
Der 1. Mai im Rhein-Main-Gebiet ist traditionell ein Tag der vermeintlichen Gegensätze, die bei näherem Hinsehen gar keine sind, sondern vielmehr das vielschichtige Fundament der Gesellschaft abbilden. Auf dem Frankfurter Römerberg versammeln sich die Gewerkschaften unter von wirtschaftlichen Sorgen geprägtem Motto „Erst unsere Jobs, dann eure Profite“, während nur wenige Straßen weiter das wohl schönste sportliche Aushängeschild der Region rollt: der Radklassiker Eschborn−Frankfurt.
Es ist kein Zufall, dass dieses Rennen nicht einfach „Rund um Frankfurt“ heißt. Der Kurs verbindet das wirtschaftlich aufstrebende Eschborn mit den landschaftlichen Herausforderungen des Taunus – das neue, noch anspruchsvollere Streckenprofil und der berühmte Mammolshainer Stich verlangten den Profis auf der WorldTour und den Tausenden Jedermann-Fahrern der Velotour auch in diesem Jahr wieder alles ab. Erst danach führt die Strecke hinein in das Herz Frankfurts. Wenn Zehntausende Hobbysportler und Weltklasse-Athleten auf denselben, sonst vom Autoverkehr dominierten Straßen fahren und Hunderttausende am Straßenrand jubeln, entsteht ein Raumgefühl, das es häufiger geben sollte.
Was man am langen Mai-Wochenende erleben kann, ist das sprichwörtliche Band, das Rhein-Main zusammenhält. Es ist jene schwer greifbare, aber an Tagen wie diesem spürbare Identität, die eben nicht an den Stadtgrenzen Frankfurts haltmacht. Ob bei den traditionellen Schlemmerwochen im Rheingau, beim Frühlingserwachen der Weingüter in Rheinhessen oder beim neu eröffneten spanischen Design-Pavillon „DRAC“ im Frankfurter Westend. Letzterer, ein Beitrag zur World Design Capital 2026, wurde im Garten des Instituto Cervantes explizit für das Zusammenkommen entworfen. Das architektonische Pendant zu dem, was das Radrennen auf dem Asphalt leistet: Räume, um Gemeinschaft zu schaffen.
Wir-Gefühl braucht den Perspektivwechsel
In einer Zeit, in der Fliehkräfte die Gesellschaft belasten, sei es durch den konjunkturellen und technologischen Druck, um den es auf dem Römer ging, oder durch politische Polarisierung, sind diese Momente der kollektiven Erfahrung unverzichtbar. Das Rhein-Main-Gebiet beweist an einem solchen Wochenende, dass es mehr ist als nur ein zweckmäßiger Pendlerraum, mehr als ein Flughafen und mehr als eine in Deutschland einzigartige Skyline. Rhein-Main, das ist ein eng verflochtener, gewachsener Lebensraum. Zusammenhalt entsteht durch solche geteilten Erlebnisse, von denen es zu wenige gibt – und die vor allem im politischen Alltag in der Region zu wenig gelebt werden. Wenn Stadt und Umland dann doch einmal miteinander verschmelzen, zeigt das eindrucksvoll: Wir-Gefühl braucht den Perspektivwechsel. Nur so wird aus dem dichten Nebeneinander vieler Kommunen mit Tarifgrenzen sogar im öffentlichen Nahverkehr eine gemeinsame Heimat, aus einer Wirtschaftsregion eine funktionierende Gesellschaft.
