Die berühmteste unbekannte Stadt der Vereinigten Staaten von Amerika heißt Springfield. In den USA gibt es insgesamt 93 verschiedene Orte dieses Namens, und es ist kein Zufall, dass die Zeichentrickserie „Die Simpsons“ ausgerechnet in Springfield spielt. Auf welches Springfield sich die Schöpfer der Show dabei beziehen, gibt immer wieder Anlass für Spekulationen, sogar in der Serie selbst. In der Episode „Kennst du berühmte Stars?“ trifft Homer Simpson auf Kim Basinger und Alec Baldwin, die sich am Lake Springfield ein Landhaus gekauft haben. „Was wir hier besonders schätzen“, sagt Basinger, „ist die Zurückgezogenheit. Die meisten Leute wissen nicht einmal, wo Springfield liegt.“ Und Homer antwortet darauf: „Um ehrlich zu sein, ich weiß es auch nicht.“
Das Springfield, das ich in diesem Frühjahr besuche, liegt in etwa in der Mitte des Kontinents, in Missouri. Es ist das Springfield mit den meisten Einwohnern: 170.000. Meine Cousine wohnt hier, in einem Einfamilienhaus am Rande der Stadt.
An einem verregneten Tag Mitte März fragt sie mich, was ich heute unternehmen wolle. Ich möchte mehr über die Geschichte des Ortes erfahren und schlage vor, das Heimatmuseum in Downtown besuchen. Und weil sie selbst noch nie dort war, sagt sie sofort zu.
4000 Kilometer von Chicago nach Los Angeles
Wir kaufen zwei Tickets und fahren mit dem Fahrstuhl in den obersten Stock hinauf. Kaum haben sich die Türen vor uns geöffnet, begrüßt uns ein Mann mit weißen Haaren und weißem Bart, stellt sich als Museumsführer Don Smith vor und fragt uns, ob er uns über die aktuelle Ausstellung informieren darf. Eine bunte Installation voller Daten, Fakten und Fotos schlängelt sich von einer Seite des Raumes zur anderen. „Das hier“, Don breitet die Arme aus, „erzählt die Geschichte unserer Gemeinde. Wir sind der Geburtsort der Route 66.“ Er weist auf die Reproduktion eines Telegramms vom 30. April 1926 hin, in dem die örtlichen Vorsitzenden der Straßenbaukommission und der Straßenverkehrsbehörde dem Leiter des Büros für öffentliche Straßen in Washington, D.C., vorschlagen, den Interstate Highway, der über fast 4000 Kilometer von Chicago über Springfield nach Los Angeles verlaufen soll, Route 66 zu nennen.

Die Nord-Süd-Strecken hatten damals ungerade Nummern zugewiesen bekommen, die Ost-West-Strecken gerade. Die wichtigsten Routen sollten dabei auf Null enden. Um die Nummer 60 war ein Streit zwischen den Bundesstaaten Kentucky und Missouri entbrannt, beide beanspruchten die Zahl für sich. Schließlich einigte man sich darauf, dass die bedeutendere Verbindung von Küste zu Küste über Kentucky die 60 erhielt. Missouri aber weigerte sich, die 62 anzunehmen, weil man dort das Gefühl hatte, die Zwei wirke wie ein zweiter Platz, daher brachte jemand bei einem weiteren Treffen im zentral gelegenen Colonial Hotel die weitaus glamourösere Zahl 66 ins Spiel, die zudem den Vorteil hatte, noch keiner Strecke zugewiesen worden zu sein. „Uns steht der 100. Jahrestag bevor“, sagt Don stolz. „Wir werden ein großes Festival feiern.“
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
„Das ist so cool“, sagt meine Cousine in bester US-amerikanischer Tradition, und ich frage, welche Geschichte er mit dieser Straße verbinde. „Das ist schwer zu sagen“, sagt Don Smith. „Das ist eng verknüpft mit dem, wer wir Amerikaner sind und was diese Nation ausmacht.“
Während wir einmal um die 66 Fuß lange Installation herumgehen, holt er weit aus. Nach dem Ersten Weltkrieg habe die Regierung eine Militärexpedition quer durchs Land geschickt, um zu sehen, wie lange sie von der Ost- bis an die Westküste brauchen würden. Dwight D. Eisenhower, der spätere US-Präsident, sei als junger Leutnant Teil dieses Teams gewesen und habe bei seiner Ankunft zu Protokoll gegeben, dass die meisten Wege eine einzige „Abfolge von Staub, Spurrillen, Gruben und Schlaglöchern“ gewesen seien. 62 Tage habe es gedauert, bis der Treck an seinem Ziel angekommen sei. Daraufhin habe die Regierung ein Gesetz zum Bau von Überlandstraßen verabschiedet, aber es habe noch bis 1938 gedauert, ehe alle Verbindungen vollständig asphaltiert gewesen seien.
