Wenn die erste russische Gymnastin am Mittwochnachmittag mit ihrem Ball auf die Fläche der Frankfurter Festhalle tritt, dann wird sie aller Voraussicht nach als Vertreterin von WG1 vorgestellt worden sein. WG steht für World Gymnastics, wie sich der Weltturnverband mittlerweile offiziell nennt. Die Ziffer ist notwendig, da bei der WM in der Rhythmischen Sportgymnastik auch Belarus am Start ist, entsprechend WG2.
Die russische Gymnastin wird in Frankfurt keinen Turnanzug in russischen Farben tragen, und es wird keine russische Fahne neben ihrem Namen eingeblendet werden. Falls sie am Freitag Weltmeisterin wird, wird nicht die russische Hymne erklingen. „Angesichts der Situation bin ich zufrieden mit dieser Lösung“, sagte Alfons Hölzl, Präsident des Deutschen Turner-Bundes (DTB), am Montag gegenüber der F.A.Z.
Die erzielte Einigung ist das Ergebnis wochenlanger Verhandlungen, hatte doch der Weltverband Mitte Mai knapp verkündet, er hebe alle Ad-hoc-Regeln, also jene Vorgaben, unter denen es Vertretern aus Russland und Belarus unter bestimmten Bedingungen seit Anfang 2024 ermöglicht worden war, an Wettbewerben teilzunehmen, mit sofortiger Wirkung auf. Der europäische Kontinentalverband übernahm qua Beschluss seiner Exekutive diese Entscheidung just drei Tage vor Beginn der EM in der RSG Ende Mai.
Der entscheidende Schachzug im DTB-Antrag
In der bulgarischen Stadt Varna erklang erstmals seit Ausbruch des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine bei einem internationalen Turnwettbewerb wieder die russische Hymne. Es war der DTB, der daraufhin sportpolitisch die Initiative ergriff: Er stellte einen Antrag auf eine außerordentliche Vollversammlung der europäischen Verbandsvertreter. Darin solle darüber abgestimmt werden, dass erstens allen qualifizierten Athleten aus Russland und Belarus die Teilnahme an Wettkämpfen ermöglicht wird; und zweitens zentrale Einschränkungen ihnen gegenüber wieder in Kraft treten: keine Flaggen, keine nationalen Symbole, keine Hymne.
Daraufhin begannen die Verhandlungen mit dem Weltverband, da European Gymnastics offenbar keinen Alleingang wagen wollte. Dies ist nicht zuletzt angesichts des verwickelten Reglements nachvollziehbar: So gelten die diesjährigen Europameisterschaften als Qualifikation für die Weltmeisterschaften, bei denen wiederum die Qualifikation für die Olympischen Spiele 2028 ihren Anfang nimmt.
„Keinen Propagandaraum für Putin zulassen“
Der entscheidende Schachzug im DTB-Antrag war vermutlich der erste Satz in Hölzls Argumentation: Denn mit der Forderung, allen Qualifizierten die Teilnahme zu garantieren, brachte man die Macht der nationalen Regierungen beinahe offensiv ins Spiel. Unter den Ad-hoc-Regeln war es der Weltverband gewesen, der die „Neutralität“ der russischen Sportler begutachtet und damit eine Art Unbedenklichkeitsbescheinigung ausgestellt hatte. Soweit bekannt ist, hat keine nationale Regierung je einer Turnerin mit diesem Status die Einreise verweigert.
Die deutsche Bundesregierung wolle „keinen Propagandaraum für Putin oder Russland zulassen“, sagte Alfons Hölzl nun Ende Juli, zumindest bestehe daher die Gefahr, „dass Visa nicht erteilt werden“. Gleichzeitig sei der DTB als Ausrichter der WM gehalten, die Regularien des Veranstalters, also des Weltverbandes, umzusetzen, sprich allen Sportlern die Teilnahme zu ermöglichen. Ohne es explizit zu benennen, war deutlich, welches Szenario hier droht: ein zweites Jakarta.
Bei der Turn-WM in Jakarta im vergangenen Herbst hatte der Weltverband zugesehen, wie die indonesische Regierung der israelischen Delegation die Visa verweigerte. Verbandspräsident Morinari Watanabe und sein nun ausscheidender Generalsekretär Nicolas Buompane bedauerten das Vorgehen damals wortreich, konstatieren den fundamentalen Bruch mit den eigenen Statuten und taten dann: nichts. „Ich spreche nicht über Politik. Ich spreche über Sport“, hatte Watanabe in Jakarta gesagt. Es war ein Fiasko. Und ein Präzedenzfall war geschaffen.
Nun machte der Weltverband vor zwei Wochen fix einige Schritte zurück und öffnete so die Tür für eine Rückkehr zu Sanktionen gegen russische und weißrussische Athleten. Die Europäer übernahmen diese Regelung weitestgehend. Und Watanabe reiste für einen Termin im Bundeskanzleramt extra nach Berlin. „Ich werde mein Bestes geben“, sagte der Präsident im Vorfeld des Treffens.
Für die EM in Zagreb wurden neun von 65 Visa-Anträgen abgelehnt
Für den Kontinentalverband European Gymnastics, der ab diesem Donnerstag in Zagreb die Europameisterschaften der Turnerinnen veranstaltet, ist es trotz der Rückkehr zum Neutralitätsgebot für die Russen nicht so reibungslos gelaufen wie in Frankfurt. Wie die russische Nachrichtenagentur TASS am vergangenen Freitag bekannt gab, wurden neun von insgesamt 65 Visa-Anträgen der Delegationen seitens des zuständigen kroatischen Ministeriums ablehnend beschieden. Die Begründung: „unzulässiger Zweck und Bedingungen des geplanten Aufenthalts“.
Unter den neun Personen befanden sich neben einem Trainer, einem Arzt und drei Turnern, deren EM in der kommenden Woche beginnt, auch einige der besten russischen Turnerinnen: Viktoria Listunova und Angelina Melnikova gehörten zum siegreichen Team bei den Olympischen Spielen in Tokio 2021. Melnikova ist zudem Weltmeisterin im Mehrkampf und am Sprung, im Herbst startete sie in der deutschen Bundesliga, in diesem Frühjahr in der italienischen Liga. Auf Instagram erklärte die 25-Jährige am Wochenende, man wolle offenbar verhindern, „dass die Besten gegeneinander antreten“, und nannte die Entscheidung „absurd“.
Am Montag wurde bekannt, dass die kroatischen Behörden teils einlenkten: Es habe in der vergangenen Woche „verschiedene Telefonate“ mit dem kroatischen Turnverband und der Regierung gegeben, schreibt eine Sprecherin des europäischen Verbandes auf Anfrage der F.A.Z., „um eine Lösung in den Visa-Angelegenheiten zu finden“. Drei weitere Visa seien daraufhin genehmigt worden, darunter jenes von Melnikova und der aktuellen russischen Meisterin Anna Kalmykova, beide hätten ihre Reise gen Kroatien bereits angetreten. Zu den weiterhin abgelehnten Anträgen heißt es, die kroatische Regierung habe dazu „keine offizielle Begründung“ abgegeben.
