Die Füße still zu halten, gehört nicht zu den Kernkompetenzen von Klaus Schwab. Wäre das so, hätte er es gewiss nicht geschafft, das Weltwirtschaftsforum (WEF) aufzubauen. Das von dem gebürtigen Ravensburger im Jahr 1971 ins Leben gerufene Stelldichein im Schweizer Bergort Davos ist zu einem einzigartigen Treffen der Mächtigen aus Politik und Wirtschaft geworden. Im vergangenen Jahr musste Schwab sein Amt als Vorsitzender des WEF-Stiftungsrats dann aufgeben. Whistleblower hatten ihm unter anderem Spesenbetrug und unangemessenes Verhalten gegenüber Mitarbeitern vorgeworfen.
Nach einer externen Untersuchung kam der Stiftungsrat im August 2025 indes zu dem Schluss, dass „keine Hinweise auf schwerwiegendes Fehlverhalten“ vorlägen. Schwab selbst sprach in einer Stellungnahme von einer Vereinbarung mit dem WEF, „welche die gegenseitigen Beziehungen normalisiert und den Weg für eine fruchtbare Zusammenarbeit in der Zukunft ebnet“.

Doch dazu ist es nicht gekommen – im Gegenteil: Auf dem Weltwirtschaftsforum im Januar in Davos spielten Schwab und seine Frau Hilde erstmals keine Rolle. Bald darauf äußerte der Achtundachtzigjährige öffentlich seinen Unmut darüber, dass sich das Forum aus seiner Sicht in die falsche Richtung entwickle. Schwab erkennt eine Amerikanisierung der Veranstaltung und macht dafür unter anderem Larry Fink verantwortlich.
Nur noch eine reine Businessplattform?
Der Gründer und Chef der amerikanischen Investmentgesellschaft Blackrock führt den Stiftungsrat seit einem Jahr gemeinsam mit dem Roche-Erben André Hoffmann interimistisch noch mindestens bis Januar 2027 an. Schwab fürchtet, dass das WEF zu einer reinen Businessplattform mutiert, über die Unternehmer und Konzernchefs Geschäfte anbahnen.
Genau das war zwar immer auch ausschlaggebend dafür, dass Unternehmen horrende Preise für ihre Teilnahme in Davos zahlten – es stand für Schwab selbst aber im Hintergrund. Ihm ging es darum, über die langfristige Ausrichtung der Wirtschaft unter Berücksichtigung aller gesellschaftlichen Interessen zu diskutieren sowie Konzepte für eine bessere Gestaltung der Zukunft zu entwickeln. Der Weltverbesserer bezeichnete sein Forum als „Plattform der Verantwortung“, auf der Regierungen, Unternehmen, Wissenschaft, Zivilgesellschaft und Kultur zusammenkommen.
Kurzum: Schwab fürchtet um den von ihm beschworenen Geist von Davos und damit um sein Lebenswerk. Deshalb hat er dem Stiftungsratsvorsitzenden André Hoffmann vor einigen Wochen einen geharnischten Brief geschrieben. Darin monierte Schwab, dass das WEF als „einzigartige Multi-Stakeholder-Institution“ durch die „radikale Umgestaltung der Governance“ bedroht sei. Nach einem Bericht der „NZZ am Sonntag“ drohte er in dem Schreiben damit, „alle geeigneten rechtlichen Schritte“ einzuleiten, um den Zweck, die Identität und die institutionelle Integrität des Forums zu schützen. Dabei soll er sich auf seine Rechte als Stiftungsgründer berufen haben.