Mutter aller Straßen, Lebensader, Überlebensader
Wir sind die einzigen Besucher des Museums, wir haben Zeit, und Don möchte wissen, was uns hierher verschlagen habe. Meine Cousine setzt ihn über unser Verwandtschaftsverhältnis in Kenntnis und erzählt ihm unsere Familiengeschichte: dass ihre Eltern in den 1950er-Jahren von Ostfriesland nach Missouri ausgewandert seien und in der Nähe von Kansas City ein paar Jahre lang eine Farm betrieben hätten. Und obwohl sie selbst seit fast 40 Jahren in Springfield wohne, habe sie bis heute nie einen Fuß in dieses Gebäude gesetzt. „Es war seine Idee.“

„Ja“, sagt er, an mich gewandt. „Warum sind Sie hier?“ – „Ich bin Schriftsteller …“, beginne ich, aber bevor ich weitersprechen kann, erwähnt er John Steinbeck und dessen vielfach preisgekröntes Epos „Früchte des Zorns“, diesen großen Familienroman über die Great Depression. Das Buch, ich erinnere mich vage, handelt von Farmern, die aufgrund der Weltwirtschaftskrise und der anhaltenden Dürre Haus und Hof aufgeben müssen und nach Westen ziehen, in der Hoffnung, es dort besser zu haben. Steinbeck bezeichne darin die Route 66 als die „Mother Road“, die Mutter aller Straßen, eine Lebensader, eine Überlebensader. „Die 66 ist der Pfad eines Volkes auf der Flucht“, zitiert Don, „vor dem Staub und dem schwindenden Land.“
„Aber es gibt doch auch diesen Song“, sagt meine Cousine. „Get your kicks on Route 66“.
Don nickt. „Geschrieben von Bobby Troup, gesungen von Nat King Cole.“
„Ich dachte, der ist von den Rolling Stones“, sagt meine Cousine, und ich sage, „ich kenne nur die Version von Depeche Mode.“
„Das ist alles richtig.“ Don hebt beide Hände und bewegt sie ein paar Mal vor und zurück, als versuche er, ein Feuer im Keim zu ersticken. „Diese Strecke ist ein fester Bestandteil unserer Kultur. Und auch eurer Kultur als Deutsche. Eisenhower, inzwischen Oberbefehlshaber der alliierten Streitkräfte in Europa, zeigte sich nach dem Sieg über Nazideutschland ziemlich beeindruckt von den Autobahnen und wollte etwas Vergleichbares in den USA, mehrspurige Straßen ohne Kreuzungen. Die Geschichte unserer Länder ist also eng miteinander verwoben.“
„Die Autobahnen waren aber keine Erfindung der Nazis“, sage ich, „die gab’s schon vorher.“
Meine Cousine, offenbar in Sorge, dass unser historischer Schlagabtausch an diesem Punkt eskalieren könnte, deutet auf eine Neon-Reklame in Form eines Kreuzes, die vom Boden bis zur Decke reicht. „Was hat es damit auf sich?“

Das erste Drive-Through-Restaurant der Welt
Und daraufhin erzählt uns Don die Geschichte von Sheldon „Red“ Chaney, der 1947 zusammen mit seiner Frau Julia an der Route 66 eine Tankstelle kaufte und Red’s Giant Hamburg gründete, das erste Drive-Through-Restaurant der Welt. Um Werbung für das neue Etablissement zu machen, ließ er an der Straße dieses Kreuz errichten. Quer leuchtete das Wort „GIANT“ auf, längs „HAMBURG“, ursprünglich hatte es „Giant Hamburger“ heißen sollen, die letzten beiden Buchstaben musste Red allerdings weglassen, weil das Konstrukt sonst die direkt darüber verlaufende Stromleitung berührt hätte. Es dauerte nicht lange, bis die Leute vor der neuen Kirche der Kulinarik Schlange standen. Und das brachte den Eigentümer auf die Idee, einen Teil des Geschäfts nach draußen zu verlagern. Um auch die zu bedienen, die vor der Tür auf Einlass warteten, habe er, so die Legende, eines Abends ein Loch in die Wand geschlagen. In den darauffolgenden Tagen habe er diese Öffnung ausgebaut, ein Schiebefenster eingesetzt und zu beiden Seiten mit Lautsprechern versehen, um von dort aus Bestellungen von Autofahrern entgegenzunehmen.
