Am Schluss siegt die Demokratie. Zumindest im Theater. Die „Orestie“ von Aischylos entstand vor rund 2500 Jahren. Worum es darin geht? Ein Vater tötet seine Tochter. Daraufhin tötet seine Frau ihn. Später wird sie vom Sohn getötet. Und dann wird der Rechtsstaat erfunden, um den Kreislauf aus Schuld, Gewalt und Mord zu stoppen.
Der Bühne eröffnet das Stück einen hoffnungsvollen Möglichkeitsraum, wie nun am Theater Vorpommern zu sehen ist. Dessen Schauspielsparte ist wegen umfangreicher Renovierungsmaßnahmen bis 2030 in der Stadthalle von Greifswald untergebracht, wo die Bedingungen natürlich beschränkt sind. Aber Regisseur Torsten Fischer braucht nicht viel, um die „Orestie“ zu erzählen – allerdings in der Fassung von Robert Icke.
Robert Ickes Drama die Geschwätzigkeit austreiben
Der englische, eine Weile ziemlich gehypte Überschreibungsautor hat die Vorlage in heutige Sprache übertragen, zur temporären Therapieeinheit umgestrickt und sich auf seine Art bemüht, den Mythos zu aktualisieren. Torsten Fischer hat Ickes Drama klug gekürzt und ihm die Geschwätzigkeit ausgetrieben. Er stützt sich jetzt mit dem ausgezeichneten Ensemble auf die verdichtete Geschichte und die komprimierten Konflikte. Ein paar Labortische auf Rädern und einige einfache Stühle, mehr ist im klaren und sinnfälligen Bühnenbild von Herbert Schäfer nicht nötig, um den Rahmen für eine Familientragödie anzudeuten, die außerdem eine politische Tragödie ist.
Der Kostümbildner und Maler Vasilis Triantafillopoulos hat die Stellwände ringsherum mit comichaften, schwarz-weißen Gesichtern versehen, die an verfremdete Masken erinnern. Vorwiegend schwarz und weiß gekleidet sind auch die neun Schauspieler, die das Geschehen oft gemeinsam als Chor begleiten. Die Macht liegt bei Agamemnon, Herrscher von Mykene und Oberbefehlshaber der Griechen im Trojanischen Krieg. Er will mit seiner Flotte endlich auslaufen, kämpfen, gewinnen. Doch der Wind bleibt aus. Wenn er seine Tochter Iphigenie tötet, wird das Wetter auf seiner Seite sein, wird ihm verheißen. Hannes Rittig, ein Baum von einem Generalissimus und zugleich ein Vater mit einem manchmal weichen Herzen, will erst nicht – und dann schon. Und die tapfere, ihm loyal ergebene Annika Gräslund als Iphigenie schluckt widerspruchslos die Tablette, die er ihr hinlegt – und fällt tot zu Boden, ebenso alle anderen.
Stargast im Greifswalder Ensemble
„Das Kind ist der Preis“, wird mehrfach betont, und der zerstört nicht nur eine Familie, sondern die Grundfesten einer ganzen Gesellschaft. Allgemeinwohl geht hier nicht über Individualwohl, obwohl es die Politiker energisch fordern. Die faszinierend heroische Judith Rosmair, Stargast im Greifswalder Ensemble, erkennt als Agamemnons Frau Klytämnestra sofort die Lügenpropaganda. Sie tobt, sie bezirzt, sie argumentiert, aber weder Grips noch Sex helfen ihr gegen die Kriegslogik der Männer. Im schwarzen Designerkleid, wie ein elegantes Projektil aus zornigem Fleisch und kochendem Blut, feilscht sie um das Leben ihrer Tochter. Als sie unterliegt, ist auch Agamemnons Tod besiegelt. Klytämnestra wird ihn nach Jahren – ihr Rachewunsch hat kein Verfallsdatum – umbringen. Ekstatisch tanzt sie danach, dreht sich triumphierend im Kreis und fühlt sich endlich frei – bis ihr Sohn Orest den Vater rächen und sie erschlagen wird, mit der Axt, die Paula Dieckmann als seine Schwester Elektra für ihn aufbewahrt hat.

Jakob Schleert als der in vielen Zwängen verstrickte Orest liegt zu Beginn verkrümmt wie ein frisch erlegtes Wild auf einem der Tische. Ihm zur Seite lauert Gabriele Völsch als abgebrühte Ärztin auf der Suche nach der Wahrheit. Diese Medizinfrau wurde von Robert Icke geschaffen, der offenbar von einer Wunderheilung träumte. Torsten Fischer integriert sie unangestrengt in das antike Figurentableau. Schlussendlich liegen und sitzen alle wie Geschworene in langer Reihe – und sprechen Orest frei. Denn es soll eine neue Zeit kommen, die auf Gesetzen statt auf Gebräuchen basiert.
Politisch Haltung zeigen
Das bewegende Finale von Torsten Fischers beherzt leichthändiger und pointiert abstrakter, von mitreißender Spannung erfüllter Inszenierung passt gerade bestens zu dieser Stadt in Mecklenburg-Vorpommern. Überall hängen noch die Plakate zur Landtagswahl vom 20. September, etwa mit dem flammenden Slogan „MV nicht der AfD überlassen“. Rolf C. Hemke, seit November 2025 der künstlerische Leiter des Theaters Vorpommern, bleibt angesichts eines gespaltenen Landes gelassen: „Den Zuschauern ist ihre Gesinnung ja nicht auf die Stirn geschrieben. Wenn wir hier politisch Haltung zeigen, dann als Künstlerinnen und Künstler und mit unserem Spielplan. Wir stehen für gesellschaftlichen Zusammenhalt und für demokratische Grundwerte. Wir versuchen, die Menschen mit literarischen theatralen Inhalten zu erreichen und zum Nachdenken anzuregen.“ Hemke, der zuvor acht Jahre lang das Kunstfest Weimar geleitet hat, will sein Haus behutsam internationaler ausrichten.
Gerade hat er die portugiesische Choreographin Tânia Carvalho als künftige Ballettchefin engagiert, die gute Kontakte zum Théâtre de la Ville in Paris hat. Er selbst bereitet eine Koproduktion mit dem Hong Kong Arts Festival in Sachen Christoph Hein vor. Die Hochschulstädte Greifswald und Stralsund (wo sich die Oper befindet) haben ein aufgeschlossenes Publikum. Als rheinische Frohnatur will der gebürtige Kölner Hemke auch an seiner zweiten ostdeutschen Station optimistisch in die Zukunft blicken. Oder, wie es in Torsten Fischers Inszenierung mit den hinzugefügten Worten Luigi Nonos aus dessen Bühnenwerk „Intolleranza 1960“ heißt: Nicht aufhören zu lieben. Im Theater und überall.
