen für eine Demokratie westlichen Zuschnitts. Es habe nicht das geringste Bedürfnis und keinerlei mentale Grundlage, um Europa nachzuahmen. Es könne einige Eigenschaften Europas übernehmen, nicht aber ihm hinterherlaufen. Ein Fenster nach Europa müsse man vielleicht öffnen, wie Puschkin es vorschlug, aber niemals eine Tür. Wenn man in Russland den Weg demokratischer Reformen geht, würde das Land auseinanderbrechen. Vielleicht könnte irgendein politisches Genie à la Peter der Große Russland auf einen anderen Weg führen, aber ein neuer Peter ist nicht in Sicht, und Putin selbst ist kein Peter und will es auch nicht sein. Nicht umsonst sagte er seinen berühmtesten Satz, dass der Zerfall der Sowjetunion die größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts gewesen sei.
Hier ist auch die Ursache für den Krieg gegen all jene zu suchen, die diese Katastrophe unterstützt haben oder deren Nutznießer waren. Dass Russland ein unglückseliges Land von Sklaven war, die Sowjetunion manchen Völkern den Holodomor brachte, anderen die Zwangsumsiedlung aus dem Kaukasus, Millionen Menschen politische Repressionen, Hunderttausenden das Todesurteil – all das sind für Putin Kleinigkeiten. Er meint nicht, dass der Mensch wichtiger sein solle als der Staat. In Russland ist nur ein Mensch wichtiger als der Staat, nämlich er selbst, und dies nur, weil er weiß, was mit diesem Staat zu tun ist.
Was aber den Krieg und Friedensverhandlungen betrifft: nur zu seinen Bedingungen. Nur wenn man ihm Respekt zollt und sich seine Weltsicht klarmacht, können Verhandlungen möglich werden. Doch diese Bedingung ist für den Westen unannehmbar. Also geht der Krieg weiter. So lange, bis der Westen (auch Amerika) den russischen Donbass anerkennt. Und was soll der Westen tun? Letzten Endes wird er die Kröte schlucken und sich darauf einlassen.
Eine orthodox-monarchistische Sowjetunion
Und was kommt nach Putin?, denkt Putin. „Wer kommt nach mir? Unsere Feinde sagen, in Russland kommt jemand, der noch schlimmer ist als ich. Das denke ich nicht. Für unsere Feinde gibt es niemanden, der schlimmer wäre als ich. Es wird bedauerlicherweise für Russland und zur Freude unserer Feinde jemanden geben, der besser ist als ich. Ich bin kein Dummkopf. In Russland wird ein Tauwetter einsetzen, was sonst? Aber einen neuen Nawalnyj wird es nicht geben – der war bloß ein Rülpser der russischen Anarchie. Und irgendein starker Macher wie etwa der Moskauer Bürgermeister wird über Tauwetter nachdenken, aber wenn er dies einleitet oder, genauer gesagt, wenn es von allein einsetzt, dann wird er ganz schnell davon enttäuscht sein, zunächst still für sich, dann laut, und er wird meinen Weg gehen und damit richtig liegen.
Und was jetzt? Noch einmal: Jetzt brauche ich den Sieg, nichts weiter. Dann wird die russische Geschichte auf meiner Seite sein. Halt, Moment mal, und was ist mit unserem Angriff auf dieses Heiligtum, das Kiewer Höhlenkloster? Mit dem Brand in der Ruhestätte unserer ersten Fürsten? Egal. Es heißt, das habe Trump nicht gefallen, und er sei deswegen sogar bereit, den Positionen der Ukraine und Europas Beachtung zu schenken. Macht nichts! Dafür verstehen und rechtfertigen mich die verblichenen Fürsten aus dem Jenseits“, denkt Putin in seinem Kopf. „Und das heutige Russland wird letzten Endes eine orthodox-monarchistische Sowjetunion werden. Mein Wille geschehe!“
Aus dem Russischen übersetzt von Beate Rausch.
