
Ende Juli war auf der Autobahn Poltawa-Charkiw Schluss. Nach einem russischen Drohnenangriff war die letzte noch funktionierende Tankstelle auf der 140 Kilometer langen Strecke zerstört. Die Behörden appellierten deshalb an Autofahrer, bei Fahrten auf dieser Route gefüllte Reservekanister mitzunehmen. Seit Monaten schon gehen immer mehr ukrainische Tankstellen im Osten des Landes durch russische Angriffe in Flammen auf. Laut „Naftorynok“, dem ukrainischen Nachrichtenportal für die Öl- und Gasbranche, wurden allein bis Anfang Juli auf diese Weise mehr als 200 Tankstellen in der Region zerstört.
Habe Russland in der Zeit davor zwei bis drei Tankstellen in der Woche angegriffen, ist die Zahl laut Naftorynok seit April erheblich gestiegen. Seit Anfang Juli würden bis zu 20 Angriffe auf Tankstellen je Woche gemeldet. Waren zuvor vor allem frontnahe Gebiete betroffen, hätten sich die Angriffe in den vergangenen Wochen auch auf die Oblaste in der Zentral- und Südukraine wie Poltawa, Odessa, Dnipropetrowsk und Kiew ausgeweitet. „Diese Tankstellen wurden privat errichtet und sind ausschließlich für die Zivilbevölkerung da“, sagte Chefredakteur Olexandr Sirenko.
Die Betreiber improvisieren
Auf prorussischen Telegram-Kanälen werden die Angriffe als Teil einer „Strategie“ gefeiert, die in der Ukraine Panik provozieren und auch Rache sein soll für die durch ukrainische Angriffe auf russische Raffinerien verursachte Treibstoffknappheit. Seit Monaten gibt es in Russland an Tankstellen lange Schlangen, zudem reduzierten die Behörden den Verkauf an Privatleute oder verboten ihn, wie auf der besetzten Krim, komplett. Der ukrainische Militärgeheimdienst warnte bereits davor, dass Russland verstärkt die Verkehrsinfrastruktur in der Ostukraine angreife.
Die ukrainischen Tankstellenbetreiber versuchen, den Betrieb durch Improvisation aufrechtzuerhalten. „Zunächst mal machen wir diese Tankstellen wieder betriebsfähig“, teilte der mit bisher 18 zerstörten Einrichtungen am zweitstärksten betroffene Betreiber WOG dem Portal „Ukrainska Prawda“ mit. „Unser Hauptfokus ist, dass die Tankstelle unter allen Bedingungen funktioniert, falls auch nur die geringste Möglichkeit dazu besteht.“
Mobile Zapfsäulen als Lösung
Einen Treibstoffmangel wie nach dem russischen Überfall 2022 werde es laut WOG jedoch nicht geben. Aus der Krise damals hätten die Unternehmen gelernt, Beschaffung und Logistik seien so diversifiziert wie möglich. „Treibstoff horten wir nicht an einem Ort, sondern lagern dezentral, was das System widerstandsfähiger gegen Angriffe macht.“
Für Mitarbeiter und Kunden aber sind Tankstellen zu Hochrisiko-Orten geworden. Zwar seien die meisten Einrichtungen mit Sandsäcken umstellt, was vor allem vor Splittern schütze, sagt Olexandr Sirenko. Bis zu 40.000 Euro koste das je Tankstelle. Auch habe das Personal strikte Anweisung, bei Alarm in Unterstände oder auf freies Feld zu laufen. Doch kamen erst am Montag durch einen Angriff auf eine Tankstelle im Gebiet Dnipropetrowsk drei Menschen ums Leben, unter ihnen ein acht Jahre alter Junge.
Drohnenjagd auf Feldarbeiter
Für den Fall, dass Russland die Angriffe fortsetzt, gebe es bereits Überlegungen, noch vor dem Winter auf mobile Tankstellen, also Lastwagen mit Zapfvorrichtung, umzusteigen, berichtet Sirenko. Bisher ist das jedoch verboten, weshalb er an die Behörden appelliert, „diese für die Zivilbevölkerung und die Erhaltung der Infrastruktur der Gebiete notwendige“ Veränderung schnell zu legalisieren.
Darüber hinaus nimmt Russland in jüngster Zeit verstärkt die ukrainische Landwirtschaft und deren Logistik vor allem in Häfen ins Visier. Moskau greift dabei mit Drohnen und Raketen meist von der nahe gelegenen Krim aus an, was kaum Zeit lässt, in Schutzbunker zu fliehen. Allein im Juli sind 26 Hafenarbeiter und Seeleute ums Leben gekommen. Auch mit diesen Angriffen rächt sich Russland mutmaßlich an der Ukraine, die zuvor fast 200 Frachtschiffe der russischen Schattenflotte zerstört oder beschädigt hatte.
Zwischen dem 20. Juni und dem 20. Juli seien 28 zivile Schiffe vor der Küste Odessas angegriffen worden, berichtet das Nachrichtenportal RBC Ukraine. Seit am 19. Juli der türkische Getreidetransporter „Golden Leo“ von russischen Marschflugkörpern getroffen wurde und zehn Seeleute ums Leben kamen, gebe es praktisch keinen Schiffsverkehr mehr in und aus ukrainischen Häfen. Die dänische Reederei Maersk etwa be- und entlade ihre Schiffe seitdem in der nahe gelegenen rumänischen Stadt Konstanza. Das jedoch verteure und reduziere für ukrainische Landwirte den Export.
Bereits im Mai und Juni seien Getreideexporte um ein Viertel zurückgegangen, warnte der ukrainische Agrarminister Taras Wysozkyj im britischen Magazin „The Economist“. Landwirtschaftliche Produkte machen etwa 60 Prozent der ukrainischen Exporte aus. Wysozkyj betonte, dass die Ukraine keine Einschränkungen für den Hafenbetrieb gemacht habe. „Das ist eine Entscheidung der Schiffseigner.“ Die jedoch bekämen praktisch keine Versicherung mehr und wollen zudem nicht das Leben ihrer Mannschaften riskieren. Das weiß auch Russland.
Minister Wysozkyj berichtet zudem von einer weiteren beunruhigenden Statistik: der Zahl der durch russische Drohnen getöteten Landwirte. Die Angreifer setzten Drohnen mit First-Person-View-Funktion ein und jagten ähnlich wie in der südukrainischen Stadt Cherson gezielt Menschen bei der Feldarbeit, so Wysozkyi. Jede Woche kämen so bis zu fünf Bauern ums Leben. Auch seien in diesem Jahr bereits 820 Landmaschinen zerstört worden.
Russlands Angriffe im ukrainischen Hinterland sind Militärexperten zufolge sowohl eine Reaktion auf die festgefahrene Lage an der Front und ukrainische Angriffe im russischen Hinterland als auch eine bewusste Strategie, der Ukraine wirtschaftlich zu schaden sowie Angst und Schrecken unter der Zivilbevölkerung zu verbreiten. Russische Militärblogger fordern indes, weiter zu eskalieren. So solle Russland die Brücken über den Dnipro zerstören, um der Ukraine den Nachschub für die Front zu erschweren. Der Ukraine selbst war es zuletzt gelungen, wichtige Verkehrsverbindungen von und zur russisch besetzten Halbinsel Krim zu beschädigen, über die der Nachschub für die russische Armee im Süden der Ukraine läuft.