„Meine Güte“, sagt meine Cousine begeistert, „ich wusste gar nicht, dass ich hier am Nabel der Welt wohne.“
„Leider gibt es die Route 66 ja nicht mehr“, merkt Don an. „1985 wurde der Name offiziell aus dem Highway System entfernt, es sind nur Fragmente übrig geblieben, ein Teil der ehemaligen Strecke führt direkt hinter dem Museumsgebäude entlang.“ Er zeigt aus dem Fenster, und dabei schweift sein Blick über die Uhr an seinem Handgelenk. „Oh, ich habe mich verquatscht. Ich muss jetzt ganz schnell los, ich bin nämlich mit meiner Frau zum Mittagessen verabredet.“
Die ursprüngliche Route 66 gibt es nicht mehr
Als wir selbst wieder mit dem Fahrstuhl nach unten fahren und über die Straße gehen wollen, springt die Ampel vor uns auf Rot, und ein Wagen kommt laut hupend vor uns zum Stehen. Es sind Don und seine Frau, die uns zum Abschied aus den heruntergelassenen Fenstern zuwinken. „Das wäre was gewesen“, sagt meine Cousine kopfschüttelnd. „Tod auf der Route 66.“
Erst da, mit all diesem Wissen, fällt mir auf dem Nachhauseweg die inflationäre Verwendung der Zahl 66 in dieser Stadt auf: das Route 66 Car Museum, das 66 Drive-In Theatre, das Route 66 Steak n’ Shake. An vielen Laternen hängen Fahnen und Schilder mit dieser Nummer. Auf Wandgemälden voller Cadillacs, Drive-Throughs und Drive-Ins wird eine gute alte Zeit heraufbeschworen. Und an einer Stelle, an der Grenze von Downtown, stehen zwei mehrere Meter hohe Sechsen, die aus Radkappen bestehen. Die sagenumwobene Straße mag verschwunden sein, aber die Zahl selbst lebt.

Der weg nach Springfield
Anreise Ab Deutschland gibt es keine Direktflüge zum Springfield-Branson National (SGF). Ab Frankfurt kann man beispielsweise mit Delta nach Atlanta fliegen und von dort weiter nach Springfield, Missouri (rund 1000 Euro).
Route 66 Vom 30. April bis 3. Mai findet in Springfield die große 100-Jahr-Feier statt. In der Great Southern Bank Arena spielen Countrybands, am 1. Mai gibt es eine Auto-Parade über die Reste der Route 66, am 2. Mai in der Shrine Mosque einen Telegraph Ball, und in der ganzen Stadt werden Denkmäler eingeweiht. Unter anderem ein Mosaik an der Stelle, an der das Colonial Hotel einst stand – jenes Gebäude, von dem aus die Straßenbauverantwortlichen das Telegramm 1926 nach Washington schickten. www.route66kickoff.com
Unterkunft Im Oasis Hotel and Convention Center, einem 3-Sterne-Hotel sieben Kilometer von der Innenstadt entfernt. Oder im Best Western Rail Haven an der alten Route 66, ein 2-Sterne-Hotel in Form eines Motels, im Stil der 1950er-Jahre eingerichtet.
Weitere Events Entlang des ursprünglichen Verlaufs der Straße gibt es in acht Bundesstaaten das ganze Jahr über Veranstaltungen: die Hot Rod Power Tour in Illinois, die Route 66 Bike Week und den Route 66 Ultra Run in Arizona, die Other-Route 66-Ausstellungen in New Mexico und den Big Birthday Bash in Kalifornien. Mehr unter route66centennial.org und www.historic66az.com