Dem Vernehmen nach ist Schwab inzwischen jedoch wieder zurückgerudert. Er wolle und werde nicht gegen das WEF prozessieren, verlautet aus seinem Umfeld. Zu diesem Schwenk mag ihn nicht nur die Einsicht geführt haben, dass er seine Energie im hohen Alter besser auf andere Dinge wie zum Beispiel das Bücherschreiben konzentrieren sollte anstatt auf juristische Hiebe gegen die Institution, die er eigenhändig aufgebaut hat.
Auch die Haltung der Eidgenössischen Stiftungsaufsicht (ESA) könnte eine Rolle gespielt haben. Die ESA geht davon aus, dass Stifter nur dann eine Stiftungsaufsichtsbeschwerde einreichen können, wenn sie ein eigenes, konkretes und aktuelles schutzwürdiges Interesse an der Kontrolle der Stiftung haben. „Zieht sich ein Stifter aus der Stiftung zurück, etwa durch Rücktritt oder eine entsprechende Vereinbarung mit der Stiftung, entfällt dieses Interesse und damit die Beschwerdelegitimation“, erklärte eine Sprecherin der ESA gegenüber der F.A.Z.
Schwab als lästiger Störenfried
Schwabs jüngster Vorstoß dürfte gleichwohl für Diskussionen im Stiftungsrat gesorgt haben, der am Dienstag am WEF-Sitz in Cologny bei Genf zusammenkam. In dem Gremium gibt es beides: Sympathisanten und Gegner von Schwab. Die einen honorieren seine Verdienste für das Forum und sind ihm bis heute dankbar dafür, dass er sie in den Stiftungsrat geholt hat.
Die anderen halten den alten Patron inzwischen für einen lästigen Störenfried, der sich partout nicht an den vor Jahresfrist ausgehandelten „Friedensvertrag“ hält – und das, obwohl Schwab aus der damaligen Untersuchung keineswegs mit weißer Weste herausgekommen war. Vielmehr zeigten die Ermittlungen, dass sich Schwab während seiner Amtszeit tatsächlich einige private Ausgaben vom WEF hatte erstatten lassen und dass er im Jahr 2017 aus politischen Motiven in das Ranking des „Global Competitiveness Report“ eingegriffen hatte.
Die Stiftungsräte diskutierten am Dienstag auch über die Führung (Governance) der WEF-Stiftung. Denn diese muss auf Druck der Stiftungsaufsicht verbessert werden. Konkret pochen die Aufseher auf eine Verkleinerung des Stiftungsrats. Dieser hat 28 Mitglieder und ist damit viel zu groß und schwerfällig, um vernünftig arbeiten und entscheiden zu können. Bei Larry Fink und André Hoffmann rennen die Aufseher damit prinzipiell offene Türen ein. Doch als das Duo im Juni seine Pläne für eine Reform des Gremiums präsentierte, biss es im Stiftungsrat auf Granit. Offenkundig hängen viele Mitglieder an ihren prestigeträchtigen Posten, die ihnen einen privilegierten Zugang zum alljährlichen Treffen in Davos garantieren.
Schweizer Stiftungsaufsicht übt Kritik
Es ist eine illustre Gruppe von Personen, die Klaus Schwab einst in den Stiftungsrat gehievt hat. Er wollte, dass alle „Stakeholder“ dort vertreten sind, also neben Persönlichkeiten aus der Wirtschaft auch solche aus Wissenschaft und Kunst. So sitzen im Stiftungsrat unter anderem Jordaniens Königin Rania Al Abdullah, der früher US-Vizepräsident Al Gore, der Cellist Yo-Yo Ma, der Salesforce-Chef Marc Benioff, die IWF-Direktorin Kristalina Georgieva, der ehemalige Siemens-Chef Joe Kaeser, die WTO-Generaldirektorin Ngozi Okonjo-Iweala und der Weltbank-Präsident Ajay Banga. Im Moment sieht es danach aus, dass schrittweise nur jene Stiftungsmitglieder ausscheiden, die länger als in den Statuten vorgesehen im Amt sind.
Um die Arbeitsfähigkeit zu verbessern, haben Fink und Hoffmann einen Steuerungsausschuss (Governing Board) gebildet, dem sechs Mitglieder des Stiftungsrats angehören. Neben Fink und Hoffmann sind dies der Siemens-Chefaufseher Jim Hagemann Snabe, der Axa-Chef Thomas Buberl, der frühere IWF-Vizedirektor Zhu Min und Orit Gadiesh von der Unternehmensberatung Bain.
Dass dieser Truppe nun bestimmte Aufgaben obliegen, scheint der Stiftungsaufsicht allerdings nicht zu gefallen, wie André Hoffmann Ende Juli der Schweizer „Handelszeitung“ sagte: „Ich halte es für sinnvoll, einige Aufgaben wieder dem Stiftungsrat zu übertragen, denn das Schweizer Stiftungsrecht setzt der Delegation von Aufgaben des Stiftungsrats enge Grenzen.“
Lagarde hält sich noch andere Optionen offen
Nach dem gescheiterten Reformvorstoß im Juni legten Hoffmann und Fink dem Stiftungsrat am Dienstag nach Informationen der F.A.Z. keine neuen Anträge für eine Reorganisation vor. Vielmehr einigte man sich darauf, etwaige Änderungen erst dann in Angriff zu nehmen, wenn der oder die neue Stiftungsratsvorsitzende gefunden ist. Diesen Posten könnte Christine Lagarde übernehmen. Die Französin gehört dem WEF-Stiftungsrat schon seit Langem an und scheidet 2027 aus ihrem Amt als EZB-Präsidentin aus. Sie hält sich aber offenbar auch noch andere Karriereoptionen offen.

Lagarde sei eine „sehr gute Kandidatin“, sagte Hoffmann in dem Interview, wobei er betonte, dass es auch noch andere Kandidaten für den WEF-Vorsitz gebe. Unter anderem wird spekuliert, dass Jim Hagemann Snabe das Amt übernehmen könnte. Der Däne gibt seinen Posten als Chefaufseher von Siemens im Februar 2027 auf und wäre somit frei für eine neue Aufgabe.
Wer auch immer auf das Duo Fink/Hoffmann folgt, soll dann (mit)bestimmen, wer das operative Geschäft des Forums künftig führen soll. Dieser Posten ist nur interimistisch besetzt, seit Børge Brende im Februar wegen seiner früheren Kontakte zum Sexualstraftäter Jeffrey Epstein zurücktreten musste.
Unterdessen wurde im Juli in Schwabs Privathaus in Cologny bei Genf eine Abhörvorrichtung entdeckt. Die Wanze befand sich in seinem Arbeitszimmer. Wer dahintersteckt und ob tatsächlich Gespräche aufgezeichnet wurden, ist unklar. Schwab hat Strafanzeige gegen unbekannt erstattet. Jetzt ermittelt die Generalstaatsanwaltschaft des Kantons Genf.
