Es gibt Menschen, die kaufen ein Elektrofahrrad – und dann gibt es noch Kunden von Rotwild. Zwischen 6000 und 15.000 Euro müssen Fahrradbegeisterte derzeit für ein „Ingenieursbike“ aus dem südhessischen Dieburg hinblättern. Was BMW, Audi, Mercedes und Porsche gemeinsam haben: Jede einzelne Marke hat schon Räder bei Rotwild-Chef Peter Schlitt in Auftrag gegeben – zum Teil streng limitierte Sondereditionen. Was haben diese Fahrräder, dass Menschen bereit sind, so viel Geld auszugeben?
„Wir sind der Porsche der Fahrradbranche“, sagt Schlitt im Gespräch mit der F.A.Z. Ähnlich wie der Sportwagenhersteller aus Baden-Württemberg habe Rotwild den Anspruch, in allen Bereichen das „sportivste“ Modell zu fertigen. „Unsere Mission ist es, leichteste Bikes mit bestmöglicher Performance zu bauen, welche dem Kunden außergewöhnliche Fahrerlebnisse bieten.“
Nach dem zwischenzeitlichen Ende der Zusammenarbeit fertigt Rotwild von März an wieder Fahrräder für Porsche. Der Sportwagenhersteller sei ein besonderer Kunde, und das meint Schlitt nicht nur, weil er selbst einen Porsche fährt. Während beispielsweise der Auftrag für Mercedes-AMG nur eine streng limitierte Auflage umfasste, schaffte Rotwild in der Spitze eine Stückzahl von etwa 2000 für Porsche. In den meisten Jahren habe die jährliche Stückzahl bei etwa 700 gelegen.
Schlitt: „Wir wollen technisch das geilste Bike bauen“
„Wir haben noch nie ein Fahrrad entwickelt, um einen bestimmten Preis zu erzielen“, sagt Schlitt. „Das unterscheidet uns von der Konkurrenz“, betont der Mitgründer und heutige Chef, während er durch die Produktion läuft. Die Halle gleicht einer Manufaktur. Hier schrauben die 55 Beschäftigten die Rahmen aus Taiwan zu den Premiumbikes zusammen. Insgesamt sei der Anteil deutscher Fertigung noch so hoch, dass Rotwild unter „Made in Germany“ verkaufen könne.

Bis heute spricht Schlitt von einem Ingenieurbüro: „Wir wollen technisch das geilste Bike bauen und haben immer noch das Glück, dass wir das durch die Zusammenarbeit mit verschiedenen Kunden immer wieder auf unterschiedliche Art und Weise unter Beweis stellen können“, sagt der 60 Jahre alte Maschinenbauingenieur. Das habe eben seinen Preis.
Die Anfänge des Unternehmens gehen auf das Jahr 1994 zurück. Um sein Fahrrad wieder auf Vordermann zu bringen, entwickelte Schlitt gemeinsam mit seinem Mitgründer Peter Böhm einen „Carbon Brake Booster“. Gemeinsam fuhren die beiden zu einem Fahrradfestival an den Gardasee und stellten an einem Stand ihren Bremskraftverstärker vor. Bis dahin hatten die beiden vier Exemplare hergestellt. Dann bestellte das Unternehmen Magura gleich 1000 Stück. Die beiden waren überrascht. Sie tüftelten auch an Ideen für eigene Fahrradrahmen, aber mehr als Skizzen kamen dabei zunächst nicht heraus.
Deutsche Fahrradmarke mit Profil
Es dauerte nicht lange, da unterbreitete ein Redakteur des Mountainbikemagazins „Bike“ Schlitt und Böhm ein verführerisches Angebot: „Wenn ihr wirklich ein eigenes Fahrrad baut, bekommt ihr eine Doppelseite.“ Das war der richtige Moment für die beiden. Im Februar 1996 war der erste Prototyp fertig: elektrische Nabenschaltung, eine Doppelbrückengabel mit Carbon-Tauchrohren, ein Pirelli-Zahnriemen und eine hydraulische Scheibenbremse von Sachs. Bis heute setzen sich viele Modelle von Rotwild mit einem markanten, hoch verlaufenden Oberrohr auch optisch von der Konkurrenz ab.

Nach der Veröffentlichung des Artikels im Fahrradmagazin stieg die Bekanntheit rasant, obwohl viele das Bike für einen „Aprilscherz“ hielten. Im selben Jahr fuhr der Profifahrer Stefan Herrmann mit einem Rotwild-Prototyp zur Downhill-Weltmeisterschaft nach Australien – und gewann einen Titel. Der Aufstieg von Rotwild vollzog sich für die Gründer wie ein Rausch.
Rotwild kurzzeitig am Abgrund
Doch der nüchterne Blick in die Bilanz sorgte 2001 für ein böses Erwachen. Die Schulden waren stark gestiegen. Schlitt räumt heute ein: „Von außen haben wir geglänzt, aber innen hat die Hütte gebrannt.“ Die betriebswirtschaftliche Unerfahrenheit zweier Ingenieure traf auf verspätete Lieferungen, höhere Bezugspreise und einen zu niedrigen Anteil des Gewinns am Umsatz. Das Ingenieurbüro stand kurz vor dem Ende.
Ein Geschäftspartner meinte zu ihm: Entweder bist du Ingenieur oder Geschäftsführer. So stand von 2001 an Schlitt allein an der Spitze. Eigene Zeichnungen von Fahrradrahmen fertigte er aber nicht mehr an. Für den Vollblutingenieur war das keine leichte Entscheidung. Das Geld war nahezu aufgebraucht, jedoch nicht die Motivation. Die Geldgeber gaben den beiden Peters eine zweite Chance. Böhm fokussierte sich auf die Technik. Er gilt als nüchterner Analytiker und ist damit eine sinnvolle Ergänzung zu dem manchmal zu visionären Schlitt. Dann kämpfte sich Rotwild zurück.

2014 gelang dem Unternehmen ein Coup auf dem Fahrradfestival am Gardasee. Rotwild trat dort nur mit Elektrofahrrädern auf – eine kleine Sensation. Mit dem allmählichen Siegeszug des Elektrofahrrads kletterte auch der Umsatz des Unternehmens. Von Anfang an war der hessische Hersteller bemüht, den E-Motor so zu integrieren, dass das Rad möglichst leicht und sportlich ist. Auch damit habe Rotwild dazu beigetragen, das E-Bike von seinem Seniorenimage zu befreien und zum Kassenschlager zu entwickeln, ist man in Dieburg überzeugt.
Abschwung nach Corona-Pandemie
Die Vorreiterstellung sollte sich in der Corona-Pandemie auszahlen. Die gesamte Branche profitierte davon, dass plötzlich sehr viele Menschen ein Fahrrad mit Elektroantrieb haben wollten. Doch Schlitt spricht von einer Überhitzung, gar von einer „Gier“ der Branche. Die nachgefragte Menge allein im Hause Rotwild schoss auf mehr als 10.000 nach oben. Zu viel für das Unternehmen. Schlitt musste viele Bestellungen absagen. Trotzdem schnellte der Jahresüberschuss 2023 auf mehr als 4,3 Millionen Euro. Im selben Jahr habe ein verführerisches Übernahmeangebot auf dem Tisch gelegen. Doch Schlitt lehnte ab.
Es war abzusehen, dass auf den Corona-Boom ein heftiger Abschwung folgte. Der Jahresüberschuss schrumpfte 2024 um mehr als 93 Prozent auf rund 293.000 Euro. Diesmal war Rotwild besser aufgestellt und konnte den Einbruch leichter verkraften als 2001. Dennoch musste Schlitt für 2025 ein Minus vor Steuern von etwa 4,8 Millionen Euro verkraften.
Wie geht es nun weiter? Schlitts ambitionierte Ziele: eine jährliche Stückzahl von 10.000 Fahrrädern, ein Umsatz von einer Million Euro je Vollzeitarbeitskraft und ein Durchschnittsverkaufspreis je Rad von 10.000 Euro. Aktuell verkauft Rotwild nur E-Bikes. Im kommenden Jahr soll auch ein Gravelbike, eine Kombination aus Rennrad und Mountainbike, ohne E-Motor hinzukommen. Je nach Leistung soll es zwischen 4000 und 10.000 Euro kosten. Damit will Rotwild verstärkt jüngere und weibliche Kunden ansprechen.
Sich von der Unternehmensspitze verabschieden will Schlitt erst, wenn das Funkeln in seinen Augen beim Auspacken der Rahmen erloschen ist. Dann habe er dort nichts mehr verloren, sagt er.
Das Unternehmen
Die ADP Engineering GmbH besteht seit 1996. Damals zählten noch Peter Schlitt, Peter Böhm und Claus Hafner-Arnold zu den Gesellschaftern. Heute steht Schlitt allein an der Spitze und das Unternehmen verkauft derzeit ausschließlich E-Bikes, 2025 waren es 4182. Der Umsatz stieg 2025 um 0,4 Prozent auf rund 28 Millionen Euro. Das Ergebnis nach Steuern lag mit 4,8 Millionen Euro im negativen Bereich. Bisher zählten eher Männer, die älter als 50 Jahre alt sind und ein relativ hohes Einkommen haben, zu den typischen Kunden.
